„Nein, ich meinte das nicht in dem Sinne, sondern man müsse achtgeben, daß bei ihnen nicht irgendeine Geschichte passiert ... Übrigens, alle solche Geschichten pflegen, ob nun so oder so, doch immer auf eine Weise zu enden ... Sprechen wir nicht davon.“
Was Werssiloffs Besuch bei den Nachbarinnen betraf, weigerte er sich mit aller Entschiedenheit, irgendein Urteil darüber auszusprechen.
„Alles ist möglich; der Mensch hat plötzlich Geld in der Tasche gefühlt ... Übrigens, es ist aber auch wahrscheinlich, daß er einfach Arme beschenkt hat; das – würde seiner Tradition entsprechen und dem, was man sich von ihm erzählt, und vielleicht auch seinen Neigungen.“
Ich erzählte, was Stebelkoff von einem „Säugling“ geschwätzt hatte.
„In diesem Fall irrt sich Stebelkoff ganz und gar,“ sagte Wassin, als ich zu Ende erzählt hatte, mit besonderem Ernst und Nachdruck (und das merkte ich mir). „Stebelkoff,“ fuhr er fort, „verläßt sich zuweilen gar zu sehr auf seine praktische gesunde Vernunft und macht deshalb seine Folgerung entsprechend seiner Logik, die oft allerdings recht scharfsinnig ist; indessen kann die Wirklichkeit ein viel phantastischeres und ungewöhnlicheres Kolorit haben, je nachdem von welcher Art die handelnden Personen sind. So ist es auch in diesem Fall: er kennt die Sache nur zum Teil und hat nun logisch den Schluß gezogen, daß es Werssiloffs Kind sei; und doch ist es nicht Werssiloffs Kind.“
Ich drang mit Bitten in ihn und erfuhr zu meiner großen Verwunderung: das Kind stammte vom Fürsten Ssergei Ssokolski. Lydia Achmakoff hatte manchmal, ob nun infolge ihrer Krankheit oder einfach aus phantastischer Charakteranlage, wie eine Wahnsinnige gehandelt. So hatte sie sich noch vor ihrer Schwärmerei für Werssiloff in den Fürsten verliebt, und der Fürst hatte „kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen“, wie Wassin sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur allerkürzeste Zeit: es war zwischen ihnen sehr bald zum Zerwürfnis gekommen, und Lydia hatte den Fürsten von sich gestoßen, „worüber dieser, glaube ich, sehr froh war,“ sagte Wassin.
„Sie war ein sehr eigenartiges Mädchen,“ fuhr er fort, „und mitunter vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig. Jedenfalls hatte der Fürst, als er nach Paris abreiste, keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein Opfer zurückließ, ja, er hat das sogar bis zum Schluß, bis zu seiner Rückkehr, nicht gewußt.“ – Werssiloff, der inzwischen der Freund der jungen Dame geworden war, hatte ihr nun die Heirat mit ihm angeboten, eben wegen des erwähnten Umstandes (von dem, wie es scheint, auch ihre Eltern fast bis zuletzt nichts geahnt haben). Das in ihn verliebte junge Mädchen war bezaubert durch ihn und sah in dem Antrag Werssiloffs, nach Wassins Äußerung, „nicht nur die Selbstaufopferung seinerseits“, die sie übrigens auch zu schätzen wußte. „Übrigens, natürlich, er wird schon verstanden haben, die Sache richtig zu machen,“ meinte Wassin. Das Kind (ein Mädchen) war einen Monat oder sechs Wochen zu früh zur Welt gekommen und irgendwo in Deutschland zum Aufziehen untergebracht worden; später aber hatte Werssiloff das Kind nach Rußland bringen lassen, und jetzt war es vielleicht sogar in Petersburg.
„Und die Phosphorstreichhölzer?“ fragte ich.
„Davon weiß ich nichts,“ schloß Wassin. „Lydia Achmakoff starb zwei Wochen nach der Geburt des Kindes: was da geschehen ist, weiß ich nicht. Der Fürst, der damals gerade aus Paris zurückgekehrt war, erfuhr nur, daß sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, und da hat er, wie es scheint, zuerst nicht glauben wollen, daß es von ihm wäre ... Überhaupt wird diese Geschichte von allen Seiten so geheim gehalten, sogar jetzt noch.“
„Aber was ist das für ein Mensch, dieser Fürst!“ rief ich empört. „Was ist das für ein Verhalten zu einem kranken Mädchen!“