II.

Zunächst eine Anmerkung nur für mich: es gab Augenblicke, nachdem Lisa mich verlassen hatte, in denen mir die überraschendsten Gedanken, und zwar gleich in ganzen Scharen, in den Kopf kamen, und ich sogar sehr zufrieden mit ihnen war. „Ja, aber weshalb rege ich mich denn auf,“ dachte ich unter anderem, „was geht das schließlich mich an? So ist es doch bei allen oder wenigstens ähnlich! Und was hat denn das auf sich, daß Lisa dies passiert ist? Bin ich etwa verpflichtet, die ‚Familienehre‘ zu retten?“ Ich erwähne hier alle diese Einzelheiten, um zu zeigen, wie wenig ich damals noch in meinen Begriffen von Gut und Böse gefestigt war. Nur das Gefühl rettete mich: ich wußte, daß Lisa unglücklich war, daß Mama unglücklich war, ich wußte das, weil ich es fühlte, wenn ich an sie dachte, – und deshalb fühlte ich auch, daß alles das, was da geschehen war, unmöglich gut sein konnte.

Jetzt muß ich vorausschicken, daß die Ereignisse von diesem Tage an bis zu der Katastrophe meiner Erkrankung mit solcher Schnelligkeit einander folgten, daß ich mich nun selbst wundere, wenn ich daran zurückdenke, wie ich ihnen habe standhalten können und nicht vom Schicksal erdrückt worden bin. Sie entkräfteten meinen Verstand und selbst meine Gefühle, und wenn ich zu guter Letzt doch nicht standgehalten und ein Verbrechen begangen hätte – (und ich war wirklich schon nahe daran), so ist es sehr wohl möglich, daß ich von den Geschworenen später freigesprochen worden wäre. Aber ich will mich bemühen, alles in möglichster Ordnung wiederzugeben, obschon meine Gedanken damals sehr wenig geordnet waren. Die Ereignisse stürmten mit solcher Wucht gegen mich an, daß sie meine Gedanken wie dürres Laub im Herbst durcheinanderwirbelten. Und da ich ganz aus fremden Gedanken bestand, wo sollte ich da plötzlich eigene hernehmen, als ich sie auf einmal zu einem selbständigen Entschluß brauchte? Einen Führer oder Berater hatte ich ja nicht.

Zum Fürsten beschloß ich erst am Abend zu gehen, um mich mit ihm über alles auszusprechen; bis dahin aber wollte ich zu Hause bleiben. Es begann bereits zu dämmern, als die Stadtpost mir wieder einen Brief von Stebelkoff brachte: es waren nur drei Zeilen mit der dringenden und „beschwörenden“ Bitte, am nächsten Tage um elf Uhr bei ihm vorzusprechen, „wegen einer Sache von höchster Wichtigkeit, was Sie selbst einsehen werden“. Ich überlegte und beschloß, je nach den Umständen zu handeln; denn bis dahin war ja noch viel Zeit.

Es war inzwischen acht Uhr geworden; ich wäre schon längst zum Fürsten gegangen, wenn ich nicht die ganze Zeit auf Werssiloff gewartet hätte: ich hatte das Bedürfnis, ihm vieles zu sagen. Mein Herz brannte. Aber Werssiloff war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und bei Lisa wollte ich mich vorläufig noch nicht zeigen, und eine Ahnung sagte mir, daß auch Werssiloff diesen ganzen Tag über nicht zu Hause war. Schließlich machte ich mich auf und ging zu Fuß zum Fürsten, aber unterwegs kam mir der Gedanke, doch in das Kellerrestaurant am Kanal, wohin Werssiloff mich gestern geführt hatte, hineinzusehen. Und richtig, er saß da auf demselben Platz, auf dem er am Abend vorher gesessen hatte.

„Ich habe mir schon gedacht, daß du hierherkommen würdest,“ sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln und einem sonderbaren Blick auf mich.

Es war kein gutes Lächeln; es war ein Lächeln, wie ich es in seinem Gesicht schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Ich setzte mich an den Tisch und erzählte ihm zunächst die Tatsache vom Fürsten und Lisa, und dann den ganzen Auftritt, zu dem es in der Nacht zwischen mir und dem Fürsten nach der Roulette gekommen war; ich vergaß auch nicht, meinen großen Gewinn zu erwähnen. Er hörte sehr aufmerksam zu und fragte noch einmal nach dem Entschluß des Fürsten, Lisa zu heiraten.

„Pauvre enfant,[50] vielleicht wird sie dadurch nichts gewinnen. Aber vermutlich wird es nicht dazu kommen ... obschon er fähig wäre ...“

„Sagen Sie mir wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es doch geahnt?“