„Wieso? Was wollen Sie damit gesagt haben, Arkadi Makarowitsch?“
„Mir scheint nach allem ... und noch einigen anderen Erwägungen ...“ erklärte ich befangen, „daß Sie nach mir geschickt haben, weil Sie etwas von mir erwarteten; um was handelt es sich?“
Sie fing sofort wieder zu sprechen an, ohne jedoch auf meine Frage zu antworten, und sprach wieder so schnell und lebhaft wie zuvor.
„Ich kann nicht, ich bin zu stolz, um auf Auseinandersetzungen und Abmachungen mit unbekannten Personen, wie dieser Herr Lambert, einzugehen. Ich habe auf Sie gewartet, nicht auf Herrn Lambert. Meine Lage ist einfach furchtbar, Arkadi Makarowitsch! Ich muß Winkelzüge machen, weil ich von Spionen dieser Frau umgeben bin, – und das ist unerträglich. Ich habe mich fast bis zu Intrigen erniedrigen müssen und habe auf Sie gewartet wie auf meinen Retter. Man kann es mir nicht verdenken, daß ich mich unter diesen Umständen nach einem Freunde umschaue, und wie sollte ich mich nicht glücklich schätzen, daß ich so einen Freund habe: wer in einer Nacht, da er selbst halb erfroren aufgefunden wird, noch meinen Namen nennt, der muß mir doch ergeben sein! Das habe ich mir die ganze Zeit immer wieder gesagt, und deshalb habe ich auch meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt.“
Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und siehe da, mir fehlte wieder der Mut, ihr den Glauben zu nehmen und ihr geradeaus zu erklären, daß Lambert sie betrogen, und daß ich ihm durchaus nicht gesagt hatte, ich sei ihr so sehr ergeben, geschweige denn, daß ich „nur ihren Namen“ auf den Lippen gehabt hätte. Mit meinem Schweigen aber unterstützte ich gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin fest davon überzeugt, daß sie dabei nur zu gut wußte, daß Lambert alles übertrieben und sie einfach belogen hatte, einzig und allein, um einen Vorwand zu haben, bei ihr zu erscheinen und die Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten; und wenn sie mir nun so in die Augen sah, als wäre sie wirklich von dem Gesagten und von meiner Ergebenheit überzeugt, so wußte sie eben, daß ich es nicht wagen würde, ihrer Annahme zu widersprechen, einerseits aus Zartgefühl und andererseits infolge meiner jugendlichen Schüchternheit. Übrigens, ob ich mit dieser Vermutung recht habe oder nicht – das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur schrecklich verdorben.
„Mein Bruder wird für mich eintreten,“ sagte sie plötzlich erregt, als sie sah, daß ich keine Antwort geben wollte.
„Man sagte mir, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen,“ stammelte ich verwirrt.
„Aber der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja nirgendwohin mehr retten, vor dieser ganzen Intrige, oder richtiger, vor seiner eigenen Tochter, als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung seines Freundes; denn er hat doch wohl das Recht, Sie wenigstens für seinen Freund zu halten! ... Und dann, wenn Sie etwas für ihn tun wollen, so tun Sie es, wofern in Ihnen soviel Großmut und – Kühnheit ist ... und wenn Sie für ihn wirklich etwas tun können. Oh, nicht um meinetwillen, nicht für mich, sondern für ihn, für den unglücklichen alten Mann, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie von ganzem Herzen wie seinen eigenen Sohn liebt, und der sich auch heute noch nach Ihnen sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, auch nicht von Ihnen – hat doch selbst mein eigener Vater mir einen so hinterlistigen, so boshaften Streich gespielt!“
„Ich glaube, Andrei Petrowitsch ...“ begann ich.
„Andrei Petrowitsch,“ unterbrach sie mich mit bitterem Hohnlächeln, „Andrei Petrowitsch hat mir damals auf meine offene Frage ehrenwörtlich versichert, daß er niemals die geringste Absicht auf Katerina Nikolajewna gehabt habe, was ich ihm auch glaubte, als ich meinen Schritt tat; indessen dauerte dieser Verzicht nur so lange, bis er die erste Nachricht von einem gewissen Herrn Bjoring erfuhr.“