Er kam mir noch um zwei Schritte näher, als er das sagte: er wollte gar zu gern, daß ich ihn verstünde.
„Wirklich zweimal?“ fragte ich erstaunt.
„Das zweitemal ist sie mit ihrem Bruder gekommen.“
Wohl mit Lambert! dachte ich unwillkürlich.
„Nein, nicht mit Herrn Lambert,“ sagte er, der sofort meinen Gedanken erraten hatte, als wäre er mit seinen Augen in meine Seele eingedrungen. „Sie kam mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Werssiloff. Kammerjunker ist er, glaub’ ich.“
Ich war bestürzt; er beobachtete mich mit einem sehr schlauen Lächeln.
„Ach, und dann war da noch jemand und fragte nach Ihnen – das Fräulein, die Französin, Fräulein Alphonsine de Verdaigne. Wie schön sie singen kann, und auch Verse deklamiert sie wunderbar! Sie ist heimlich zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch nach Zarskoje hinausgefahren, um ihm einen seltenen kleinen Hund zu verkaufen, einen schwarzen, das ganze Tierchen nicht größer als meine Faust ...“
Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und entschuldigte mich damit, daß ich Kopfschmerzen hätte. Er kam meinem Wunsch sofort nach, beendete nicht einmal seinen Satz und war nicht im geringsten beleidigt, ja, fast mit Befriedigung winkte er geheimnisvoll mit der Hand, als wollte er sagen: „Verstehe, verstehe schon,“ und wenn er das auch nicht aussprach, so machte er sich doch das Vergnügen, mein Zimmer auf den Fußspitzen zu verlassen. Es gibt schon Leute auf der Welt, über die man sich ärgern kann.
So saß ich allein wohl anderthalb Stunden lang und dachte nach, und doch dachte ich eigentlich gar nichts, sondern war nur in Gedanken. Ich war erregt, dabei aber nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar viel mehr und noch viel größere Wunder erwartet. „Vielleicht haben sie inzwischen auch schon welche zustande gebracht,“ dachte ich bei mir. Ich war ja längst, schon zu Hause, fest davon überzeugt gewesen, daß ihre Maschine bereits aufgezogen und in vollem Gange war. „Nur ich fehle ihnen noch,“ dachte ich wieder bei mir und empfand eine aufregende und angenehme Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit größter Spannung erwarteten und in meiner Wohnung etwas ausrichten wollten – war so klar wie der Tag. „Ob nicht gar die Trauung des alten Fürsten? Um ihn herum ist ja ein ganzes Kesseltreiben. Nur fragt es sich, ob ich das zulassen werde, meine Herren?“ schloß ich wieder mit überlegenem Selbstbewußtsein.
„Aber wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, so werde ich doch sofort wieder wie ein Strohhalm in den Strudel hineingerissen werden. Bin ich wenigstens jetzt noch frei, oder bin ich schon nicht mehr frei? Kann ich heute, wenn ich nach Hause zurückkehre, meiner Mutter noch sagen, wie ich alle diese Tage gesagt habe: ‚Ich gehöre nur mir selbst an?‘“