Dieser Satz war nur zu bedeutungsvoll. Ich blieb stumm vor Überraschung. Oh, wenn ich jetzt an meine damalige paradoxe und sorglose Stimmung denke, so sage ich mir, daß ich mich in dem Augenblick sicherlich durch einen „edlen“ Impuls oder mit einem schlagfertigen Wort oder sonstwie herausgerissen hätte, aber da sah ich auf einmal in Lisas finsterem Gesicht einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen ungerechten Vorwurf, fast Spott, und da war’s, als ritte mich der Teufel:
„Und Sie, mein Fräulein,“ wandte ich mich plötzlich an sie, „Sie scheinen ja neuerdings sehr oft Darja Onissimowna in der Wohnung des Fürsten zu besuchen? Vielleicht ist es Ihnen gefällig, ihm diese dreihundert Rubel zu übergeben, da Sie mich dieses Geldes wegen heute schon so geschunden haben!“
Ich zog die Dreihundert hervor und hielt sie ihr hin. Wird man es mir glauben, daß ich diese dummen Worte ganz unbedacht sagte, das heißt, ohne die geringste Anspielung auf irgend etwas. Und das war ja auch ganz natürlich; denn ich hatte doch damals noch keine Ahnung davon, worauf diese Worte eine Anspielung hätten sein können. Ich hatte eigentlich nur den Wunsch gehabt, sie ein wenig zu sticheln, und zwar mit einer verhältnismäßig ganz harmlosen Bemerkung, die ungefähr soviel sagen sollte, wie: „Wenn Sie, mein Fräulein, sich um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen, würde es Ihnen dann nicht auch gefällig sein, mit diesem Fürsten zusammenzukommen, mit dem jungen Kavalier und Petersburger Leutnant, und ihm dieses Geld selbst einzuhändigen, da Sie sich ja so gern in die Angelegenheiten junger Männer einmischen!“ Aber wie groß war meine Bestürzung, als plötzlich meine Mutter aufstand und mir mit dem Finger drohend erregt zurief:
„Untersteh dich nicht, untersteh dich nicht!“
So etwas hätte ich von ihr nie im Leben erwartet! Ich sprang auf, nicht vor Schreck, sondern wie vor Schmerz, gleichsam mit einer qualvollen Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Schweres geschehen war. Aber meine Mutter hielt es nicht lange aus: sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa ging ihr nach, ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen. Tatjana Pawlowna sah mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an:
„Solltest du wirklich dich jetzt herauslügen können?“ rief sie schließlich rätselhaft und sah mich mit größter Verwunderung an, doch wartete sie meine Antwort nicht ab und eilte ihnen nach. Werssiloff erhob sich mit feindseligem, fast bösem Gesicht und nahm vom Ecktisch seinen Hut.
„Mir scheint, du bist gar nicht so dumm, sondern nur ahnungslos,“ sagte er undeutlich, mit halbem Spott. „Wenn sie kommen, so sage ihnen, daß sie mit der Torte nicht auf mich warten sollen: ich gehe ein wenig an die Luft.“
Ich blieb allein; zunächst fand ich alles nur sonderbar, dann kränkend, und schließlich wurde es mir ganz klar, daß ich der Schuldige war. Allerdings wußte ich nicht genau, was ich denn nun verbrochen haben konnte, aber ich hatte doch ein gewisses Schuldgefühl. Ich saß am Fenster und wartete. Nach ungefähr zehn Minuten nahm ich gleichfalls meinen Hut und ging nach oben, in mein ehemaliges Giebelstübchen. Ich wußte, daß sie dort waren, das heißt Mama und Lisa, und daß Tatjana Pawlowna sie schon verlassen hatte. Und so fand ich sie auch beide oben im Stübchen auf meinem Diwan sitzend und flüsternd. Als ich erschien, verstummten sie sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir gar nicht böse; meine Mutter wenigstens lächelte mir zu.
„Mama, ich möchte um Verzeihung bitten ...“ begann ich.
„Schon gut, schon gut, tut ja nichts,“ unterbrach mich meine Mutter, „wenn ihr euch nur immer liebhabt und nicht zankt, so wird euch Gott auch schon Glück geben.“