„Andrei Petrowitsch!“ Ich ergriff seine Hand, ohne zu überlegen und nahezu begeistert, wie das oft mit mir geschieht (es war fast ganz dunkel im Zimmer). „Andrei Petrowitsch, ich habe geschwiegen, – Sie haben es doch gesehen, ich habe die ganze Zeit geschwiegen, und wissen Sie, weshalb? Um Ihren Geheimnissen auszuweichen. Ich habe bei mir beschlossen, sie niemals erfahren zu wollen. Ich bin feige und fürchte mich davor, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen könnten, das aber will ich nicht. Und wenn es so ist, wozu sollten Sie dann meine Geheimnisse kennen? Kann es denn nicht auch Ihnen ganz gleich sein, wohin ich gehe? Ist es nicht so?“
„Du hast recht; aber kein Wort mehr darüber, ich bitte dich!“ sagte er und verließ mein Zimmer.
So hatten wir uns ganz unerwarteterweise doch ein wenig ausgesprochen. Aber er hatte meine Erregung vor dem neuen Schritt ins Leben, der mir am folgenden Tage bevorstand, nur noch verstärkt, so daß ich nachts nicht schlafen konnte und immer wieder aufwachte. Trotzdem war mir froh zumute.
III.
Am nächsten Tage verließ ich das Haus, und obgleich es schon zehn Uhr morgens war, bemühte ich mich, leise aufzutreten, um ungesehen hinauszukommen, weshalb ich auch niemandem etwas von meinem Fortgehen sagte und mich nicht verabschiedete; kurz, ich versuchte, heimlich zu entschlüpfen. Warum ich das tat, weiß ich nicht; aber selbst wenn Mama mich erblickt und aufgehalten hätte, würde ich ihr mit irgendeiner Bosheit geantwortet haben. Als ich auf die Straße trat und die kalte Luft mich berührte, erzitterte ich wie von einer ungeheuer starken Empfindung, die geradezu tierisch war, und die ich fleischlüstern nennen möchte. Wozu ging ich aus, wohin ging ich? Das war für mich vollkommen unbestimmbar und zugleich war ich doch – fleischlüstern. Und Furcht war in mir und Seligkeit zugleich.
„Werde ich mich heute beschmutzen oder werde ich mich nicht beschmutzen?“ fragte ich mich mutig, wenn ich auch nur zu gut wußte, daß der für heute vorgenommene Schritt von entscheidender Bedeutung und in meinem ganzen Leben nicht mehr ungeschehen zu machen sein würde. Doch wozu hier in Rätseln sprechen!
Ich ging ins Gefängnis zum Fürsten. Schon vor drei Tagen hatte ich von Tatjana Pawlowna ein Briefchen an den Inspektor erhalten, und dieser war infolgedessen sehr liebenswürdig zu mir. Ich weiß nicht, ob er auch sonst ein guter Mensch war, aber das kommt ja hier nicht weiter in Betracht; jedenfalls gestattete er mir, den Fürsten zu sprechen, und führte mich sogar in ein Zimmer seiner Amtswohnung, wo er uns liebenswürdig allein ließ. Das Zimmer war nicht anders, als die Zimmer der Amtswohnung eines Beamten von diesem Rang gewöhnlich sind – aber auch das ist, denke ich, überflüssig hier zu beschreiben. So konnten wir denn, der Fürst und ich, ungestört unter vier Augen sprechen. Er erschien in einem halbmilitärischen Hausrock, in reinster Wäsche und eleganter Halsbinde, gepflegt und frisiert, war aber furchtbar abgemagert und ganz gelb im Gesicht. Sogar das Weiße seiner Augen war, wie ich bemerkte, gelblich. Kurz, er sah so verändert aus, daß ich stehen blieb und ihn ganz betroffen ansah.
„Wie haben Sie sich verändert!“ rief ich unwillkürlich aus.
„Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund,“ sagte er, wies mit einer fast gezierten Handbewegung auf einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. „Kommen wir zur Hauptsache: Sehen Sie, mein lieber Alexei Makarowitsch ...“
„Arkadi,“ verbesserte ich ihn.