„Wirst’s erfahren!“ schrie sie drohend – und fort war sie, kaum daß ich sie gesehen hatte. Ich wäre ihr natürlich nachgelaufen, aber ein Gedanke hielt mich zurück oder nicht einmal ein Gedanke, sondern nur eine dunkle Unruhe: ich ahnte, daß der „Liebhaber aus Papier“ das wichtigste und bedeutsamste Wort von allen ihren gegen mich geschleuderten Schmähungen gewesen war; freilich, auf den ganzen Zusammenhang wäre ich nie und nimmer von selbst gekommen. Aber ich machte mich doch sogleich auf den Weg, um so schnell als möglich die Sache mit Stebelkoff zu erledigen und dann zum alten Fürsten zu eilen. „Dort ist der Schlüssel zu allem!“ dachte ich instinktiv.
Es war mir unbegreiflich, woher Stebelkoff von der heimlichen Verlobung Anna Andrejewnas bereits gehört haben konnte, aber er wußte schon die ganze Geschichte und sogar bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. Ich will nicht alle seine Reden und Gebärden wiedergeben, aber er war entzückt, war ganz zappelig vor Entzücken über diesen „diplomatisch genialen Coup!“, wie er sich ausdrückte.
„Nein, das ist mir mal ein Frauenzimmer! Teufel noch eins! Nein, sehen Sie, das ist mal ein Frauenzimmer!“ rief er ein über das andere Mal. „Die ist uns über! Da sitzen wir nun und sitzen, und ’s kommt nichts dabei raus; sie aber, sie hatte mal Lust, das Wasser aus der Quelle selbst zu trinken, und da geht sie einfach hin und trinkt, trinkt’s auch wirklich! Das ... das ist eine antike Statue! Das ist ja die antike Minerva selbst, bloß daß sie herumgeht und moderne Kleider trägt!“
Ich ersuchte ihn, zur Sache zu kommen. Es handelte sich, wie ich schon vermutet hatte, nur darum, daß ich dem jungen Fürsten zureden sollte, zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu fahren und ihn um seine Hilfe zu bitten. „Sonst wird es ihm, dem Fürsten Ssergei Petrowitsch, doch furchtbar schlecht ergehen! Das liegt doch jetzt nicht mehr in meiner Macht! Ist das so oder nicht?“
Er sah mir wieder in die Augen, aber ich glaube, er vermutete nicht einmal, daß ich inzwischen etwas erfahren haben konnte, was ich während unseres Gesprächs vor zwei Tagen noch nicht gewußt hatte. Aber wie hätte er das auch vermuten sollen, da ich mit keinem Wort, mit keiner Anspielung verriet, daß ich von den Aktien etwas wußte. Wir sprachen nicht lange; er begann mir sogleich Geld zu versprechen, und zwar „viel Geld, sehr viel Geld, wenn Sie nur dazu beitragen, daß der Fürst hinfährt und ihn bittet! Die Sache drängt, drängt fürchterlich, und das ist ja eben das Zwingende, daß sie so drängt!“
Ich hatte keine Lust, ihm zu widersprechen und mich lange mit ihm abzugeben. Ich sagte daher nur, ich würde es „versuchen“. Doch plötzlich setzte er mich maßlos in Erstaunen: ich ging bereits zur Tür, als er auf einmal schmeichelnd seinen Arm um meine Schulter legte und ... die unverständlichsten Dinge zu reden anfing.
Ich übergehe die Einzelheiten und gebe nur den Sinn des Gespräches wieder, um nicht zu ermüden. Der Sinn war kurz gesagt der, daß er das Ansinnen an mich stellte, ihn mit – Dergatschoff bekannt zu machen, da ich, wie er meinte, „dort doch verkehre!“
Ich verstummte sofort und horchte auf, – gab mir aber die größte Mühe, ihn nichts merken zu lassen. Übrigens sagte ich ihm gleich darauf, daß ich dort keineswegs verkehrte und nur einmal, und auch damals nur zufällig, bei ihnen gewesen war.
„Aber wenn Sie schon einmal zugelassen worden sind, dann können Sie doch wieder hingehen, das ist doch so – oder nicht?“
Nun fragte ich ihn ganz offen, aber sehr kaltblütig, weshalb er das denn wünschte? Und wirklich, ich kann es noch immer nicht verstehen, wie die Naivität eines offenbar doch gar nicht dummen Menschen, dazu noch eines „Geschäftsmannes“, wie Wassin ihn bezeichnet hatte, in dieser Sache so weit gehen konnte! Er erklärte mir nämlich auf meine Frage ohne weiteres, daß er bei Dergatschoff „etwas Verbotenes, sogar streng Verbotenes“ vermute, und folglich könnte ich, wenn ich dahinterkäme, einen gewissen Vorteil für mich herausschlagen ... Und er zwinkerte mir lächelnd mit dem linken Auge zu.