Das hatte er gerade an jenem Tage zu ihr gesagt. Lisa war empört aufgestanden, um ihn sofort zu verlassen; doch was tat er nun, und womit schloß dieser vernünftige Mensch? Er schloß damit, daß er mit der edelsten Miene und sogar mit Gefühl – ihr seine Hand antrug. Lisa hatte ihm darauf ins Gesicht gesagt, daß er einfach dumm sei, und war hinausgegangen.

Einer Frau vorzuschlagen, einen Unglücklichen aufzugeben, bloß weil dieser Unglückliche ihrer „nicht wert“ sei, und das noch dazu einer Frau, die von diesem Unglücklichen schwanger ist, – das ist nun der Verstand solcher Leute! Ich nenne das ein schreckliches Aufgehen in Theorie bei vollständiger Unkenntnis des Lebens. Zugrunde liegt eine grenzenlose Eigenliebe. Lisa erkannte denn auch ganz genau, daß er auf seine Handlungsweise noch stolz war, und wäre es auch nur deshalb, weil er um ihren Zustand bereits wußte. Mit Tränen der Empörung war sie zum Fürsten geeilt – dieser aber hatte Wassin noch übertrumpft. Man sollte meinen, ihre Erzählung hätte ihn wirklich überzeugen müssen, daß er zur Eifersucht jetzt wahrlich keinen Grund mehr hatte; aber gerade diese Erzählung machte ihn toll. Übrigens sind ja die Eifersüchtigen alle so! Er machte ihr eine furchtbare Szene und beleidigte sie so unerhört, daß sie schon entschlossen war, sofort und unwiderruflich mit ihm zu brechen.

Dennoch kam sie so weit ruhig nach Haus, daß man ihr nicht viel anmerkte, aber vor Mama konnte sie es doch nicht verheimlichen. Oh, an jenem Abend traten sie sich wieder so nah wie früher: das Eis war gebrochen; beide weinten sich aus, während sie sich fest umschlungen hielten, und Lisa beruhigte sich anscheinend, doch man sah es ihr an, daß sie sich sehr bedrückt fühlte. Den Abend verbrachte sie bei Makar Iwanowitsch ganz still und stumm; immerhin blieb sie im Zimmer und hörte sehr aufmerksam an, was er sprach. Seit jenem Unfall Makar Iwanowitschs, damals, beim gewaltsamen Aufstehen, war sie zu ihm ausnehmend freundlich und dabei doch gewissermaßen schüchtern ehrerbietig, wenn sie auch nach wie vor einsilbig blieb.

An diesem Abend nun gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch auf einmal eine andere Wendung, was für uns ganz unerwartet und überraschend kam. Ich muß bemerken, daß Werssiloff und Alexander Ssemjonowitsch, der Doktor, schon am Morgen dieses Tages mit sehr sorgenvollen Mienen über seinen Zustand gesprochen hatten. Desgleichen muß ich bemerken, daß im Hause seit ein paar Tagen verschiedene Vorbereitungen zu Mamas Geburtstag getroffen wurden und wir schon viel von dem bevorstehenden Familienfest sprachen, obwohl bis dahin noch ganze fünf Tage waren. Eben ein solches Gespräch war es, das in Makar Iwanowitsch alte Erinnerungen wachrief, und er begann, von Mamas Kindheit zu erzählen und von jener ersten Zeit, als sie „noch nicht auf den Beinchen stehen konnte“. „Wenn sie mal auf meinem Arm saß, dann wollte sie um keinen Preis herunter,“ erzählte der Alte, „und ich weiß noch, wie ich sie gehen lehrte. Ich stellte sie drei Schritt von mir in den Winkel und rief sie, und sie kam dann ganz unsicher auf mich los und fürchtete sich gar nicht vor mir, sondern lachte noch, und wenn sie dann bei mir angelangt war, umfaßte sie meine Knie und hob die Ärmchen zu meinem Hals. Und Märchen hab’ ich dir erzählt, Ssofja Andrejewna; Märchen liebtest du über alles. Ganze zwei Stunden konnte sie auf meinem Knie sitzen und horchen, und mir die Worte von den Lippen lesen. In der Stube wunderten sich alle: ‚Seht doch, wie sie an dem Makar hängt!‘ Oder in der Sommerzeit brachte ich dich in den Wald, suchte dir wohl einen Himbeerstrauch, setzte dich unter ihm hin und schnitzte dir derweil eine Flöte aus Holz. Und wenn wir dann genug gegangen waren, trug ich dich auf den Armen nach Hause – mein Kindchen schlief schon. Und einmal hast du dich so vor einem Wolf erschreckt, kamst zu mir gelaufen, zittertest vor Angst, und dabei war da gar kein Wolf.“

„Dessen erinnere ich mich noch,“ sagte Mama.

„Erinnerst du dich wirklich noch?“

„An vieles erinnere ich mich noch. Soweit ich nur zurückdenken kann, habe ich von Ihnen nur Güte und Liebe erfahren,“ sagte sie mit ergriffener Stimme, und plötzlich wurde sie bis über die Stirn rot.

Makar Iwanowitsch wartete ein wenig, bevor er weitersprach.

„Ja, Kinderchen, jetzt werde ich bald von euch gehen. Meine Stunde ist schon gekommen. Im Alter hab’ ich Trost gefunden für allen Kummer; habt Dank, ihr Lieben.“

„Aber was reden Sie da, Makar Iwanowitsch, lieber, teurer Mensch,“ rief Werssiloff sichtlich beunruhigt. „Mir hat der Arzt noch vorhin gesagt, daß Ihr Zustand bedeutend besser sei ...“