Den ganzen folgenden Tag war Lisa nicht zu Haus, und als sie dann ziemlich spät heimkehrte, ging sie geradeswegs zu Makar Iwanowitsch. Ich wollte zunächst nicht hingehen, um sie nicht zu stören, doch als ich bald darauf bemerkte, daß auch Mama und Werssiloff bei ihnen waren, ging ich gleichfalls hinein. Lisa saß neben dem Alten und weinte an seiner Schulter, während er mit traurigem Gesicht stumm ihren Kopf streichelte.

Werssiloff sagte mir (nachher in meinem Zimmer), daß der Fürst auf seinem Willen bestand und sich mit Lisa bei der ersten Möglichkeit trauen lassen wollte, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichts. Es fiel Lisa schwer, einzuwilligen, obschon sie kein Recht mehr hatte, nicht einzuwilligen. Überdies hatte Makar Iwanowitsch ihr geradezu „befohlen“, sich trauen zu lassen. Natürlich wäre das später alles ganz von selbst geschehen, und sie hätte sich ja zweifellos trauen lassen, auch ohne fremden Befehl und ohne zu schwanken, aber in diesem Augenblick war sie von dem, den sie liebte, so maßlos gekränkt und durch diese ihre Liebe sogar in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß es ihr unendlich schwer fiel, sich zu fügen. Doch außer der Kränkung war da noch ein neuer Umstand hinzugekommen, von dem ich noch nichts ahnte und auch gar nicht ahnen konnte.

„Hast du es schon gehört, daß diese ganze junge Gesellschaft von der Petersburger Seite verhaftet worden ist?“ fragte Werssiloff mich plötzlich wie beiläufig.

„Was? Dergatschoff?“ rief ich erschrocken.

„Ja; und Wassin auch.“

Ich war unendlich betroffen, besonders durch die Nachricht von der Verhaftung Wassins.

„Ja aber ist denn Wassin auch in irgend etwas verwickelt? Mein Gott, was wird jetzt mit ihnen geschehen? Und das ausgerechnet in derselben Zeit, da Lisa Wassin so anklagt! ... Was glauben Sie, was kann man ihnen anhaben? Dahinter steckt Stebelkoff! Ich schwöre Ihnen, das ist Stebelkoffs Werk!“

„Reden wir nicht davon,“ sagte Werssiloff und sah mich sonderbar an (eben wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts errät), „wer weiß es denn, was sie da haben, und wer kann es wissen, was mit ihnen geschehen wird? Doch das war es nicht, worüber ich mit dir sprechen wollte: ich hörte, du willst morgen ausgehen. Wirst du da nicht auch den Fürsten Ssergei Petrowitsch besuchen?“

„Das ist das erste, was ich vorhabe; wenn es mir auch, offen gestanden, sehr schwer wird ... Ja wie, wollen Sie ihm durch mich etwas sagen lassen?“

„Nein, das nicht. Ich werde ihn selbst sehen. Lisa tut mir leid. Und was kann ihr Makar Iwanowitsch für Ratschläge geben? Er kennt ja selbst weder das Leben noch die Menschen. Und dann noch etwas, mein Lieber“ (er hatte lange nicht mehr „mein Lieber“ zu mir gesagt), „da sind so ... ein paar junge Leute ... von denen einer dein früherer Schulfreund Lambert ist ... Mir scheint, das sind lauter – große Spitzbuben ... Ich sage das nur, um dich zu warnen ... Übrigens ist das natürlich deine Sache, ich habe ja kein Recht ...“