Ich kann gar nicht sagen, was für einen Eindruck das damals auf mich machte! Das Erschütterndste war, daß in den Worten des armen Alten nicht die geringste Klage, nicht der leiseste Vorwurf lag; im Gegenteil, man sah sofort, daß er aus Lisas Worten von Anfang an nichts Böses herausgehört und alles ganz in Ordnung gefunden hatte, d. h. daß er für sein Verschulden gerade eine solche Zurechtweisung verdient zu haben glaubte. Alles das wirkte natürlich furchtbar auf Lisa. Als er gefallen war, war sie wie alle aufgesprungen und stand nun leichenblaß da. Natürlich litt sie, da sie die Schuld an dem ganzen Unfall trug, doch als sie diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, im Augenblick, feuerrot vor Scham und Reue.
„So, jetzt ist es aber genug!“ kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna, „das kommt alles nur von diesem Geschwätz! Es ist Zeit, auseinanderzugehen; was kann dabei Gutes herauskommen, wenn der Doktor selbst zu schwätzen anfängt!“
„Sie haben recht,“ stimmte ihr Alexander Ssemjonowitsch freimütig bei, während er sich noch bei dem Kranken zu schaffen machte. „Es war meine Schuld, Tatjana Pawlowna, ich hätte es früher sagen sollen, daß er Ruhe braucht.“
Aber Tatjana Pawlowna hatte sich schon von ihm abgewandt: sie stand und sah wohl eine halbe Minute lang schweigend und gespannt Lisa an.
„Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, mir alten dummen Person, wenn du’s nur willst,“ sagte sie auf einmal ganz unerwartet.
Und sie küßte Lisa, ich weiß nicht, wofür, aber gerade das war es, was man tun mußte; ich wäre am liebsten selbst auf Tatjana Pawlowna zugestürzt und hätte sie dafür geküßt. Sie hatte das einzig Richtige getan: statt Lisa Vorwürfe zu machen, mußte man das neue, gute Gefühl, das sich jetzt zweifellos in ihr erhob, mit Freude begrüßen und sie dazu beglückwünschen. Aber statt das nun auch zu tun, sprang ich plötzlich auf und sagte laut, mit harter Stimme:
„Makar Iwanowitsch, Sie haben wieder das Wort ‚Schönheit‘ gebraucht, ‚innere Schönheit‘, und gerade dieses Wort hat mich noch gestern und alle diese Tage gequält ... und überhaupt hat es mich mein Leben lang gequält, nur habe ich früher nicht gewußt, was mich quälte. Dieses Zusammentreffen der Worte halte ich für eine Schicksalsfügung, fast für ein Wunder. Ich erkläre das in Ihrer Gegenwart ...“
Aber man fiel mir sogleich ins Wort und ließ mich nicht zu Ende sprechen. Ich sage nochmals: ich wußte nichts von ihrer Verabredung wegen Mama und Makar Iwanowitsch; sie aber glaubten von mir natürlich, nach früheren Erfahrungen, ich wäre zu jedem Skandal von dieser Art fähig.
„Schweig! Bringt ihn zum Schweigen!“ rief Tatjana Pawlowna gleich ganz wild vor Wut. Mama erzitterte. Makar Iwanowitsch, der den Schreck der anderen sah, erschrak gleichfalls.
„Arkadi, höre auf!“ rief Werssiloff streng.