Mama horchte erschrocken auf.
„Ja, was weiß denn der, dein Alexander Ssemjonowitsch,“ sagte Makar Iwanowitsch lächelnd, „ein lieber Mensch ist er, aber auch nicht mehr. Laßt gut sein, Freunde, oder glaubt ihr, daß ich mich vor dem Sterben fürchte? Ich hatte heute nach dem Morgengebet so ein Gefühl im Herzen: daß ich von hier nicht mehr hinausgehen werde – so ist es mir gesagt worden. Nun und so geschehe es denn, der Name des Herrn sei gelobt. Nur an euch allen will ich mich noch sattsehen. Auch Hiob, der vielfach Geprüfte, fand Trost, wenn er seine neuen Kindlein sah, doch ob er darüber auch seine früheren Kinder vergaß und vergessen konnte? – Unmöglich ist dies! Nur daß sich im Lauf der Jahre die Trauer mit der Freude vermischt und sich in ein schmerzloses Seufzen verwandelt! So ist es auf Erden: jede Seele wird geprüft und wird getröstet. Ich hab’ mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht viel,“ fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich zu mir: „Du, Lieber, eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in den Tod für sie, – aber wart’ doch, erschrick nicht, es ist das ja nicht gleich nötig,“ unterbrach er sich lächelnd. „Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für Gott, nicht aber um des Neides willen. An deinem Werk aber halt fest und laß es dir nicht durch Kleinmut gleichviel welcher Art entwinden; schaffe es nicht übereilt, nicht kopflos und unstet. Nun, und das ist auch alles, was du zu hören brauchst. Es sei denn noch dies, daß du lernst, täglich und unentwegt zu beten. Ich sage dir das nur so, vielleicht erinnerst du dich mal daran. Ich wollte wohl auch Euch, Andrei Petrowitsch, etwas sagen, Herr, aber Gott wird auch ohne mich Euer Herz finden. Schon lange haben wir nicht mehr davon gesprochen, seit damals, da dieser Pfeil mein Herz durchbohrte. Jetzt aber, wo ich von Euch gehe, wollte ich nur daran erinnern ... was Ihr mir damals verspracht ...“
Die letzten Worte sagte er so leise, daß sie kaum zu verstehen waren ...
„Makar Iwanowitsch!“ stieß Werssiloff verwirrt und beunruhigt hervor und erhob sich von seinem Stuhl.
„Nein, nein, Herr, laßt Euch nicht verwirren, ich hab’ ja nur so daran erinnern wollen ... Die Schuld aber vor Gott trifft in dieser Sache vor allen anderen mich; denn wenn Ihr auch mein Herr wart, so hätt’ ich doch diese Schwäche nicht zulassen sollen. Deshalb quäle auch du, Ssofja, dein Herz nicht zu sehr, denn deine ganze Sünde ist – meine Sünde, in dir aber war, so denke ich mir, damals wohl nicht viel Verständnis dafür vorhanden, und vielleicht auch in Euch, Herr, nicht viel mehr als in ihr,“ sagte er lächelnd, und seine Lippen bebten wie vor Schmerz, „und wenn ich dich damals auch hätte belehren können, als mein Weib, und sogar mit dem Stocke, und selbiges sogar hätte tun müssen, so tatest du mir doch leid, als du in Tränen vor mir niederfielst und mir nichts verheimlichtest ... und mir die Füße küßtest. Nicht um dir Vorwürfe zu machen, spreche ich davon, sondern nur um Andrei Petrowitsch zu erinnern ... denn Ihr erinnert Euch wohl selber, Herr, Eures Versprechens und Edelmannswortes ... und die Trauung macht alles gut ... Vor den Kinderchen sag’ ich das, Herr ...“
Er war außerordentlich erregt und sah Werssiloff an, als erwarte er von ihm ein zusagendes Wort. Ich wiederhole, das kam alles so unerwartet, daß ich vor Überraschung ganz regungslos dasaß. Werssiloff war nicht weniger erregt als Makar Iwanowitsch: er trat schweigend zu Mama und umschlang sie fest; da ging Mama, gleichfalls schweigend, zu Makar Iwanowitsch und verneigte sich tief vor ihm.
Es war eine erschütternde Szene. Im Zimmer befanden sich diesmal nur wir, nur die Familie. Selbst Tatjana Pawlowna war nicht zugegen. Lisa hatte sich auf ihrem Stuhl eigentümlich gerade aufgerichtet und hörte stumm zu; plötzlich stand sie auf und sagte mit fester Stimme zu Makar Iwanowitsch:
„Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, in einer großen Qual! Morgen wird sich mein Schicksal entscheiden ... beten Sie heute für mich!“
Damit verließ sie das Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch ihr ganzes Unglück schon von Mama erfahren hatte. An diesem Abend sah ich Werssiloff und Mama zum erstenmal zusammen: bis dahin hatte ich neben ihm immer nur seine Sklavin gesehen. Ja, ich hatte noch ungeheuer vieles nicht gewußt und nicht bemerkt an diesem Menschen, den ich bereits verurteilte; so kehrte ich ganz verwirrt in mein Zimmer zurück. Und ich muß sagen: gerade zu dieser Zeit hatten sich alle meine Bedenken und Zweifel gegen ihn verdichtet. Noch nie war er mir so geheimnisvoll und unverständlich erschienen wie in eben jener Zeit. Aber davon handelt ja diese ganze Geschichte, die ich hier schreibe.
„Nun stellt es sich heraus,“ dachte ich bei mir, als ich zu Bett ging, „daß er damals Makar Iwanowitsch sein ‚Edelmannswort‘ gegeben hat: daß er Mama heiraten werde, sobald sie Witwe würde. Das hat er mir verschwiegen, als er mir damals seine Unterredung mit Makar Iwanowitsch erzählte.“