„Mein Freund, was konnte ich denn dabei tun? Das alles ist – eine Sache des Gefühls und eines fremden Gewissens ..., wenn auch dieses armen Mädchens. Ich sage dir nochmals: ich habe mich seinerzeit zur Genüge in fremde Gewissen eingedrängt, – es ist das die undankbarste Beschäftigung! Im Unglück werde ich meine Hilfe nicht versagen, soweit ich helfen kann, und wenn man mir nur sagt, wie. Und du, mein Lieber, du hast also wirklich die ganze Zeit nichts geahnt?“
„Wie konnten Sie,“ rief ich in plötzlich aufloderndem Zorn, „wie konnten Sie, wenn Sie auch nur ein Atom von einem Verdacht hatten, ich wüßte um Lisas Verhältnis mit dem Fürsten, und da Sie doch sahen, daß ich von ihm Geld annahm, – wie konnten Sie da noch mit mir sprechen, mit mir verkehren, mir die Hand reichen, – mir, den Sie doch für einen Schuft halten mußten! Denn ich könnte wetten, daß Sie bestimmt vermutet haben, ich wüßte alles und nähme das Geld vom Fürsten wissentlich für meine Schwester!“
„Das war – wiederum eine Gewissenssache,“ sagte er lächelnd. „Und woher weißt du denn,“ fügte er deutlich und mit einem geradezu rätselhaften Empfinden hinzu, „woher weißt du, ob nicht auch ich, ganz wie du, gestern, in einem anderen Fall, – ob nicht auch ich gefürchtet habe, mein ‚Ideal‘ zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen Jungen einen nichtswürdigen Bengel vor mir zu sehen? In dieser Befürchtung schob ich den Augenblick hinaus. Warum sollte man in mir nicht statt Faulheit und Hinterlist etwas Unschuldigeres, nun, meinetwegen auch Dümmeres, aber doch etwas Edleres voraussetzen dürfen? Que diable![38] Ich bin gar zu oft dumm, auch ohne edleren Grund. Was wärst du dann noch für mich gewesen, wenn du schon solche Anlagen gehabt hättest? Durch Zureden bessern wollen ist in solchen Fällen ein klägliches Verfahren; in meinen Augen würdest du doch jeden Wert verloren haben, auch wenn du dich gebessert hättest ...“
„Aber Lisa tut Ihnen doch leid, sie tut Ihnen doch leid?“
„Sehr leid, mein Lieber. Wie kommst du darauf, mich für so gefühllos zu halten ...? Im Gegenteil, ich werde mich nach Kräften bemühen ... Nun, und wie steht es mit dir, wie stehen deine Angelegenheiten?“
„Sprechen Sie nicht davon; ich denke jetzt nicht an meine Angelegenheiten. Aber sagen Sie, warum zweifeln Sie daran, daß er sie heiraten wird? Er ist gestern bei Anna Andrejewna gewesen und hat sich endgültig losgesagt ... von, Sie wissen schon, von diesem dummen Einfall des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch – sie zu verkuppeln. Er hat sich endgültig davon losgesagt.“
„So? Wann war er denn bei ihr? Und von wem hast du das gehört?“ erkundigte er sich interessiert.
Ich erzählte ihm alles, was ich wußte.
„Hm ... Dann ist das ...“ sagte er nachdenklich und schien zu überlegen. „Dann ist das ungefähr eine Stunde früher geschehen ... vor einer anderen Erklärung. Hm ... nun ja, eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen kann ja immerhin stattgefunden haben ... obgleich ich genau weiß, daß in dieser Sache dort niemals, weder von der einen noch von der anderen Seite, etwas gesagt oder getan worden ist ... Freilich genügen ja zwei Worte, um das zu erklären. Aber nun höre mal zu,“ sagte er plötzlich mit einem eigentümlichen Lächeln, „ich werde dich mit einer recht außergewöhnlichen Neuigkeit überraschen: selbst wenn dein junger Fürst gestern Anna Andrejewna einen Heiratsantrag gemacht hätte (übrigens hätte ich, da ich die Geschichte mit Lisa ahnte, diese Verbindung aus allen Kräften zu verhindern gesucht, entre nous soit dit[51]), so hätte ihm Anna Andrejewna unter allen Umständen sofort einen Korb gegeben. Du scheinst Anna Andrejewna sehr gern zu haben, sie auch sehr zu achten und zu schätzen, wenn ich mich nicht irre? Das ist sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich vermutlich für sie freuen, wenn ich dir diese Neuigkeit mitteile: sie hat sich verlobt, mein Lieber. Und soweit ich ihren Charakter kenne, wird es auch zur Heirat kommen, und ich – nun, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.“
„Sie wird heiraten? Aber wen denn?“ rief ich maßlos erstaunt.