Schon als Kind habe ich den Monolog des ‚Geizigen Ritters‘ von Puschkin auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute noch.“
Die Idee des persönlichen Prinzips in Raskolnikoff und dem Jüngling ist durch die Gestalten des Hermann (des Helden in Puschkins „Pique-Dame“) und des „Geizigen Ritters“ mit Puschkin verbunden, und durch Puschkin – hier wie überall bei Dostojewski, wie überall in der russischen Literatur – mit den tiefsten Wurzeln nicht etwa nur des westeuropäischen, sondern auch des russischen Volksgeistes.
„‚Ihr Ideal ist niedrig‘, wird man mir mit Verachtung vorhalten, ‚Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!‘
Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum verwenden würde? Was ist dabei Unsittliches und Niedriges, daß diese Millionen aus vielen jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hand eines nüchternen und standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut, zusammenfließen? ... In meinen Träumen habe ich schon mehr als einmal an jenen zukünftigen Augenblick gedacht, wo mein Machtbewußtsein übersättigt sein, die ‚Macht‘ mir aber immer noch nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langeweile und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem verlangen wird – alle meine Millionen den Menschen hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und verwalten, ich aber – ich aber tauche wieder hinab und verschwinde unter den Namenlosen.“ Das Bewußtsein, daß Millionen in seinen Händen waren, und er sie in den Schmutz geworfen hat – würde ihn wie ein Rabe in seiner Wüste speisen. „Ja, meine ‚Idee‘,“ fährt er fort, „ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen lasterhaften Willen ganz, – nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande bin, auf ihn zu verzichten.“
Bedurfte nicht ebenso auch Raskolnikoff seines „lasterhaften Willens ganz“? Vergoß er doch nur deshalb das Blut, „um sich selbst zu beweisen“ („ich mußte so bald als möglich erfahren, ob ich ein Ungeziefer bin oder ein Mensch“), daß er diesen Willen, dieses „Recht auf Macht“ habe.
Aber mag auch, ich wiederhole es, die praktische Seite der „Idee“ des Jünglings oder richtiger, seines „Traumes“, kindisch, naiv, sogar lächerlich sein; mag man in ihr auch noch die ungefestigte Stimme des fünfzehnjährigen Knaben hören: für uns ist doch nicht die Verwirklichung, sondern nur die Richtung seiner Gedanken wichtig; wichtig ist hier nicht die äußere grüne Schale der Frucht, sondern vor allem gerade die Entstehung jenes Samenkornes, aus dem einst ein neuer Baum der „Erkenntnis des Guten und Bösen“, und vielleicht auch ein neuer „Lebensbaum“ hervorwachsen wird.
Und was dabei am bemerkenswertesten ist: die Erwerbung der Macht ist für ihn nicht Zweck, sondern nur Mittel, ist Weg, vorbereitende „Wüste“, Heldentat, Prüfung; ist nicht anarchische Zügellosigkeit, sondern die größte asketische Zügelung des „Fleisches und der Lust“, der größte Sieg über Fleisch und Lust. Ein „nüchterner und standhafter Asket“ soll aus dieser Prüfung hervorgehen. Er bedarf seines „lasterhaften Willens ganz“, er will nur für sich allein freien Willen, – für sich, für sich ganz allein. Aber ist das nun alles, ist das der höchste seiner Wünsche? Nein, ihn wird „nach uferlos Größerem verlangen“, – „die Macht wird ihm immer noch nicht groß genug erscheinen“.
Und so schenkt er sie den Menschen, verschwendet sie, wirft sie in den Schmutz, sagt sich los von seinem Willen und geht in eine noch größere Wüste. Selbstverneinung – um der Selbstbejahung seiner Persönlichkeit willen; neue höhere Selbstverneinung – um neuer, höherer Selbstbejahung willen; Schritt für Schritt, Stufe nach Stufe auf der unendlichen Leiter seiner Wünsche, die hinauf zum „unbegrenzten“, letzten Wunsch führt. Es ist, wenn auch nicht dem Jüngling selbst, so doch uns nur zu klar, daß jenes Bewußtsein, das ihn in der Wüste wie ein Rabe speisen wird, kein anderes als ein religiöses Bewußtsein ist, daß hier der Anfang einer Religion liegt.
Nun fragt es sich: ist diese Religion derjenigen entgegengesetzt, welcher der unvermutete Freund und Lehrer des Jünglings angehört, der rechtmäßige Gatte seiner unrechtmäßigen Mutter, der gewesene Leibeigene Werssiloffs, der russische Bauer, Gottesgreis und Pilger Makar Iwanowitsch (das fraglose Vorbild des Staretz Sossima in den „Brüdern Karamasoff“)? Makar Iwanowitsch errät alles, was in der Seele des Jünglings vorgeht – seine Auflehnung, seine Einsamkeit, seinen Haß auf die Menschen – und mit wundernehmendem Freisinn verzeiht er ihm alles. Mit seinem stillen, fast ein wenig verschmitzten Lächeln freut er sich über den „Jungling“, wie er ihn nennt, und zweifelt keinen Augenblick daran, daß er, wenn auch auf einem anderen Wege, doch schließlich zu Gott kommen werde, daß „Gottes Geheimnis“ sich früher oder später doch in diesem sich quälenden Gewissen offenbaren wird: „Und daß die Welt ein Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude: ‚Alles ist in dir, Herr, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!‘ Murre nicht, Jungling: um so wundervoller ist es noch, als es ein Geheimnis ist.“ – „Ich freue mich, daß Sie gekommen sind,“ sagt der Jüngling zum Greis. „Ich habe Sie vielleicht schon lange erwartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben keine Vornehmheit ...“ Der Greis aber hat sie, das fühlt der Jüngling sofort heraus: hat eine altertümliche, nicht nur russische, gleichsam byzantinische, an alte Heiligenbilder gemahnende Schönheit, aber auch eine neue, zukünftige, vielleicht dieselbe, die der Jüngling sich in dem „nüchternen und standhaften Asketen“ der letzten Macht und Einsamkeit, der letzten Freiheit, „jenseits von Gut und Böse“ vorstellt.
Das ist der Grund, warum sie sich immer näher treten, sich immer tiefer gegenseitig verstehen, ganz als glaubten sie schon jetzt an ein und dasselbe, als hätten sie das gleiche Ziel vor Augen. Und noch kurz vor dem Tode ruft der Alte seinen „Jungling“ zu sich und segnet ihn, als läge das Zukünftige sichtbar vor ihm: