„Für mich, meine Herrschaften,“ rief ich noch lauter, „für mein Empfinden ist es, Sie alle hier neben diesem reinen Kinde zu sehen (ich deutete auf Makar Iwanowitsch) – einfach eine Gemeinheit. Hier ist nur eine Heilige – das ist Mama, aber auch sie ...“

„Sie erschrecken ihn!“ sagte der Doktor eindringlich.

„Ich weiß, daß ich – ein Feind der ganzen Welt bin,“ stotterte ich (oder so etwas Ähnliches), sah mich im Kreise um und blickte schließlich herausfordernd Werssiloff an.

„Arkadi!“ rief er wieder, „einmal ist es hier schon zu so einem Auftritt zwischen uns gekommen. Ich beschwöre dich, beherrsche dich jetzt!“

Ich kann es nicht wiedergeben, mit was für einem starken Gefühl er das sagte. Eine außergewöhnliche, aufrichtige, tiefe Trauer sprach aus seinem Gesicht. Das Erstaunlichste aber war, daß er so aussah wie ein Mensch, der sich seiner Schuld bewußt ist: ich war der Richter, er – der Verbrecher. Das alles gab mir den Rest.

„Ja!“ schrie ich zur Antwort, „genau so einen Auftritt hat es schon einmal gegeben, als ich Werssiloff begrub und ihn aus meinem Herzen riß ... Doch dann kam seine Auferstehung von den Toten, jetzt aber ... jetzt folgt kein Morgen mehr! ... Aber Sie alle hier, Sie alle werden noch sehen, wozu ich fähig bin: Sie lassen sich das ja nicht einmal träumen, was ich beweisen kann!“

Und nachdem ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Werssiloff kam mir eilig nach ...

V.

Ich bekam einen Rückfall; das Fieber stieg beängstigend schnell, und in der Nacht fing ich wieder zu phantasieren an. Aber es war doch nicht alles nur Fieberdelirium: es waren auch Träume, unzählige, einer nach dem anderen, in sinnloser Folge, Träume, von denen ich nur einen Traum oder nur den Teil eines Traumes für mein ganzes Leben behalten habe. Ich will ihn ohne alle Erklärungen wiedergeben; dieser Traum war prophetisch, und ich kann ihn nicht übergehen.

Ich befand mich plötzlich, mit irgendeiner großen und stolzen Absicht im Herzen, in einem hohen, großen Zimmer, es war aber nicht bei Tatjana Pawlowna; ich erinnere mich dieses Zimmers noch sehr genau; das erwähne ich hier schon vorgreifend. Und obgleich ich allein bin, fühle ich doch die ganze Zeit mit Unruhe und Pein, daß ich nicht allein bin, und daß man irgendwo auf mich wartet und irgend etwas von mir erwartet. Irgendwo hinter einer Tür sitzen Menschen und warten auf das, was ich tun werde. Ein unerträgliches Gefühl! „Wenn ich doch allein wäre!“ denke ich. Und auf einmal kommt sie herein. Sie sieht mich schüchtern an, sie fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. Und ich halte das Dokument in der Hand. Sie lächelt, um mich zu bestricken, sie will sich bei mir einschmeicheln; sie tut mir leid, aber schon fange ich an, Ekel zu empfinden. Auf einmal bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen. Da werfe ich ihr mit unsäglicher Verachtung das Dokument hin: „Bitten Sie mich nicht, da haben Sie es, ich brauche nichts von Ihnen! Ich räche mich für alle mir angetane Schmach durch Verachtung!“ Und ich gehe aus dem Zimmer, ganz erfüllt von maßlosem Stolz. Aber in der Tür, im Dunkeln, ergreift mich Lambert! „Dummkopf! Dummkopf!“ flüstert er mir aufgebracht zu und hält mich an der Hand zurück, „sie muß in einem billigen Stadtteil ein Pensionat für adlige junge Mädchen eröffnen“ (d. h. wenn ihr Vater von mir dieses Dokument erhielte – den unvorsichtigen Brief seiner Tochter an Andronikoff – sie enterbte und aus dem Hause jagte. Ich habe diese Worte Lamberts buchstäblich so niedergeschrieben, wie er sie in meinem Traum zu mir sagte).