Das war das Grundmotiv meiner Fragen, oder besser gesagt, meines Herzklopfens, während ich die anderthalb Stunden auf dem Bette saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Und ich wußte doch, ich wußte schon damals, daß alle diese Fragen vollkommen belanglos waren, und daß nur sie es war, die mich zu ihnen hinzog – nur sie, nur sie allein. Da habe ich es nun endlich ausgesprochen und schwarz auf weiß zu Papier gebracht; denn auch jetzt, da ich es hinschreibe, ein Jahr nachher, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem Gefühl von damals geben soll!

Oh, selbstverständlich tat Lisa mir leid, und in meinem Herzen brannte ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und ich glaube, nur dieses Schmerzgefühl vermochte wenigstens zeitweise die Fleischlüsternheit (ich bleibe bei dieser Bezeichnung) in mir zu beruhigen oder zurückzudrängen. Aber eine grenzenlose Neugier, ein Grauen riß mich fort und dann noch ein gewisses Gefühl – ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß jetzt, und das wußte ich schon damals, daß es kein gutes Gefühl war. Vielleicht hatte ich das Verlangen, mich ihr zu Füßen zu werfen, vielleicht aber wollte ich sie allen Qualen ausliefern, um ihr irgend etwas „schneller, schneller“ zu beweisen. Davon konnte mich kein Schmerz um Lisa und kein Mitleid um meine Schwester zurückhalten. Nun, und wie hätte ich da noch aufstehen und heimgehen können zu ... Makar Iwanowitsch?

„Aber wäre es denn nicht möglich, zu ihnen zu gehen, nur um alles von ihnen zu erfahren, und sie dann – auf immer zu verlassen, ohne mich von irgendwelchen Wundern oder Ungeheuern anfechten zu lassen?“

Es war drei Uhr, als ich mich endlich aufraffte und mir sagte, daß ich mich beinahe schon verspätet hatte; ich eilte hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Anna Andrejewna.

Fünftes Kapitel.

I.

Als man mich Anna Andrejewna meldete, warf sie sofort ihre Näharbeit hin und kam mir eilig ins erste Zimmer entgegen, – was früher nie geschehen war. Sie reichte mir beide Hände und errötete. Schweigend führte sie mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies auf einen Stuhl ihr gegenüber. Aber die Arbeit nahm sie nicht wieder auf, sondern sah mich mit glühender, lebhafter Teilnahme an, ohne ein Wort zu sagen.

„Sie haben Darja Onissimowna zur mir geschickt,“ begann ich ohne Umschweife, ein wenig bedrückt durch ihre so auffallend gezeigte Teilnahme, obgleich diese mir doch auch schmeichelte.

Da begann sie plötzlich zu sprechen, ohne auf meine Frage einzugehen.

„Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese schreckliche Nacht ... Oh, wie müssen Sie gelitten haben! Ist es denn wahr, wirklich wahr, daß man Sie besinnungslos, halb erfroren, gefunden hat?“