Der Doktor sah fragend von einem zum anderen.

„Diese Gelehrten, diese Studierten und großen Professoren“ (wahrscheinlich hatten sie vorher von Professoren gesprochen), begann Makar Iwanowitsch, den Blick ein wenig gesenkt, „vor denen hab’ ich anfänglich gewaltige Angst gehabt: ich hab’ mich an sie überhaupt nicht herangewagt; denn ich hab’ nichts also gefürchtet wie den Gottlosen. Ich dachte bei mir: ich hab’ doch nur eine einzige Seele; wenn ich die nun verderbe, kann ich doch keine andere mehr finden. Nun, mit der Zeit aber faßte ich Mut: ‚Was können sie denn in aller Welt sein,‘ dacht’ ich, ‚Götter sind sie doch nimmer, sondern Menschen ganz wie unsereiner, Menschen mit denselben Leidenschaften.‘ Und groß war auch meine Neugier: ‚Ich werde doch erfahren,‘ dacht’ ich bei mir, ‚was das nun eigentlich ist, selbige Gottlosigkeit.‘ Nur ist mir, Freund, nachher selbst diese Neugier ganz vergangen.“

Er verstummte, doch man sah ihm an, daß er weitersprechen wollte, immer mit demselben stillen und ehrwürdigen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die allen und jedem vertraut und niemals Spott befürchtet. Solche Menschen sind immer beschränkt; denn sie sind bereit, auch das Wertvollste aus ihrem Herzen vor jedem ersten besten auszubreiten. Aber bei Makar Iwanowitsch war es, wie mir schien, etwas ganz anderes, was ihn zu sprechen veranlaßte, war es nicht die Gedankenlosigkeit der Einfalt: es kam in ihm gleichsam ein Propagandist zum Vorschein. Mit Genugtuung hörte ich aus seinem Ton sogar einen leisen Spott heraus, der dem Doktor und vielleicht auch Werssiloff galt. Was er nun sagte, war offenbar eine Fortsetzung ihrer früheren Dispute im Laufe der Woche, doch zum Unglück fiel wieder jenes verhängnisvolle Wort, daß mich schon gestern so elektrisiert hatte, und das mich nun zu einem Ausfall veranlaßte, den ich noch heute bedauere.

„Einen gottlosen Menschen,“ fuhr der Alte gesammelt fort, „den würde ich vielleicht noch heutigentags fürchten; nur ist das so eine Sache, Freund Alexander Ssemjonowitsch: einem wirklich Gottlosen bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Statt seiner bin ich nur dem Ruhelosen begegnet – siehst du, so muß man ihn richtiger nennen. Es sind das die verschiedensten Leute; kannst dir fürwahr gar nicht ausdenken, was für Leute das alles sind: große und kleine, dumme und gelehrte, und manche darunter sind sogar von allereinfachstem Stande, und alle sind sie ruhelos; denn sie lesen und reden darüber ihr ganzes Leben lang, so sie sich an der Süße der Bücher gesättigt haben, selber aber verbleiben sie ewig im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer breitet sich so weit aus, daß er sich selber nicht mehr sieht. Manch einer ist in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von Träumen. Manch einer wiederum ist gefühllos und leichtsinnig und hat Genüge, wenn er seinen Spott belachen kann. Manch einer hat aus den Büchern nur die Blumen herausgepflückt, und auch die nur nach seinem Gefallen; er selber aber ist unruhig, und es ist in ihm gar kein Gefühl für das Rechte. Und ich sage wiederum: es ist viel Langeweile. Manch ein Geringer leidet wohl Not, er weiß nicht einmal, womit er seine Kinderchen durchbringen soll, da es ihm an Brot gebricht, und er schläft auf stechendem Stroh, aber sein Herz ist doch heiter und leicht, und wenn er auch sündigt und unflätig ist, so ist sein Herz ihm dennoch alleweil leicht. So ein großer Herr dagegen hat zu essen und zu trinken in Hülle und Fülle und hat Gold in Haufen, in seinem Herzen aber ist immer dieselbe Schwermut. Manch einer hat alle Wissenschaften studiert – und doch weicht die Schwermut nicht von ihm. Ich denke so, daß je mehr Verstand hinzukommt, um so mehr kommt auch Langeweile hinzu. Und wenn man noch das bedenkt: sie lehren solange die Welt steht, aber was haben sie denn Gutes gelehrt, daß die Welt davon die schönste und heiterste und eine von jeglicher Freude erfüllte Wohnung werde? Und ich sage noch mehr: innere Schönheit haben sie nicht und wollen sie nicht einmal haben. Alle sind ins Verderben geraten, nur lobt ein jeder sein Verderben, sich aber der einzigen Wahrheit zuzuwenden, daran denkt er nicht; ohne Gott aber zu leben ist nur eine Qual. So kommt es, daß wir das verfluchen, wodurch wir erleuchtet werden, und das selber nicht einmal ahnen. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: so einen Menschen kann es ja gar nicht geben, der sich nicht vor irgend etwas beugt; ein solcher Mensch würde sich selber nicht ertragen können; kein Mensch könnte das. Wenn er Gott verstoßen hat, so beugt er sich vor einem Götzen – einem hölzernen oder goldenen oder einem gedanklichen. Götzendiener sind das alles, aber nicht Gottlose, sieh, so muß man sie nennen. – Aber wie sollte es keine Gottlosen geben? Es gibt welche, die wirklich gottlos sind, nur sind diese viel schrecklicher als jene, dieweil sie den Namen Gottes im Munde führen. Von solchen hab’ ich mehrfach gehört, aber begegnet bin ich so einem noch nie. Es gibt aber solche, und ich denke, es muß sie auch geben.“

„Es gibt solche,“ bestätigte plötzlich Werssiloff, „es gibt solche und ‚es muß sie auch geben‘.“

„Unbedingt gibt es sie und ‚muß es sie auch geben‘!“ brach es unaufhaltsam und mit Leidenschaft aus mir hervor, ich weiß selbst nicht, weshalb, aber Werssiloffs Ton riß mich hin, und in dem Ausspruch, ‚es muß sie auch geben‘, lag ein Gedanke, der mich gefangen nahm. Dieses Gespräch war für mich wirklich eine Überraschung. Doch da geschah plötzlich etwas ganz Unvorhergesehenes.

IV.

Es war ein selten klarer Tag. Die Vorhänge im Zimmer Makar Iwanowitschs waren anfänglich auf Anordnung des Doktors den Tag über nicht aufgezogen worden; jetzt aber hatte man vor das Fenster einen Vorhang gehängt, der den oberen Teil des Fensters freiließ, denn der Alte hatte sich bei den früheren Vorhängen bedrückt gefühlt, da er die Sonne nicht sehen konnte. Und wie wir nun so saßen, traf es sich, daß ein Sonnenstrahl auf einmal Makar Iwanowitsch gerade ins Gesicht schien. Im Eifer des Gesprächs hatte er das zunächst gar nicht bemerkt, jedoch unwillkürlich schon ein paarmal den Kopf zur Seite gebogen, da der grelle Schein seine schwachen Augen blendete und reizte. Mama, die neben ihm stand, hatte schon unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach verhängen müssen, doch um das Gespräch nicht zu unterbrechen, versuchte sie schließlich, die Bank, auf der Makar Iwanowitsch saß, etwas aus der Sonne zu rücken, wenn auch nur um eine Handbreit mehr nach rechts. Sie beugte sich hinab und erfaßte die Bank, konnte sie aber nicht von der Stelle rücken: die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. Makar Iwanowitsch hatte im Gespräch nur unbewußt ihre Anstrengung empfunden und unwillkürlich schon ein paarmal versucht, sich zu erheben, doch seine Füße hatten ihm den Dienst versagt. Mama aber fuhr immer noch fort, sich zu bücken und zu ziehen, und das war es, was Lisa schließlich furchtbar ärgerte und aufbrachte. Ich erinnere mich, daß mir schon ein paar funkelnde, empörte Blicke von ihr aufgefallen waren, nur hatte ich im Augenblick nicht verstanden, worauf sie sich bezogen, und außerdem war ich durch das Gespräch ganz und gar in Anspruch genommen. Plötzlich hören wir, wie sie Makar Iwanowitsch beinahe anschreit:

„So erheben Sie sich doch ein wenig! Sehen Sie denn nicht, daß es so über Mamas Kraft geht!“

Der Alte sah sie mit einem schnellen Blick an, begriff sofort, was sie meinte, und versuchte eilig, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht: er kam nur eine Handbreit hoch und fiel wieder zurück.