Und da er von der kommunistischen Lehre noch nichts ahnte, ja selbst das Wort Kommunismus von mir jetzt zum erstenmal hörte, so begann ich unverzüglich, ihm das Wesentliche dieser Lehre, soweit ich selbst Bescheid darüber wußte, zu erklären. Nun war aber mein diesbezügliches Wissen, ehrlich gesagt, ziemlich mangelhaft und eigentlich recht unklar; ja, ich muß gestehen, daß ich in diesen Dingen auch jetzt noch nicht viel besser unterrichtet bin; doch was ich wußte, das erklärte ich ihm mit dem größten Eifer, ohne mich durch irgend etwas einschüchtern zu lassen. Noch heute denke ich mit Vergnügen an den mächtigen Eindruck, den ich damit auf den Alten machte. Das war fast schon kein Eindruck mehr, sondern geradezu eine Erschütterung! Dabei interessierte er sich ungeheuer für die historischen Einzelheiten: „Wo ist das? Wie? Wer hat’s eingeführt? Wer hat’s gesagt?“ – Übrigens habe ich bemerkt, daß das einfache Volk überhaupt diese Eigenschaft hat: wenn irgend etwas sein Interesse erweckt, so gibt es sich mit der allgemeinen Idee niemals zufrieden, sondern verlangt unbedingt die sichersten und genauesten Angaben aller Einzelheiten. Ich aber war gerade in den Einzelheiten nicht ganz sicher, und da Werssiloff zugegen war, so schämte ich mich ein wenig und geriet deshalb noch mehr in Eifer. Es endete damit, daß Makar Iwanowitsch, der ganz gerührt war, fast zu jedem meiner Worte: „Ja, ja!“ sagte, dabei aber, wie es schien, nicht mehr viel begriff und wohl auch den Faden verloren hatte. Ich wollte mich darüber fast schon ärgern, doch da erhob sich Werssiloff und erklärte, es wäre Zeit, schlafen zu gehen. Wir hatten uns damals wieder alle bei Makar Iwanowitsch versammelt, und es war in der Tat schon spät geworden. Als Werssiloff wenige Minuten später noch für einen Augenblick in mein Zimmer trat, fragte ich ihn sogleich, wie er über Makar Iwanowitsch denke, und wofür er ihn halte. Werssiloff lächelte heiter. (Aber durchaus nicht wegen meiner fehlerhaften Angaben über den Kommunismus, – im Gegenteil, von ihnen sprach er überhaupt nicht.) Ich sage nochmals: er hatte Makar Iwanowitsch ganz entschieden liebgewonnen. Mir war schon des öfteren ein ungemein anziehendes Lächeln in seinem Gesicht aufgefallen, wenn er dem Alten zuhörte – doch übrigens stand dieses Lächeln einer Kritik durchaus nicht im Wege.
„Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein Hofknecht,“ antwortete er mir sehr bereitwillig auf meine Frage, „ein ehemaliger Hofknecht und Diener, der als Diener und Sohn eines Dieners geboren ist. In früheren Zeiten nahmen die Hofleute und die Dienerschaft oft sehr großen Anteil an dem privaten, religiösen und geistigen Leben ihrer Gutsherrschaft. Merke dir, daß Makar Iwanowitsch sich auch heute noch aufs lebhafteste für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, dem Leben der höheren Kreise interessiert. Du weißt noch nicht, wie sehr ihn manche Vorgänge in Rußland, die sich in der letzten Zeit zugetragen haben, beschäftigen. Und weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist? Du brauchst ihn nicht mit Honig zu bewirten, sondern erzähle ihm nur, wie und wo Krieg geführt wird, und ob Aussicht vorhanden ist, daß auch wir bald Krieg führen werden – das wird ihm lieber sein als der süßeste Honig. Früher konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig machen. Die Wissenschaften verehrt er sehr, und am meisten liebt er die Astronomie. Bei alledem hat er etwas so Selbständiges in sich entwickelt, und dieses Selbständige steht so fest, daß du es in keinem einzigen Fall auch nur um Haaresbreite verrücken kannst. Er hat Überzeugungen, und die sind sogar ziemlich klar ... und auch aufrichtig. Trotz seiner vollkommenen Unbildung kann er einen plötzlich mit einer ganz genauen Kenntnis mancher Begriffe überraschen, mit einer Kenntnis, die man bei ihm niemals vermutet hätte. Er preist mit Begeisterung das Einsiedlerleben, er selbst aber würde um keinen Preis Einsiedler oder Mönch werden, eben weil er ganz und gar ‚Vagabund‘ ist, wie Alexander Ssemjonowitsch ihn so nett benannt hat. Nebenbei: über diesen Alexander Ssemjonowitsch ärgerst du dich ganz grundlos. Nun, und was wäre denn sonst noch von Makar Iwanowitsch zu sagen? Es steckt in ihm auch ein Künstler, er prägt oft eigene Worte, aber er gebraucht freilich auch Ausdrücke, die nicht seine eigenen sind. Bei logischen Auseinandersetzungen versagt er wohl ein wenig; bisweilen spricht er sehr abstrakt. Er hat Anwandlungen von Sentimentalität, aber von einer durchaus volklichen Sentimentalität, oder richtiger, von jener volklichen Rührung, die unser Volk so verschwenderisch in sein religiöses Gefühl hineinlegt. Von seiner Treuherzigkeit und Güte schweige ich: davon zu sprechen, steht uns beiden nicht an ...“
III.
Um die Charakteristik Makar Iwanowitschs zu beenden, will ich hier wenigstens eine seiner Erzählungen wiedergeben, gerade eine aus dem russischen Volksleben. Der Charakter aller dieser Erzählungen war eigenartig; oder vielleicht ist es richtiger, wenn ich sage, daß sie gar keinen allgemeinen Charakter hatten: eine allgemeine Moral oder Tendenz ließ sich aus ihnen nicht heraushören; das einzige, was man von ihnen sagen könnte, wäre nur, daß sie alle mehr oder weniger ergreifend waren. Aber es gab auch andere, nicht ergreifende Geschichten; ja einige waren geradezu lustig und enthielten sogar Spott über manche lockeren Mönche, so daß er mit dem Erzählen dieser Geschichten seiner Idee unmittelbar schadete, – worauf ich ihn auch aufmerksam machte, aber er verstand gar nicht, was ich damit sagen wollte. Manchmal war es schier unbegreiflich, was ihn denn eigentlich veranlaßte, so viel zu erzählen; wenigstens habe ich mich über diese seine Redseligkeit gewundert und sie mir zum Teil nur durch seine Altersschwäche und seinen krankhaften Zustand erklären können.
„Er ist nicht mehr das, was er früher war,“ raunte Werssiloff mir einmal zu, „er war gar nicht so, wie er jetzt ist. Der wird bald sterben, viel früher, als wir denken, darauf müssen wir gefaßt sein.“
Ich habe vergessen, zu sagen, daß bei uns in dieser Zeit so etwas wie „Abende“ stattfanden: man versammelte sich bei Makar Iwanowitsch. Außer Mama, die natürlich nicht von ihm wich, kam gegen Abend immer Werssiloff zu ihm; desgleichen fand ich mich regelmäßig in seinem Zimmer ein, denn wo sollte ich mich schließlich sonst aufhalten. In den letzten Tagen kam auch Lisa; zwar kam sie immer später als alle anderen und sprach fast nie etwas, aber wenigstens saß sie da. Auch Tatjana Pawlowna fand sich gewöhnlich ein, und manchmal, allerdings selten, erschien noch der Doktor. Mit diesem hatte ich mich ganz unversehens ausgesöhnt; es hatte sich fast von selbst so gemacht: wir vertrugen uns fortan, wenn auch nicht gerade gut, so doch leidlich, wenigstens kam es meinerseits nicht mehr zu Ausfällen gegen ihn. Ich erkannte schließlich seine ganze Harmlosigkeit, und die gefiel mir, ebenso wie seine Anhänglichkeit an unser Haus, weshalb ich mich denn entschloß, ihm seinen Medizinerhochmut zu verzeihen. Außerdem brachte ich ihm bei, die Hände zu waschen und die Nägel zu putzen, wenn ich ihn auch nicht dazu bewegen konnte, saubere Wäsche zu tragen. Ich setzte ihm sogar klar auseinander und bewies ihm, daß meine Forderungen nichts mit Geckenhaftigkeit oder mit irgendwelchen „schönen Künsten“ zu tun hatten, sondern daß Sauberkeit einfach zum Handwerk des Arztes gehöre. Schließlich war auch Lukerja aus ihrer Küche gekommen und hatte, hinter der Tür stehend, zugehört, wie Makar Iwanowitsch erzählte; aber einmal hatte Werssiloff sie hereingerufen und ihr gesagt, sie solle doch einen Stuhl nehmen und sich hier hinsetzen: mir hatte das gefallen – doch seitdem kam sie nicht wieder an die Tür. Eigene Sitten!
Ich will hier eine seiner Erzählungen einfügen, ohne besondere Wahl; wenn ich gerade diese bringe, so geschieht das, weil ich sie am besten behalten habe. Es ist die Geschichte von einem Kaufmann, und ich denke, solche Fälle gibt es in unseren Städten und Städtchen zu Tausenden, wenn man nur aufmerksam hinsieht und zu sehen versteht. Wen diese Geschichte nicht interessiert, der kann sie ja überschlagen, um so mehr, als ich sie nicht mit meinen, sondern mit seinen Worten wiederzugeben versuchen will.
IV.
„Jetzt will ich euch erzählen, was für ein Wunder sich einmal bei uns in der Stadt Afimjewsk zugetragen hat. Es lebte da ein Kaufmann, Skotoboinikoff hieß er, Maxim Iwanowitsch mit sonstigen Namen, und in der ganzen Gegend war kein Reicherer denn er. Eine große Kattunfabrik hatte er sich erbaut, und Arbeiter hielt er etliche hundert; und eingebildet war er über die Maßen. Man muß schon sagen, daß alles nach seinem Wink ging, und auch die hohe Obrigkeit war ihm in nichts entgegen, und der Archimandrit[15] selbst dankte ihm noch für seinen Glaubenseifer: viel hatte er schon für das Kloster gestiftet, und wenn es über ihn kam, seufzte er sehr um sein Seelenheil und war um das zukünftige Leben nicht wenig besorgt. Witwer war er und hatte keine Kinder; von seiner Frau aber erzählte man, daß er sie schon im ersten Jahr geprügelt habe; denn schon von Jugend auf habe er seine Fäuste nicht gern im Zaum gehalten: nur war das alles schon lange vor dieser Zeit gewesen; von neuem aber wollte er sich durch eine Heirat nicht binden. Auch das Trinken war eine Schwäche von ihm, und wenn seine Zeit kam, so lief er in der Betrunkenheit nackend durch die Straßen und brüllte: es war ja keine vornehme Stadt, aber eine Schande war’s doch. Wenn aber die Zeit vorüber war, wurde er böse, und alles, was er dann sagte, mußte somit gut sein, und alles, was er befahl, mußte somit richtig sein. Mit seinen Arbeitern aber rechnete er so ab, wie es ihm gefiel: nimmt das Rechenbrett, setzt die Brille auf: ‚Du, Foma, wieviel hast du zu bekommen?‘ – ‚Hab’ seit Weihnachten nichts bekommen, Maxim Iwanowitsch; neununddreißig Rubel hab’ ich zugut.‘ – ‚Hu, wieviel Geld! Das ist zuviel für dich; so viel bist du alles in allem nicht wert; so viel Geld paßt gar nicht zu dir: zehn Rubel zieh’ ich dir ab, neunundzwanzig kannst du kriegen.‘ Und der Mensch steht und schweigt; es wagte eben keiner, wider ihn zu murren; alle schwiegen sie.
‚Ich weiß schon, wieviel man einem jeden geben kann,‘ sagte er. ‚Mit diesen Leuten kann man ja anders gar nicht umgehen. Das hiesige Volk ist doch mehr als verderbt; ohne mich würden sie alle Hungers sterben, wie viele ihrer hier nur sind. Und Diebe sind’s auch: was einer sieht, das stiehlt er schon, ’s ist gar keine Männlichkeit in ihnen. Und schließlich sind’s auch Trunkenbolde: zahlst du ihm alles aus, so trägt er’s sofort zum Wirt und bleibt dort, bis er alles versoffen hat, auch das letzte Fädchen, und nackend verläßt er die Schenke. Und auch Jämmerlinge sind sie, diese Kerle: da setzt sich denn so einer auf einen Stein gegenüber der Schenke hin, und dann hebt das Geweine an: „Meine Mutter hat mich geboren, ach, warum hast du mich Saufbold in die Welt gesetzt? Hättest du mich Elenden doch bei der Geburt erwürgt!“ – Ist denn so einer überhaupt ein Mensch? Das ist doch ein Tier, aber kein Mensch; so einen muß man zuvor aufklären, und dann erst kann man ihm Geld geben. Oh, ich weiß schon, wann ich ihm welches gebe!‘