„Du hier. Du bist hier?“ rief sie mit verzerrtem Gesicht und ergriff mich am Arm. „So ... weißt du’s schon?“
Sie ersah aus meinem Gesicht, daß ich es bereits „wußte“. Ich umfing sie schnell und hielt sie krampfhaft umschlungen! Und erst in diesem Augenblick überwältigte mich die ganze Erkenntnis, was für ein unentrinnbarer, hoffnungsloser Kummer für immer über dem Schicksal dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag.
„Kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?“ rief sie und entwand sich mir plötzlich. „Wie kann man ihn denn jetzt beunruhigen? Warum bist du hier? Sieh ihn doch nur an, sieh ihn doch an! Und wie darf man, wie darf man ihn denn verurteilen?“
Unendlicher Schmerz und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesicht, als sie das ausrief und auf ihn wies. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. Und sie hatte recht: es war ein Mensch im Fieberdelirium, den man für nichts verantwortlich machen konnte. Noch an demselben Tage wurde er ins Lazarett gebracht, und am Abend ließ sich bereits eine schwere Gehirnentzündung feststellen.
IV.
Vom Fürsten, den ich mit Lisa zurückließ, fuhr ich gegen ein Uhr mittags in meine frühere Wohnung. Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß der Tag feucht und trübe war, mit beginnendem Tauwetter und warmem Wind, der selbst einem Elefanten auf die Nerven gegangen wäre. Mein Wirt empfing mich mit unendlicher Freude, sehr viel Worten und lebhaften Gebärden, was ich gerade in solchen Augenblicken nicht ausstehen kann. Ich begrüßte ihn trocken und begab mich geradeswegs in mein Zimmer, aber er folgte mir dorthin, und wenn er mich auch nicht mit Fragen zu belästigen wagte, so sah ich doch, wie seine Augen vor Neugier glänzten, und dabei machte er ein Gesicht, als hätte er das größte Recht, neugierig zu sein. Ich mußte mich schon im eigenen Interesse höflich zu ihm verhalten: obgleich ich unbedingt von ihm etwas erfahren wollte (und ich wußte, daß ich es erfahren würde), war es mir doch ekelhaft, sogleich mit dem Ausfragen zu beginnen. Ich erkundigte mich nach der Gesundheit seiner Frau, und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich, wenn auch höflich, so doch sehr wortkarg und anscheinend gelangweilt; das versöhnte mich einigermaßen; dennoch erfuhr ich an diesem Tage die wunderlichsten Neuigkeiten.
Natürlich war Lambert dagewesen; und nachher war er noch zweimal gekommen, um sich „alle Zimmer anzusehen“ – unter dem Vorwande, eines mieten zu wollen. Auch Darja Onissimowna war ein paarmal erschienen, Gott weiß warum; „sie hat sich für alles sehr interessiert,“ fügte mein Wirt hinzu. Aber ich tat ihm nicht den Gefallen, zu fragen, wofür sie sich denn interessiert hatte. Überhaupt fragte ich ihn nichts: er erzählte von selbst, und ich tat, als krame ich in meinem Koffer (in dem sich fast nichts mehr befand). Aber ärgerlich war, daß auch er bald den Geheimnisvollen zu spielen begann: als er bemerkte, daß ich ihn nicht ausfragen wollte, fühlte er sich wohl verpflichtet, auch seinerseits wortkarg zu sein.
„Das Fräulein war auch da,“ bemerkte er so nebenbei und sah mich sonderbar an.
„Was für ein Fräulein?“
„Anna Andrejewna; zweimal war sie hier; mit meiner Frau hat sie Bekanntschaft geschlossen. Eine sehr angenehme, eine reizende Dame. Eine solche Bekanntschaft kann man nicht hoch genug einschätzen, Arkadi Makarowitsch ...“