Und ich erzählte ihm noch schnell, den Hut schon in der Hand, was ich gehört hatte. Er wußte noch nichts davon. Er erkundigte sich hastig nach den Einzelheiten, besonders wollte er wissen, wann und wo diese Verlobung stattgefunden haben sollte, und ob die Nachricht überhaupt zuverlässig sei. Natürlich verheimlichte ich ihm nicht, daß es gleich nach seinem Besuch bei Anna Andrejewna geschehen sein mußte. Ich vermag nicht wiederzugeben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich, ein schiefes Lächeln verzog seine Lippen; als ich alles erzählt hatte, war er unheimlich blaß, starrte zu Boden und schien in tiefe Gedanken versunken zu sein. Da begriff ich, daß seine Eigenliebe durch die gestrige Absage Anna Andrejewnas furchtbar verletzt war. Vielleicht sah er in seinem krankhaften Zustande die lächerliche und erniedrigende Rolle, die er gestern gespielt hatte, in gar zu greller Beleuchtung, diese Erniedrigung vor der jungen Dame, von deren Einwilligung er die ganze Zeit über so fest überzeugt gewesen war. Und vielleicht kam ihm auch der Gedanke, was für eine Ehrlosigkeit er Lisa gegenüber begangen hatte, und alles das um nichts! Es ist wirklich merkwürdig, wofür diese Gesellschaftsmenschen einander halten, und auf welcher Basis sie sich gegenseitig achten! Dieser Fürst mußte sich doch sagen, daß Anna Andrejewna von seiner Beziehung zu Lisa, die dazu noch ihre Schwester war, einmal erfahren konnte, wenn sie nicht schon alles wußte, doch siehe da – er hatte an ihrem Jawort nicht einmal gezweifelt!

„Und Sie konnten wirklich glauben,“ sagte er auf einmal und sah mich stolz und hochfahrend an, „daß ich fähig wäre, nach einer solchen Mitteilung noch zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld zu bitten! Zu ihm, dem Verlobten dieses Mädchens, das mir soeben einen Korb gegeben hat – nein, diese Niedrigkeit, diese Lakaienhaftigkeit! Nein, jetzt ist alles verloren, und wenn die Hilfe dieses alten Fürsten noch meine letzte Hoffnung war, so mag auch diese Hoffnung sinken!“

In meinem Herzen stimmte ich ihm natürlich bei, aber der Wirklichkeit gegenüber mußte man die Sache doch etwas weitherziger auffassen: war denn dieser alte Herr noch ein Mann, ein richtiger Verlobter? Mir kamen noch andere Ideen in den Kopf. Ich hatte ja ohnehin beschlossen, am nächsten Morgen sofort zum alten Fürsten zu gehen. Ich bemühte mich, den schlimmen Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den Armen zu bereden, sich schlafen zu legen. „Schlafen Sie sich aus, und Sie werden sehen, Ihre Gedanken werden klarer werden!“ Er drückte mir fest die Hand, aber er küßte mich nicht mehr. Ich gab ihm mein Wort, morgen abend zu ihm zu kommen, „und dann wollen wir uns aussprechen; es gibt jetzt so vieles, worüber wir noch sprechen müssen,“ sagte ich. Doch als Antwort auf meine Worte hatte er nur ein fatalistisches Lächeln.

Achtes Kapitel.

I.

Diese ganze Nacht träumte mir vom Roulette, vom Spiel, von Gold und von Berechnungen: ich mühte mich vergeblich, einen Einsatz oder eine besondere Chance zu berechnen, und dieser Traum quälte mich die ganze Nacht wie ein Alb. Um die Wahrheit zu sagen: ich hatte auch schon diesen ganzen Tag, trotz aller mich erschütternden Eindrücke, immer wieder an meinen großen Gewinn bei Serschtschikoff gedacht. Natürlich hatte ich diese Gedanken zu verscheuchen gesucht, aber der Eindruck ließ sich nun einmal nicht ausschalten, und schon bei der bloßen Erinnerung erzitterte etwas in mir. Ja, dieser Gewinn hatte sich wahrlich in mein Herz festgebissen. Sollte ich wirklich ein geborener Spieler sein? Eines wenigstens ist mir ganz klar: daß ich Eigenschaften eines Spielers habe. Selbst heute noch, wo ich das niederschreibe, liebe ich es, manchmal an das Spiel zu denken! Es ist schon vorgekommen, daß ich ganze Stunden damit verbringe, still dazusitzen und mich in Gedanken mit Spielberechnungen zu beschäftigen, mir vorzustellen, wie das alles vor sich geht, wie ich setze, und wie mein Einsatz gewinnt. Ja, ich habe gar viele „Eigenschaften“ in mir; ich habe eine unruhvolle Seele.

Es war gegen zehn Uhr, als ich beschloß, doch zu Stebelkoff zu gehen, und zwar zu Fuß. Mein Schlitten kam allerdings vorgefahren, aber ich schickte ihn nach Haus. Während ich meinen Morgenkaffee trank, versuchte ich, mir alles zu überlegen. Ich fühlte mich eigentlich sehr zufrieden; und wie mir das zu Bewußtsein kam und ich einen Augenblick nachdachte, erkannte ich sofort, daß ich hauptsächlich deshalb so zufrieden war, „weil ich heute im Hause meines alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch sein werde“. Aber dieser Tag war verhängnisvoll in meinem Leben; und unvorhergesehen, wie er war, begann er auch gleich mit einer Überraschung.

Es hatte gerade zehn geschlagen, als plötzlich meine Tür sperrangelweit aufflog, und ins Zimmer stürzte – Tatjana Pawlowna. Alles hätte ich noch erwartet, aber nicht ihr Erscheinen bei mir. Erschrocken sprang ich auf. Ihr Gesicht war grimmig anzusehen, ihre Bewegungen wild und aufgeregt, und ich glaube, wenn man sie gefragt hätte, weshalb sie zu mir geeilt war, hätte sie es vielleicht selbst nicht zu sagen gewußt. Ich muß hier im voraus bemerken, damit es nicht gar zu unverständlich ist, daß sie gerade eine ungeheuerliche, sie fast niederschmetternde Nachricht erhalten hatte und sich noch unter dem ersten erschütternden Eindruck befand. Und dieses Ereignis war zum Teil durch mich verursacht worden. Übrigens blieb sie nur eine halbe Minute, oder vielleicht eine ganze Minute, aber gewiß nicht länger bei mir.

„Da ist er! Also so bist du!“ schrie sie mich an – ganz krumm stand sie vor mir, in ihrer Wut. „Du junger Hund! Was hast du angerichtet? Oder weißt du’s etwa nicht? Da sitzt er und trinkt noch Kaffee! Ach du Klatschbase, du Lästerer, du Windbeutel! Du Liebhaber aus Papier ...! Solche Lümmel muß man einfach peitschen, mit Ruten peitschen, jawohl, peitschen! peitschen!“

„Tatjana Pawlowna, was ist geschehen? Was ist denn los? Mama ...?“