„Galle und Müßiggang,“ versetzte der Doktor.

„Das soll wohl ich sein, die Charaktervolle von Kindesbeinen an, die Galle und der Müßiggang?“ platzte plötzlich Tatjana Pawlowna ins Zimmer – aber sie schien sehr zufrieden mit sich. „Na, weißt du, Alexander Ssemjonowitsch, du als Doktorchen solltest mir lieber nicht solchen Unsinn reden! Kennst mich von deinem zehnten Lebensjahre an, da möcht’ ich wissen, wann du mich müßig gesehen hast, und was die Galle betrifft, so bist du es ja selber, der mich schon ein ganzes Jahr lang deshalb behandelt, und wenn du mich nicht kurieren kannst, so ist das doch nur für dich eine Blamage. Na, jetzt habt ihr euch aber genug über mich lustig gemacht; schönen Dank, Andrei Petrowitsch, daß du dir die Mühe gemacht hast, aufs Gericht zu kommen. Na, und wie geht es denn dir, Makaruschka, ich bin ja nur gekommen, um zu sehen, wie es hier mit der Gesundheit steht, mit deiner natürlich nur, nicht mit der Gesundheit dieses da,“ sagte sie und wies dabei auf mich, schlug mir aber gleichzeitig mit der Hand freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte sie noch nie bei so guter Laune gesehen. „Na, wie steht es denn mit ihm?“ wandte sie sich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor.

„Er will sich nicht ins Bett legen, und dieses Sitzen ermüdet ihn nur.“

„Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Menschen da sind,“ sagte Makar Iwanowitsch unsicher, mit fast kindlich bittendem Gesicht.

„Ja, das haben wir gern, das haben wir gern! – ich weiß schon: so im Kreise sitzen, wenn man sich um ihn versammelt hat, und dann zu reden – ei freilich, ich kenne doch meinen Makaruschka!“ sagte Tatjana Pawlowna.

„Wart’, sei nicht so hurtig,“ sagte der Alte wieder lächelnd, indem er sich zum Doktor wandte, „höre mich erst an und laß mich aussprechen: ich werd’ mich schon hinlegen, Freundchen, aber sieh, unsereins denkt so: ‚Legst du dich erst mal hin, dann stehst du vielleicht überhaupt nicht mehr auf,‘ – siehst du jetzt, Freundchen, was bei mir dahintersteckt.“

„Na ja, wußte ich doch, daß hier irgend so ein Aberglaube mit im Spiel ist: ‚leg ich mich hin, so steh ich vielleicht überhaupt nicht mehr auf,‘ – das ist es ja, was Leute aus dem Volk so oft fürchten, weshalb sie eine Krankheit lieber stehenden Fußes durchmachen, als daß sie ins Krankenhaus gehen. Sie aber, Makar Iwanowitsch, Sie haben einfach Sehnsucht bekommen, Sehnsucht nach der Freiheit und der Landstraße – darin besteht Ihre ganze Krankheit, Sie sind es nicht mehr gewohnt, lange an einem Ort zu leben. Sie sind doch ein sogenannter Pilger! Nun, und das Vagabundieren wird ja in unserem Volk fast schon zur Leidenschaft. Das habe ich bereits mehr als einmal unter dem Volk beobachtet. Unser ganzes Volk ist ein Vagabund.“

„So ist Makar Iwanowitsch deiner Meinung nach ein Vagabund?“ griff Tatjana Pawlowna das Wort auf.

„Oh, ich sagte das ja nicht in dem Sinne; ich gebrauchte den Ausdruck nur im weitesten Sinne. Nun, sagen wir, er ist ein religiöser, ein gottesfürchtiger Vagabund, aber schließlich doch ein Vagabund. Ein Vagabund im guten, achtbaren Sinne, aber immerhin ein Vagabund ... Ich sage das vom Standpunkte des Mediziners ...“

„Ich versichere Sie,“ wandte ich mich plötzlich an den Doktor, „eher sind wir Vagabunden, Sie und ich und wir alle, so viele hier sind, nicht aber dieser alte Mann, von dem wir alle, Sie einbegriffen, noch lernen könnten; denn er hat immerhin etwas Feststehendes im Leben, wir aber, wie wir hier sind, wir haben überhaupt nichts Festes im Leben ... Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!“