„Unbedingt, mein Lieber. Diese Zuchtlosigkeit auf unseren Straßen fängt nachgerade an, einem bis zum Ekel widerlich zu werden, und wenn ein jeder seine Pflicht täte, so hätten alle den Vorteil davon. C’est comique, mais c’est ce que nous ferons.“[47]
Wir gingen; die ersten hundert Schritte war der „Leutnant“ sehr empört, renommierte großartig und zeigte sich sehr mutig; er versicherte, „das gehe nicht“, wegen eines „einz’gen Fünfers“, usw., usw. Aber schließlich begann er halblaut mit dem Schutzmann zu unterhandeln. Der Schutzmann, der ein vernünftiger Mensch und ein Feind von Straßenunruhen zu sein schien, war offenbar auf seiner Seite, aber doch nur in einem gewissen Sinne. Auf die Anfrage des „Leutnants“ brummte er halblaut zur Antwort, jetzt wäre schon nichts mehr zu machen, „jetzt ist es schon mal herausgekommen“, „aber wenn Sie, beispielsweise, sich entschuldigen wollten, und wenn der Herr die Entschuldigung annehmen würde, ja dann vielleicht ...“
„Na, hö–hören Sie, sehr geehrter Herr, na, wohin gehen wir denn jetzt? Ich frage Sie: wohin streben wir, und was soll hierbei wohl geistreich sein?“ polterte der „Leutnant“ los. „Wenn ein durch seine Mißerfolge unglücklicher Mann seine Entschuldigung zu machen bereit ist ... wenn Sie schließlich unbedingt seine Selbsterniedrigung wünschen ... Zum Teufel, wir sind doch nicht im Salon, sondern auf der Straße! Für die Straße genügt doch wohl diese Entschuldigung ...“
Werssiloff blieb stehen, und plötzlich lachte er laut auf, so daß ich schon dachte, er hätte diese ganze Geschichte nur um der Ablenkung willen und als Ulk angefangen, aber das war es nicht.
„Ich entschuldige Sie vollkommen, mein Herr ‚Leutnant‘, und ich bin überzeugt, daß Sie kolossal befähigt sind. Halten Sie sich so auch im Salon, – bald wird dieser Ton ja auch in den Salon passen, vorläufig aber nehmen Sie hier die zwei Zwanziger, für Schnaps und Imbiß. Entschuldigen Sie, Schutzmann, die Belästigung, ich würde mich auch für Ihre Mühe erkenntlich zeigen, aber Sie sehen jetzt so stolz aus ... Mein Lieber,“ wandte er sich an mich, „hier in der Nähe ist ein Lokal, eigentlich eine entsetzliche Kloake, aber man kann dort Tee trinken, und ich wollte dir den Vorschlag machen, hinzugehen ... hier gleich, gehen wir.“
Ich wiederhole, ich hatte ihn noch nie in einer solchen inneren Erregung gesehen, obschon sein Gesicht heiter war und strahlte; es war mir aber aufgefallen, daß seine Hände, als er aus dem Portemonnaie das Geld für den „Leutnant“ herausnehmen wollte, so bebten, daß er schließlich mich bat, das Geld zu nehmen und dem „Leutnant“ zu geben; ich kann das nicht vergessen.
Er führte mich in eine kleine Kellerwirtschaft am Kanal. Nur wenige Gäste waren da. Ein kleiner, verstimmter, heiserer Musikautomat erklang, es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke.
„Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es zuweilen, aus Langerweile, aus schrecklicher seelischer Langweile ... in solche Kloaken hineinzugehen. Diese ganze Einrichtung hier, diese mäckernde Arie aus der ‚Lucia‘, diese Kellner in ihrer fast schon unanständigen russischen Tracht, dieser Tabakqualm, diese Schreie aus dem Billardzimmer – das ist alles dermaßen gemein und prosaisch, daß es fast an das Phantastische grenzt. Nun, wie war es denn, Lieber? Dieser Marsjünger hat uns, glaub’ ich, an der interessantesten Stelle unterbrochen ... Ah, da ist schon unser Tee; ich liebe es, hier Tee zu trinken ... Kannst du dir denken, Pjotr Ippolitowitsch, dein Wirt, begann dort seinem anderen Zimmermieter, dem Pockennarbigen, zu versichern, daß vom englischen Parlament im vorigen Jahrhundert eine Kommission von Juristen eingesetzt worden sei, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohen Priester und Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zweck, um zu sehen, wie der Prozeß nach unseren Gesetzen verlaufen wäre, und deshalb hätte man alles mit aller Gewissenhaftigkeit und Feierlichkeit, mit Staatsanwälten und Rechtsanwälten und allem, was dazu gehört, in Szene gesetzt ... nun, und die Geschworenen hätten sich doch gezwungen gesehen, ihn schuldig zu sprechen ... Jedenfalls eine Geschichte zum Verwundern! Dieser bornierte Zimmermieter begann aber zu streiten, ärgerte sich fürchterlich und erklärte mit großem Krach, daß er am nächsten Tage ausziehen werde ... Die Wirtin begann zu weinen, weil sie die Miete verlöre ... Mais passons.[48] In diesen Wirtschaften gibt es zuweilen Nachtigallen. Kennst du die alte Moskauer Anekdote à la Pjotr Ippolitowitsch? In einer Moskauer Wirtschaft singt wundervoll eine Nachtigall; ein Kaufmann kommt herein, einer vom Typ ‚Steh mir nicht im Wege‘. Er hört die Nachtigall, fragt: ‚Was kostet der Vogel?‘ – ‚Hundert Rubel.‘ – ‚Braten und auftragen!‘ Man briet die Nachtigall und setzte sie ihm vor. ‚Schneid mir davon für zehn Kopeken ab.‘ – Ich erzählte das einmal deinem Pjotr Ippolitowitsch, aber er glaubte es mir nicht und war sogar sehr ungehalten.“
Er erzählte noch vieles. Ich gebe diese kleinen Geschichten als Beispiele wieder. Sobald ich nur den Mund auftat, unterbrach er mich sofort und begann wieder irgend etwas zu erzählen, irgend so einen eigentümlichen Unsinn, der gar nicht zur Sache gehörte, und dabei sprach er lebhaft und lustig; er lachte über Gott weiß was alles und lachte seltsam in sich hinein, was ich an ihm noch nie gesehen hatte. In einem Zuge trank er sein Glas Tee aus und bestellte ein neues. Jetzt weiß ich, wie das zu erklären war: er glich damals einem Menschen, der einen für ihn teuren, interessanten, lange und heiß ersehnten Brief erhalten hat und nun vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet, sondern erst lange befühlt, das Kuvert betrachtet, den Poststempel, dann noch ins andere Zimmer geht, verschiedene Anordnungen trifft, kurz, der den spannenden Augenblick hinausschiebt – da er weiß, daß er ihm doch nicht entgeht –, um den Genuß noch mehr auszukosten.
Natürlich erzählte ich ihm alles, alles von Anfang an, und erzählte vielleicht eine ganze Stunde. Und wie hätte es auch anders sein können: schon vorher, die ganze Zeit schon hatte ich den Drang gehabt, zu erzählen. Ich begann mit unserer ersten Begegnung, damals beim alten Fürsten, gleich nach ihrer Ankunft aus Moskau; dann erzählte ich, wie das alles nach und nach so gekommen war. Ich überging nichts, und ich hätte auch nichts übergehen können: er selbst erinnerte mich an alles und erriet alles, er soufflierte mir förmlich. Bisweilen schien es mir, daß etwas Phantastisches vor sich gehe, daß er dort irgendwo unsichtbar gesessen oder hinter einer Tür gestanden haben müsse, jedesmal, so oft ich in diesen zwei Monaten bei ihr gewesen war: er wußte im voraus jede meiner Bewegungen und jedes meiner Gefühle. Ich empfand eine unfaßbare Lust bei dieser Beichte vor ihm; denn ich sah in ihm eine so zarte Weichheit, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so erstaunliche Fähigkeit, schon aus einer halben Silbe alles zu erraten. Er hörte zart zu wie eine Frau. Vor allem verstand er es so zu machen, daß ich mich überhaupt nicht schämte; manchmal fiel er mir ins Wort, und ich mußte bei einem Nebenumstande verweilen; oft unterbrach er mich, um nervös zu wiederholen: „Vergiß nicht die Details, die Hauptsache ist, vergiß nicht die Details: je kleiner ein Zug ist, um so wichtiger kann er mitunter sein.“ Und so unterbrach er mich mehrere Male. Oh, versteht sich, ich erzählte anfangs sehr selbstbewußt und sprach sehr von oben herab über sie, aber bald siegte doch die Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig, daß ich am liebsten die Stelle des Fußbodens geküßt hätte – wo ihr Fuß gestanden hatte. Am schönsten, am wunderbarsten war, daß er ohne weiteres verstand, wie man unter der Angst wegen des Dokuments leiden und dabei doch das reine und untadelige Wesen sein konnte, als das ich sie heute vor mir gesehen hatte. Er verstand auch vollkommen die Bezeichnung „Student“. Aber als ich mich schon dem Ende näherte, bemerkte ich, daß durch sein gütiges Lächeln von Zeit zu Zeit eine auffallende Ungeduld, etwas Zerstreutes und Kaltes in seinem Blick aufblitzte. Als ich auf das bewußte „Dokument“ zu sprechen kam, dachte ich bei mir: „Soll ich ihm die Wahrheit sagen oder soll ich nicht?“ – und ich sagte sie ihm nicht, trotz meiner ganzen Begeisterung. Das verzeichne ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben. Ich erklärte ihm die Sache ebenso, wie ich sie ihr erklärt hatte: daß der Brief von Krafft zerrissen und verbrannt worden wäre. In seine Augen trat ein Brennen, eine sonderbare Falte erschien flüchtig auf seiner Stirn und gab seinem Gesicht etwas Finsteres.