„Erinnerst du dich genau, mein Lieber, daß Krafft diesen Brief verbrannt hat? Täuschest du dich wirklich nicht?“

„Nein, ich täusche mich nicht,“ beteuerte ich.

„Die Sache ist nur die, daß dieser Brief für sie von gar zu großer Wichtigkeit ist, und wenn du ihn heute in der Hand hättest, so könntest du heute noch ...“ (Er sprach es aber nicht aus, was ich „könnte“). „Ja, wie, hast du ihn denn jetzt nicht bei dir?“

Ich zuckte innerlich zusammen, äußerlich aber ließ ich mir nichts merken, zuckte nicht einmal mit der Wimper; aber ich konnte es noch nicht fassen, daß ich wirklich diese Frage gehört hatte.

„Wie das, bei mir? Ob ich ihn jetzt bei mir habe? Aber wenn Krafft ihn doch damals verbrannt hat?“

„Wirklich?“ Er sah mich plötzlich an, mit brennendem, starrem Blick, mit einem Blick, den ich nie vergessen werde.

Übrigens lächelte er gleich darauf, aber seine ganze Güte, die ganze Weiblichkeit dieses Gesichtsausdrucks, mit dem er mir bis dahin zugehört hatte, waren auf einmal verschwunden. In seinem Ausdruck lag etwas Unbestimmtes und Verwirrtes; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich damals mehr in der Gewalt gehabt, so, wie er sich bis zu diesem Augenblick die ganze Zeit in der Gewalt gehabt hatte, so hätte er diese Frage wegen des Briefes bestimmt nicht gestellt; wenn er es aber tat, so geschah das wohl nur deshalb, weil er selbst so außer sich war. So erkläre ich mir das heute, damals aber begriff ich die Veränderung, die in ihm vorging, kaum oder wenigstens nicht so schnell; ich schwebte ja immer noch in Wonne, und in meiner Seele klang immer noch Musik. Mein Erlebnis war zu Ende erzählt; ich sah ihn an.

„Aber eines ist doch merkwürdig,“ sagte er auf einmal, als ich ihm schon alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, „sogar sehr merkwürdig, mein Freund: du sagst, du hättest dort zwischen drei und vier mit ihr gesprochen, und Tatjana Pawlowna wäre nicht zu Haus gewesen?“

„Ich war dort von ungefähr acht Minuten nach drei bis halb fünf.“

„Nun, denk dir mal, ich war genau um halb vier bei Tatjana Pawlowna, es war auf die Minute halb vier, und ich sprach mit ihr in der Küche: ich gehe ja zu ihr oft über die näherliegende Hintertreppe hinauf.“