„Das hat Ihnen ... Lambert ...“ murmelte ich und errötete.
„Ich habe gleich damals alles durch ihn erfahren; und ich habe auf Sie gewartet. Oh, ganz erschrocken kam er zu mir, um mir alles zu erzählen. In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, hat man ihn nicht zu Ihnen gelassen ... und hat ihn überhaupt sehr sonderbar empfangen ... Ich weiß zwar nicht genau, wie sich alles zugetragen hat, aber er hat mir viel von dieser Nacht erzählt: er erzählte mir auch, daß Sie, als Sie kaum zu sich gekommen waren, sogleich von mir gesprochen haben und ... und von Ihrer Ergebenheit für mich. Ich war zu Tränen gerührt, Arkadi Makarowitsch, ich weiß nicht einmal, wodurch ich diese Ihre glühende Anteilnahme verdient habe, und noch in der Lage, in der Sie sich selbst damals befanden! Sagen Sie, dieser Herr Lambert ist Ihr Jugendfreund?“
„Ja, aber bei diesem Wiedersehen ... ich muß gestehen, war ich etwas unvorsichtig und habe ihm vielleicht etwas zuviel vertraut.“
„Oh, von dieser schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! Ich habe schon längst vorausgesehen, daß diese Menschen Sie so weit bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, seine Hand gegen Sie zu erheben?“
Sie tat so, als wäre ich damals nur durch Bjoring und „sie“ in jene Verfassung an der Mauer gekommen. Und sie hat recht, dachte ich, aber ich brauste doch auf:
„Wenn er gegen mich die Hand erhoben hätte, so wäre er ungezüchtigt nicht davongekommen, und ich würde jetzt nicht ungerächt so vor Ihnen sitzen,“ erwiderte ich heftig. Ich fühlte, daß sie mich zu irgend etwas reizen, gegen irgend jemand hetzen wollte (es war mir übrigens klar, gegen wen); und doch fiel ich darauf herein.
„Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorausgesehen, daß man mich so weit bringen werde, so war das von seiten Katerina Nikolajewnas selbstverständlich nur ein Zweifeln an mir ... allerdings ist es wahr, daß ihr Vertrauen sich etwas zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt hat ...“
„Ja, gar zu schnell, das ist es ja eben!“ griff Anna Andrejewna mit überschwänglichem Mitgefühl meine Behauptung auf. „Oh, wenn Sie wüßten, was sie jetzt dort für Intrigen spinnen! Freilich, Arkadi Makarowitsch, Ihnen dürfte es schwer fallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu begreifen,“ sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. „Inzwischen habe ich – nach jenem Vormittag, als wir uns zum letztenmal sahen – habe ich einen Schritt getan, den nicht ein Jeder so verstehen kann, wie ihn ein Mensch von Ihrem reinen Verstande und mit Ihrem liebevollen, unverdorbenen und frischen Herzen zu verstehen vermag. Seien Sie überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Ergebenheit mir gegenüber zu schätzen weiß und sie Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen werde. Die Gesellschaft wird natürlich den Stein gegen mich erheben, sie hat es ja schon getan. Und selbst wenn sie recht hätte, von ihrem niedrigen Standpunkte aus, wer kann, wer darf selbst in diesem Fall mich verurteilen? Ich bin seit meiner Kindheit von meinem Vater verlassen; wir Werssiloffs sind ein altes vornehmes Geschlecht, und doch sind wir Kinder Heimatlose, und ich esse fremdes Gnadenbrot. Ist es da nicht natürlich, daß ich mich an den gewandt habe, der mir seit meiner Kindheit den Vater ersetzt hat, und dessen Güte ich soviel verdanke? Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, er mag sie richten, doch den Urteilsspruch der Welt über mich erkenne ich nicht an! Und wenn nun noch die hinterlistigsten Intrigen gesponnen werden, und die eigene Tochter ihren vertrauensvollen und großmütigen Vater ins Unglück stürzen will, ja, darf man dann noch zögern? Nein, und wenn es mich auch meinen Ruf kostet, ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein, doch niemals werde ich zulassen, daß die kalte und niedrige Berechnung der Welt triumphiert!“
Sie sprach in großer Erregung, und obschon diese Erregung zur Hälfte vielleicht gemacht war, so war sie insofern doch ehrlich, als man aus allem ersah, wie weit sie schon in diese ganze Sache hineingezogen war. Oh, ich fühlte es, daß sie log, wenn sie auch ehrlich log (denn man kann auch ehrlich lügen), und daß sie in diesem Augenblick schlecht handelte; aber es ist sonderbar, wie das einem so mit den Frauen ergeht: diese scheinbare Anständigkeit, diese feinen Formen, diese unerreichbare gesellschaftliche Vornehmheit und stolze Keuschheit – alles das brachte mich aus der Fassung, und ich begann, ihr in allem recht zu geben, das heißt, solange ich bei ihr war; wenigstens konnte ich mich nicht entschließen, ihr zu widersprechen. Oh, ein Mann befindet sich entschieden in moralischer Abhängigkeit von der Frau, besonders wenn er großmütig ist! So eine Frau kann einen großmütigen Mann alles glauben machen. „Sie und Lambert – du lieber Gott!“ dachte ich und sah sie ungläubig an. Übrigens, um alles zu sagen: ich bin auch heutigentags nicht imstande, mir über sie ein Urteil zu bilden: ihre wahren Gefühle konnte wirklich nur Gott allein kennen, und außerdem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen wirklich nichts von ihm verstehen kann: und nun gar, wenn dieser Mensch – eine Frau ist!
„Anna Andrejewna, was erwarten Sie nun eigentlich von mir?“ fragte ich sie aber doch ziemlich entschlossen.