„Nun hör’ schon auf, Alexander Ssemjonowitsch, hast mich doch schon genug gescholten,“ sagte Makar Iwanowitsch lachend. „Nun, und wie ist es denn, Väterchen Andrei Petrowitsch, wie hat man denn unser Fräulein abgeurteilt? – Sie ist mir hier schon den ganzen Morgen so in Angst und Bangen und in Unruhe,“ fügte er hinzu, indem er auf Mama wies.
„Ach, Andrei Petrowitsch,“ rief Mama tatsächlich sehr beunruhigt, „erzähl uns nur schneller, quäl uns nicht: wie ist es denn für die Arme ausgegangen?“
„Ja, da hat man nun unser Fräulein verurteilt!“
„Ach Gott!“ rief Mama.
„Beruhige dich, nicht zu sibirischer Zwangsarbeit: bloß zu fünfzehn Rubel Strafe, alles in allem. Es war ein richtiges Lustspiel!“
Er setzte sich, und auch der Doktor nahm Platz. Das Gespräch bezog sich auf Tatjana Pawlowna und auf eine Geschichte, von der ich noch nichts wußte. Mein Platz war links von Makar Iwanowitsch, und Lisa saß mir gegenüber, rechts von ihm; sie hatte an diesem Morgen sichtlich einen besonderen Kummer, mit dem sie zu Mama gekommen war; in ihrem Gesichtsausdruck lag Unruhe und Gereiztheit. Plötzlich trafen sich unsere Blicke, und ich dachte bei mir: „Wir haben beide die Schmach kennen gelernt, ich muß den ersten Schritt zur Annäherung tun.“ Mein Herz wurde plötzlich weich. Doch Werssiloff begann nun, von dem großen Ereignis dieses Morgens zu erzählen.
Zwischen Tatjana Pawlowna und ihrer Köchin war es schließlich zu einem Prozeß gekommen, der an diesem Morgen vor dem Friedensrichter seine Erledigung gefunden hatte. Der Anlaß war eine ganz lächerliche Geschichte. Ich habe bereits erwähnt, daß ihre Köchin, die übellaunige Finnländerin, manchmal, wenn die Bosheit über sie kam, wochenlang schweigen konnte und ihrer Herrin Tatjana Pawlowna nicht einmal auf deren Fragen antwortete; desgleichen habe ich schon erwähnt, daß Tatjana Pawlowna ihr gegenüber von einer unbegreiflichen Schwäche war, sich vieles von ihr gefallen ließ und sie um keinen Preis endlich und ein für allemal zum Teufel jagen wollte. Meiner Ansicht nach verdienen alle diese psychopathischen Launen alter Jungfern und Damen nur die größte Verachtung und sind es wirklich nicht wert, beachtet zu werden; wenn ich mich trotzdem entschließe, diese Geschichte hier zu erwähnen, so geschieht das nur, weil diese Köchin später, im weiteren Verlauf meiner Geschichte, eine nicht geringe und verhängnisvolle Rolle zu spielen haben wird. Kurz, eines Tages war Tatjana Pawlowna schließlich die Geduld gerissen, und sie hatte der eigensinnigen Person, die wieder schon ein paar Tage lang schwieg, eine Ohrfeige gegeben, was früher noch nie vorgekommen war. Die Köchin hatte auch auf die Ohrfeige nicht den leisesten Ton geantwortet, war aber noch an demselben Tage zu einem Midshipman außer Diensten, namens Ossjotroff, gegangen, der dort irgendwo an der Hintertreppe in einer elenden Kammer hauste und sich mit kleinen Verdiensten für Ratschläge, Abfassungen von Eingaben oder Vertretungen vor Gericht, kümmerlich durchschlug. Und die Folge der Ohrfeige war, daß Tatjana Pawlowna vor dem Friedensrichter erscheinen mußte, und Werssiloff als Zeuge vorgeladen wurde.
Werssiloff erzählte nun den ganzen Hergang der Verhandlung so lustig und witzig, daß selbst Mama lachen mußte; er ahmte sie alle nach, Tatjana Pawlowna, den Midshipman und die Köchin. Letztere hatte dem Gericht gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe; „denn wenn das gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?“ Auf die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna mit gewaltigem Hochmut geantwortet, ohne sich zu einem Rechtfertigungsversuch überhaupt herabzulassen, und zum Schluß hatte sie noch gesagt: „Ich habe sie geschlagen und werde mich nicht abhalten lassen, sie nach Gutdünken wieder zu schlagen!“ wofür sie unverzüglich wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht zu einer Strafzahlung von drei Rubeln verurteilt worden war. Der Midshipman, ein lang aufgeschossener, hagerer junger Mann, hatte noch eine lange Rede zur Verteidigung seiner Klientin halten wollen, war aber schmählich aus dem Konzept gekommen und hatte nur den ganzen Gerichtssaal erheitert. Die Verhandlung war bald erledigt gewesen, und Tatjana Pawlowna ward verurteilt, ihrer geohrfeigten Marja fünfzehn Rubel zu zahlen. Sie hatte auch sofort das Portemonnaie hervorgezogen und das Geld auszahlen wollen, aber da war sogleich der Midshipman aufgetaucht und hatte die Hand hingehalten, um auch sein Geld zu empfangen, doch Tatjana Pawlowna hatte seine Hand empört zur Seite gestoßen und sich zu Marja gewandt, die aber hatte das Geld nicht annehmen wollen: „Ach, lassen Sie’s schon gut sein, gnädiges Fräulein, das ist doch nicht nötig, es kann ja auf die Rechnung kommen, und mit diesem hier werd’ ich schon selber abrechnen!“ – „Wozu hast du dir überhaupt so einen langen Galgen genommen!“ hatte Tatjana Pawlowna versetzt, auf den Midshipman weisend, ersichtlich hocherfreut, daß ihre Marja endlich wieder sprach. „Ach, wahrhaftig, das ist wohl schon ein Galgen, gnädiges Fräulein,“ hatte Marja mit listigem Gesicht geantwortet, „haben gnädiges Fräulein die Kotelettes heute mit Erbsen bestellt, ich hörte vorhin nicht recht, in der Eile, aufs Gericht zu kommen?“ – „Ach nein, mit Kohl, Marja, aber bitte laß sie nicht wieder anbrennen, wie gestern.“ – „Ach, heute werd ich mir schon besondre Mühe geben, gnädiges Fräulein; darf ich’s Händchen küssen“ – und sie hatte ihr tatsächlich zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Mit einem Wort, der ganze Gerichtssaal war aus dem Lachen nicht herausgekommen.
„Nein, wie sonderbar diese Tatjana Pawlowna doch ist!“ sagte Mama kopfschüttelnd, sehr befriedigt durch den guten Ausgang und durch Andrei Petrowitschs Wiedergabe, doch sah sie heimlich mit Unruhe zu Lisa hinüber.
„Sie ist schon von Kindesbeinen an ein charaktervolles Fräulein gewesen,“ meinte Makar Iwanowitsch lächelnd.