„Sie war damals noch nicht so krank ... Außerdem hat sie ihn ja selbst von sich gestoßen ... Allerdings hat er seinen Abschied vielleicht etwas zu bereitwillig angenommen.“
„Sie verteidigen noch einen solchen Schurken?“
„Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Hierbei ist noch vieles andere mit im Spiel, außer wirklicher Schurkerei. Überhaupt war das ein ziemlich alltäglicher Fall.“
„Sagen Sie, Wassin, Sie waren mit ihm doch gut bekannt? Ich würde mich gern auf Ihr Urteil verlassen, gerade jetzt und wegen eines Umstandes, der mich nicht wenig angeht.“
Aber hierauf antwortete mir Wassin merklich zurückhaltend. Den Fürsten kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht hatte – verschwieg er, und offenbar mit Absicht. Er meinte nur, der Fürst verdiene wegen seines Charakters eine gewisse Nachsicht. „Er hat viele gute Eigenschaften, und es ist in ihm ehrliches Wollen ... und er ist auch sehr eindrucksfähig, aber er hat weder genügend gesunde Vernunft, noch wirkliche Willenskraft, um seine Wünsche zu beherrschen. Eigentlich ist er ganz ungebildet; eine Menge von Ideen und Erscheinungen sind für ihn nicht faßbar, indessen sind es gerade diese, die ihn faszinieren. Und dann behauptet er, was er für seine Überzeugung hält, und wird Ihnen aufdringlich beweisen wollen, daß er recht habe, zum Beispiel so: ‚Ich bin ein Fürst und stamme von Rjurik ab; aber warum soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen muß und zu keinem anderen Erwerb fähig bin? Auf meinem Schild wird stehen: „Schuster Fürst Soundso“ – und es wird sogar vornehm sein.‘ Und er wird es nicht nur sagen, er geht hin und tut es auch wirklich, – das ist die Hauptsache,“ fügte Wassin hinzu. „Indessen handelt es sich hierbei nicht um Überzeugungskraft, sondern einzig um leichtsinnigste Eindrucksfähigkeit. Dafür stellt sich dann später unfehlbar die Reue ein, und dann verfällt er immer in irgendein entgegengesetztes Extrem; und darin besteht sein ganzes Leben. In unserer Zeit sind viele auf diese Art in Ungelegenheiten geraten,“ bemerkte Wassin, „eben dadurch, daß sie in unserer Zeit geboren sind.“
Ich wurde unwillkürlich nachdenklich.
„Ist es wahr, daß er von seinem Regiment gezwungen worden ist, den Dienst zu quittieren?“ erkundigte ich mich.
„Ich weiß nicht, inwieweit er dazu gezwungen worden ist, aber er hat das Regiment allerdings wegen Unannehmlichkeiten verlassen. Ist es Ihnen bekannt, daß er im vorigen Herbst, als er schon den Abschied erhalten hatte, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?“
„Ich ... ich weiß, daß Sie damals in Luga waren.“
„Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna bekannt.“