Lisa wurde rot, erwiderte aber nichts; sie fuhr nur fort, mir gerade in die Augen zu sehen.

„Warte, Lisa, warte, – oh, wie war ich dumm! Aber lag es denn an mir? Alle diese Andeutungen sind doch erst gestern so zusammengetroffen, bis dahin aber – wie hätte ich denn etwas erraten können? Etwa daraus, daß du die Stolbejeff besuchtest und diese ... Darja Onissimowna? Aber ich habe dich für eine Sonne gehalten, Lisa, und wie hätte mir so was überhaupt in den Sinn kommen sollen? Weißt du noch, wie ich dich damals, vor zwei Monaten, dort bei ihm im Nebenzimmer sah, und wie wir dann in der Sonne gingen und froh waren ... War es – damals schon? War es schon?“

Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken.

„So hast du mich schon damals betrogen! Da war nicht meine Dummheit der Grund meines Nichtverstehens, Lisa, sondern eher mein Egoismus. Oder nein: die Ursache war bestimmt nicht meine Dummheit, wohl aber bestimmt der Egoismus meines Herzens und ... und vielleicht auch mein Glaube an eine Heiligkeit. Oh, ich habe immer geglaubt, ihr ständet alle hoch über mir, – und nun ...! Gestern aber, an diesem einzigen kurzen Tage, hatte ich ja gar keine Zeit, mir das alles zu erklären, trotz der verschiedenen Anspielungen ... Es waren ganz andere Dinge, die mich gestern beschäftigten!“

Da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach mich etwas wie mit einer Nadel schmerzhaft ins Herz, und ich wurde bis über die Ohren rot. Natürlich konnte ich in einem solchen Augenblick nicht gut zu ihr sein.

„Aber weshalb rechtfertigst du dich? Mir scheint, Arkadi, daß du dich rechtfertigen willst. So sag mir doch, weswegen denn eigentlich?“ fragte Lisa leise und sanft, aber dennoch mit sehr fester und sicherer Stimme.

„Weswegen?! Ja, aber was soll ich jetzt tun? – nehmen wir nur diese eine Frage! Und du fragst noch ‚weswegen eigentlich?‘ Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen vorgehen ... Ich weiß, daß man sie mit der Pistole in der Hand zur Heirat zwingt ... Ich werde vorgehen, wie ein anständiger Mensch in solchem Fall vorgehen muß! Aber da weiß ich nun wieder nicht einmal, wie ein anständiger Mensch unter diesen Umständen vorgehen soll ...! Und warum ich das nicht weiß? Weil wir – keine Aristokraten sind, er aber ist ein Fürst und will seine Karriere in seinem Kreise machen; er wird uns ja überhaupt nicht anhören! Wir sind ja nicht einmal Geschwister, sind irgend so welche ‚Außereheliche‘, ohne Familie, Kinder eines leibeigenen Hofknechtes; seit wann vermählen sich denn Fürsten mit dem Hofgesinde? Oh, der Ekel! Und zum Überfluß sitzt du da und wunderst dich noch über mich!“

„Ich glaube dir, daß du dich quälst,“ sagte Lisa und errötete wieder, „aber du übereilst dich und quälst dich selbst.“

„Ich übereile mich? Ja, meinst du denn, daß ich mich noch nicht genug – verspätet habe? Für dich bin ich wohl noch zu früh dahinter gekommen! Wie kannst du, Lisa, gerade du mir das sagen?“ rief ich schließlich in hellem Zorn. „Und wieviel Schmach ich deshalb erduldet habe! Oh, ich kann mir denken, wie dieser Fürst mich hat verachten müssen! Mir ist ja jetzt alles klar! Dieses ganze Bild steht jetzt deutlich vor mir: er hat wirklich geglaubt, daß ich um sein Verhältnis mit dir wußte, jedoch absichtlich dazu schwieg oder gar die Nase hochtrug und auf die Beziehung meiner Schwester zu einem Fürsten noch ‚stolz‘ war – selbst das hätte er von mir denken können! Und daß ich mir für meine Schwester, für die Schande meiner Schwester von ihm Geld geben ließ! Das hat ihm selbstverständlich Ekel eingeflößt, und ich finde es auch durchaus gerechtfertigt. Jeden Tag den Schuft sehen und empfangen müssen, bloß, weil er ihr Bruder ist, und der redet ihm dann noch von Ehre vor ...! das hält kein Herz aus, selbst ein Herz wie seines nicht! Und du hast das alles zugelassen, du hast mir nicht die Augen geöffnet! Er hat mich dermaßen verachtet, daß er sogar einem Stebelkoff alles von mir erzählt hat, und gestern sagte er mir selbst, er hätte mich schon zusammen mit Werssiloff hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkoff! ‚Anna Andrejewna ist doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna,‘ und dann schreit er mir noch nach: ‚Mein Geld ist besser!‘ Und ich, ich lümmele mich frech auf seinem Diwan, ich behandle seine Bekannten wie ein Gleichstehender und dränge mich ihnen auf, – der Teufel hole sie allesamt! Und du hast das zugelassen! Auch Darsan weiß es wohl schon, wenigstens nach seinem Ton gestern abend zu urteilen ... Alle, alle haben es schon gewußt, nur ich nicht ...!“

„Niemand weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt und gar nicht erzählen können,“ unterbrach mich Lisa. „Von diesem Stebelkoff weiß ich nur, daß er ihn quält, und daß Stebelkoff höchstens etwas erraten haben kann ... Was aber dich betrifft, so habe ich ihm mehrmals gesagt, und er hat es mir auch aufs Wort geglaubt, daß du nichts weißt, nur verstehe ich nicht, warum und wie es gestern zwischen euch zur Sprache gekommen ist ...“