Also sprach Maxim Iwanowitsch von den Leuten in Afimjewsk; und wenn er auch viel Schlechtes sprach, so war doch manches Wahre dabei: die Leute waren wahrlich schwach, konnten der Versuchung nicht standhalten.
Es lebte aber in derselben Stadt noch ein anderer Kaufmann, und der starb. Das war ein noch junger und leichtsinniger Mensch; und der machte Bankrott und büßte sein ganzes Vermögen ein. Das letzte Jahr zappelte er noch wie ein Fisch auf dem Sande und versuchte noch immer, sich zu retten, aber seine Tage waren schon gezählt. Mit Maxim Iwanowitsch hatte er sich die ganze Zeit nicht gut gestanden und war ihm viel Geld schuldig. Also kam es, daß er in seiner Sterbestunde Maxim Iwanowitsch verfluchte. Und er hinterließ eine Witwe in jungen Jahren und fünf kleine Kinderchen. Schon eine einsame Witfrau ist nach des Mannes Tode wie eine Schwalbe ohne Nest, – das ist keine kleine Prüfung! Und nun noch eine, die mit fünf kleinen Kindern zurückbleibt, für die sie kein Stückchen Brot hat, um sie zu ernähren: das Letzte, was sie noch besaß, war ein Holzhaus, und das nahm ihr nun Maxim Iwanowitsch für die Schuld weg. Da ging sie denn mit ihren Kinderchen zur Kirche, stellte sie alle eins neben das andere an der Kirchentür auf: das älteste, ein Knabe, war achtjährig, die anderen waren Mädelchen, eins immer ein Jahr jünger als das andere, eins kleiner als das andere; das älteste war erst vier Jährchen alt, das jüngste noch auf dem Arm an der Mutterbrust. Der Gottesdienst war zu Ende, Maxim Iwanowitsch kam heraus, und wie sie ihn erblickten, da fielen alle Kinderchen vor ihm auf die Knie, die ganze Reihe – so hatte die Mutter ihnen gesagt – und die Händchen legten sie bittend zusammen, und als letzte stand sie selbst mit dem fünften Kindchen auf dem Arm. Und während alle die Leute zusahen, verneigte sie sich tief vor ihm und bat ihn mit ihren Kinderchen: ‚Väterchen, Maxim Iwanowitsch, erbarm’ dich der Waisen, nimm ihnen nicht ihr Letztes, wirf sie nicht aus ihrem Nest!‘ Und allen, wer dort nur war, wurden die Augen feucht – so gut hatte sie den Kinderchen das beigebracht. Sie dachte wohl: ‚So vor allen Leuten wird er zu stolz sein, mir meine Bitte abzuschlagen, und wird das Haus den Waisen zurückgeben.‘ Doch es kam anders. Maxim Iwanowitsch blieb stehen: ‚Du,‘ sagt er, ‚du bist eine junge Witwe und willst nur einen Mann. Nicht wegen der Waisen weinst du, und von deinem Mann weiß ich wohl, daß er mich noch auf dem Sterbebett verflucht hat!‘ Und mit diesen Worten ging er vorbei und gab ihnen das Haus nicht zurück. ‚Wozu sich von ihren Dummheiten rühren lassen? Erweist man ihnen Wohltaten, so schmähen sie einen noch mehr; alles das ist doch nur eitel, und das Gerede wird davon bloß noch größer.‘ Und es gab auch wirklich ein Gerede, wonach er dieser Witwe, als sie noch ein junges Mädchen war, so an die zehn Jahre zurück, heimlich ein großes Geld durch Kuppler hatte anbieten lassen (denn schön war sie sehr), und hatte dabei nicht gedacht, daß selbige Sünde gerade so groß ist, wie wenn einer ein Gotteshaus zerstört. Aber er hatte damals nichts erreicht. Und solcher Schändlichkeiten beging er in der Stadt und sogar im ganzen Umkreise nicht wenig und hatte in dieser Sache wahrlich jedwedes Maß verloren.
Die Mutter und ihre Kinder aber weinten laut; er trieb sie aus dem Hause und tat es nicht nur aus bösem Herzen, sondern – wie der Mensch so manchmal selber nicht weiß, was ihn veranlaßt, hartherzig auf seinem Willen zu bestehen und nicht nachzugeben. Eine Zeitlang halfen ihr gute Leute, dann suchte sie sich Arbeit. Aber was gibt es denn in so einer Kleinstadt für Arbeit, außer auf der Fabrik? Hier wusch sie die Dielen auf, dort jätete sie im Gemüsegarten oder heizte eine Badestube; dabei das jüngste Kindchen immer auf dem Arm; und die vier anderen spielen derweil im Hemdchen auf der Straße. Als sie die Kinderchen vor der Kirchentür niederknien ließ, da hatten sie doch noch alle Schuhchen angehabt und Kleidchen, gleichviel was für welche, aber es waren doch immer noch Kaufmannskinder gewesen! Nun aber liefen sie schon barfuß: an Kinderchen sind doch Kleider wie Zunder, das weiß man ja. Aber was machen sich denn Kindchen daraus? Wenn nur die Sonne scheint, freuen sie sich schon; sie ahnen ja das Unheil nicht, ganz wie Vögelchen sind sie, und ihre Stimmchen klingen wie Glöckchen. Die Witwe aber denkt bei sich: ‚Wenn es nun Winter wird, wo lasse ich sie dann? Wenn Gott euch doch vorher zu sich nähme!‘ Aber sie brauchte nicht einmal so lange zu warten. Es gibt dort in der Gegend einen argen Husten, Keuchhusten nennen sie ihn, und der geht von einem Kinde auf alle anderen über, mit denen es zusammenkommt. Als erstes starb das jüngste Kindchen, danach erkrankten auch die anderen, und noch im selben Herbst begrub sie alle ihre vier Mädchen. Eins davon war auf der Straße überfahren worden. Und was glaubt ihr wohl? Selbst hatte sie gewünscht, Gott möge die Armen zu sich nehmen, doch als sie sie begrub, weinte sie laut, denn es tat ihr doch weh. So ist das Mutterherz!
Von allen ihren Kinderchen blieb ihr nur noch der älteste Knabe am Leben, und den hütete sie nun wie ihren Augapfel, so zitterte sie für ihn. Ein schwächlicher und zarter Knabe war’s, von Angesicht lieblich wie ein Mädchen. Schließlich brachte sie ihn auf die Fabrik zu seinem Taufpaten, der dort Verwalter war, selbst aber wurde sie bei einem Beamten Kinderfrau. Da geschah es, daß der Knabe einmal auf den Hof lief, und plötzlich kommt Maxim Iwanowitsch in seinem Wagen mit zwei Pferden vorgefahren, und er hatte wieder einmal getrunken; der Knabe aber springt die Treppe herunter, stolpert und rennt dem Maxim Iwanowitsch, der gerade aus dem Wagen steigt, mit beiden Fäusten in den Bauch. Der packt den Knaben wütend an den Haaren und brüllt ihn an: ‚Wer bist du? Ruten her! Prügelt ihn! Sofort! Hier vor meinen Augen!‘ Der Knabe war zu Tode erschrocken. Man holte Ruten herbei und begann ihn zu schlagen, Maxim Iwanowitsch aber brüllte: ‚So schreist du noch? Prügelt ihn, bis er aufhört zu schreien,‘ befahl er. Ob man ihn nun viel oder wenig schlug, wer kann das wissen? Aber er schrie die ganze Zeit, bis er wie tot liegen blieb. Da hielt man erschrocken inne: der Knabe atmet gar nicht mehr, liegt ganz bewußtlos da. Später sagte man, sie hätten ihn nicht einmal stark geschlagen, der Knabe wäre nur gar zu schreckhaft und zart gewesen. Auch Maxim Iwanowitsch erschrak! ‚Wem gehört er?‘ fragte er; man sagte es ihm. ‚Hm! Bringt ihn zu seiner Mutter; was hat er hier auf der Fabrik zu suchen?‘ Zwei Tage lang schwieg er, dann fragte er wieder: ‚Wie steht’s denn mit dem Knaben?‘ Mit diesem aber stand es schlecht: er lag krank bei der Mutter im Stubenwinkel, und die Mutter hatte ihre Stelle bei dem Beamten aufgeben müssen, denn der Knabe war noch dazu an Lungenentzündung erkrankt. ‚Hm!‘ sagte Maxim Iwanowitsch, ‚und wovon denn eigentlich? Ich wollte nichts sagen, wenn man ihn Gott weiß wie sehr gedroschen hätte: er sollte doch nur etwas eingeschüchtert werden. Ich habe noch ganz anders prügeln lassen, und es hat doch noch niemand deshalb solche Dummheiten gemacht!‘ Er wartete nun darauf, daß die Mutter des Knaben ihn verklage, und so schwieg er aus Stolz. Aber wie durfte sie ihn denn verklagen, das wagte sie ja gar nicht. Da schickte er ihr von sich aus fünfzehn Rubel und den Arzt; nicht deshalb, weil er Angst gehabt hätte, sondern nur so, er war nachdenklich geworden. Dann kam aber wieder seine schlimme Zeit, und er trank drei Wochen lang.
Der Winter ging vorüber, und gerade am Ostersonntag, am heiligen Feiertag, fragt Maxim Iwanowitsch wieder einmal: ‚Wie geht es denn jenem Knaben?‘ Den ganzen Winter über hatte er geschwiegen, nichts gefragt. Und man sagt ihm: ‚Der ist gesund geworden, ist bei der Mutter, die tagsüber wieder für Lohn arbeitet.‘ Da fuhr Maxim Iwanowitsch noch an selbigem Tage zu der Witwe, ging aber nicht ins Haus hinein, sondern ließ sie zum Hofpförtchen rufen; selbst sitzt er im Wagen: ‚Hör’ mich an, ehrbare Witwe,‘ sagt er, ‚ich will deinem Sohn ein wirklicher Wohltäter werden und ihm alles Gute erweisen: ich nehme ihn zu mir in mein Haus. Und wenn er mir nur ein wenig gefällt, so verschreibe ich ihm ein gewisses Kapital; und wenn er mir sehr gut gefällt, so kann ich ihm auch mein ganzes Vermögen verschreiben und ihn zu meinem Erben und Nachfolger einsetzen, gleichwie einen leiblichen Sohn; jedoch mit der Bedingung, daß Ihr selber nicht in mein Haus kommt, außer an hohen Feiertagen. Wenn Ihr darauf eingeht, so bringt den Knaben morgen früh zu mir. Es ist Zeit für ihn, mit dem Spielchenspielen aufzuhören.‘ Und nachdem er so gesagt hatte, fuhr er davon, die Mutter aber war wie von Sinnen. Die Leute, die davon hörten, sagten zu ihr: ‚Dein Sohn wird heranwachsen und dir selber Vorwürfe machen, daß du ihm solch ein Glück vorenthalten hast.‘ Da weinte die Mutter die ganze Nacht über ihren Sohn, am Morgen aber brachte sie ihn hin. Der Knabe war vor Angst mehr tot als lebendig.
Maxim Iwanowitsch ließ ihn wie ein vornehmes Kind ankleiden, nahm für ihn einen Lehrer ins Haus und setzte ihn unverzüglich hinter die Bücher; und es kam so weit, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ, immer war er bei ihm. Kaum sah der Knabe vom Buch auf, da schrie er ihn schon an: ‚Sieh ins Buch! Lern! Ich will aus dir einen Menschen machen.‘ Der Knabe aber war kränklich: nach jenem selben Tage, als er damals geprügelt worden war, hatte er zu husten angefangen. Maxim Iwanowitsch wunderte sich: ‚Hat er bei mir nicht ein gutes Leben? Bei der Mutter ist er barfuß umhergelaufen und hat nur Brotkrusten gekaut, warum ist er denn jetzt kränklicher als zuvor?‘ Der Lehrer aber sagt zu ihm: ‚Jeder Knabe,‘ sagt er, ‚muß auch etwas ausgelassen sein und nicht immer nur über den Büchern sitzen; ihm tut Bewegung not,‘ und er erklärte ihm alles ganz vernünftig. Maxim Iwanowitsch dachte nach. ‚Du hast recht,‘ sagte er. Dieser Lehrer aber, Pjotr Stepanowitsch hieß er, Gott hab’ ihn selig, war eigentlich sozusagen ein behafteter Mensch, und trinken tat er so viel, daß man sagen kann, es war schon mehr als zuviel, und deshalb hatte er auch schon lange keine Stelle mehr und lebte in der Stadt, so gut es ging von milden Gaben und zufälliger Unterstützung, dabei war er aber von großem Verstande und wußte in allen Wissenschaften Bescheid. ‚Mein Platz ist nicht hier,‘ sagte er selber von sich, ‚mein Platz wäre an der Universität, Professor müßt’ ich in der Hauptstadt sein, hier aber bin ich im Schmutz versunken und meine Kleider selbst haben Abscheu vor mir.‘ Maxim Iwanowitsch aber setzte sich somit hin und schreit den Knaben an: ‚Bewege dich!‘ – Der Knabe aber wagt kaum vor ihm zu atmen. Und es kam so weit, daß der Knabe, sobald er nur seine Stimme hörte, schon zu zittern anfing. Maxim Iwanowitsch aber wundert sich immer mehr: ‚Er ist dies nicht und ist das nicht; ich hab’ ihn aus dem Schmutz gezogen, in teures Tuch gekleidet, er hat die feinsten Halbstiefelchen an, ein Hemd mit Stickereien, wie einen Generalssohn halte ich ihn, – weshalb ist er mir nun nicht zugetan? Weshalb schweigt er wie so’n kleiner Wolf?‘ Und wenn man auch schon längst aufgegeben hatte, sich über Maxim Iwanowitsch noch zu wundern, hiernach fing man doch wieder an sich über ihn zu wundern: der Mensch war gar nicht mehr derselbe; er hing an diesem Knaben, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ. ‚Ich will nicht leben, wenn’s mir nicht gelingt, diesen Starrsinn in ihm auszurotten! Sein Vater hat mich noch auf dem Sterbebett verflucht, nachdem er schon die heiligen Sakramente empfangen hatte, und diesen Charakter hat er von seinem Vater.‘ Dabei schlug er ihn nicht ein einziges Mal mit der Rute (seit jenem selben Tage wagte er es nicht mehr). Aber der Knabe war nun einmal eingeschüchtert, das war’s! Da bedurfte es gar keiner Rute mehr, er zitterte schon so vor ihm.
Und dann geschah das Unglück. Er war einmal gerade aus dem Zimmer gegangen, da sprang der Knabe von den Büchern fort und stieg auf einen Stuhl: sein Ball war vorher auf ein Eckschränkchen gefallen, und den wollte er herunterholen, aber sein Ärmel blieb an der Lampe hängen; und auf einmal fiel die Lampe um, fiel krachend zu Boden und zerschlug in tausend Stücke, daß es im ganzen Hause zu hören war. Es war eine kostbare Lampe: sächsisches Porzellan. Und das hörte nun Maxim Iwanowitsch aus dem dritten Zimmer, und wie er’s hörte, brüllte er los. Der Knabe lief vor Entsetzen davon, ohne zu sehen, wohin, lief auf die Terrasse hinaus und in den Garten und durch ein kleines Pförtchen geradeswegs zum Fluß. Dort am Flußufer aber führt eine Straße entlang mit alten Weidenbäumen – eine hübsche Stelle. Er lief bis dicht ans Ufer, die Menschen sahen es, und wie er das Wasser erblickte, fuhr er zusammen, blieb stehen vor Schreck und stand wie angewurzelt. Das war gerade an der Stelle, wo die Fähre anlegt. Der Fluß ist dort breit und reißend. Frachtkähne ziehen vorüber. Auf dem anderen Flußufer sind Läden, ein großer Platz und eine Kirche mit goldenen glänzenden Kuppeln. Und da kam gerade die Frau des Obersten Fersing mit ihrem Töchterchen zur Fähre, – ein Regiment Infanterie stand in der Stadt. Das kleine Fräulein war auch erst so ein Kindchen von acht Jahren, in einem weißen Kleidchen; und es sieht den Knaben an und lacht, und in der Hand hat es so ein kleines Weidenkörbchen, wie die Bauern sie anfertigen, und in dem Körbchen ist ein Igel. ‚Sehen Sie, Mamachen,‘ sagt sie, ‚sehen Sie, wie dieser Knabe meinen Igel ansieht.‘ – ‚Nein,‘ sagt die Frau Oberst, ‚er scheint nur erschrocken zu sein, – was hat dich denn so erschreckt, mein Junge?‘ fragt sie ihn (so wurde das später alles erzählt von denen, die es gehört hatten). ‚Wie nett er aussieht, und wie gut er gekleidet ist, – wer bist du denn, mein Junge?‘ fragte sie ihn. Er aber hatte noch nie einen Igel gesehen; da trat er näher, um das Tierchen zu sehen, und schon vergaß er alles andere – man weiß ja, wie Kinder sind! ‚Was ist das da,‘ fragt er, ‚was ist das, was Sie da haben?‘ – ‚Das ist unser Igelchen,‘ sagt das kleine Mädchen, ‚wir haben ihn vorhin von einem Bauern gekauft, der hat ihn im Walde gefunden.‘ – ‚Was ist das für ein Igel?‘ fragt der Knabe, und schon lacht er und rührt ihn mit dem Fingerchen an, und der Igel faucht und sträubt seine Stacheln, das Mädchen aber freut sich über den Knaben. ‚Wir werden ihn nach Haus bringen,‘ sagt sie, ‚und ihn ganz zahm machen.‘ – ‚Ach,‘ sagt der Knabe, ‚schenken Sie ihn mir, den Igel!‘ Und er bat so rührend, aber kaum hatte er das gesagt, da erscholl auf einmal Maxim Iwanowitschs Stimme vom Gartenpförtchen oben: ‚Ha! Da bist du! Haltet ihn!‘ (Er war so aufgebracht, daß er ihm ohne Mütze vom Hause aus nachgelaufen war.) Da fiel dem Knaben plötzlich alles wieder ein, er schrie auf und stürzte zum Wasser, preßte seine beiden kleinen Fäuste an die Brust, sah hinauf zum Himmel (das hat man gesehen, viele haben es gesehen!) – und plötzlich warf er sich in den Fluß! Alles schrie auf, von der Fähre sprang man ihm nach und versuchte, ihn herauszuziehen, aber die Strömung trug ihn fort: der Fluß ist reißend. Und als man ihn dann endlich herausgezogen hatte, war er schon ertrunken – war tot. Er hatte ja immer schon eine schwache Brust gehabt, da hatte er das Wasser nicht vertragen, und wieviel ist denn auch nötig für so einen? Aber soweit die Menschen dort zurückdenken konnten, entsannen sie sich nicht, daß jemals ein so kleines Kind sich selbst umgebracht hätte! So eine Sünde! Was kann denn wohl so eine kleine Seele Gott dem Herrn in jener Welt antworten? Über diese selbe Sache begann Maxim Iwanowitsch nun nachzudenken. Und der ganze Mensch veränderte sich so, daß man ihn nicht wiedererkennen konnte. Er war schon sehr traurig. Er fing wohl zu trinken an, trank viel, aber dann ließ er es, – es half nicht. Er fuhr auch nicht mehr nach der Fabrik und hörte überhaupt nicht mehr darauf, was man zu ihm sprach. Sagt man ihm etwas – er schweigt oder winkt nur mit der Hand ab. So verbrachte er fast zwei Monate und dann begann er mit sich selber zu sprechen: er ging ganz allein umher und sprach mit sich. In der Nähe der Stadt brannte das Dörfchen Wasskowo ab, neun Häuser brannten nieder. Maxim Iwanowitsch fuhr hin, um sich das anzusehen. Die Abgebrannten umringten ihn, weinten und klagten, – da versprach er, ihnen zu helfen und traf auch die Anordnungen. Aber dann ließ er den Verwalter rufen und widerrief alle Anordnungen: ‚Es ist nichts nötig,‘ sagt er, ‚es wird ihnen nichts gegeben,‘ und sagt nicht einmal, weshalb. ‚Gott hat mich zum Niedertreten der Menschen bestimmt,‘ sagt er, ‚und wenn ich schon mal ein Ungeheuer sein soll, dann mag es also sein. Wie der Wind,‘ sagt er, ‚hat sich mein Ruf in der Welt verbreitet.‘ Schließlich kam der Archimandrit in eigener Person zu ihm gefahren; der war ein strenger Greis, hatte im Kloster das gemeinschaftliche Leben eingeführt. ‚Was ist das mit dir?‘ fragt er ihn so ganz streng. ‚Das ist mit mir,‘ sagt Maxim Iwanowitsch und schlägt vor ihm die Bibel auf und zeigt die Stelle:
‚Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.‘ (Matth. 18, 6.)
‚Ja,‘ sagte der Archimandrit, ‚wenn das auch nicht ganz auf diesen Fall paßt, so kommt es doch nahe heran. Wehe, wenn ein Mensch sein Maß verliert – dann ist er verloren. Und deine Überhebung hat auch keine Grenzen mehr gekannt.‘
Maxim Iwanowitsch saß da wie erstarrt. Der Archimandrit sah ihn lange an.