„Ich hab’ mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht viel,“ – fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich an mich:
„Du, Lieber, eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in den Tod für sie – aber wart doch, erschrick nicht, es ist ja nicht gleich nötig,“ unterbrach er sich lächelnd. „Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für Gott, nicht aber um des Neides willen. Nun, und das ist auch alles, was du zu hören brauchst.“ Wie es scheint, entscheiden diese „paar Wörtchen“ tatsächlich alles in der Zukunft des Jünglings und vielleicht auch in der Zukunft Raskolnikoffs: „tue es für Gott, nicht aber um des Neides willen“. Raskolnikoff tat das, was er tat – „für sich, für sich allein“; könnte er hinzufügen „und für Gott“, so wäre er gerettet. Das aber kann er nicht, das wagt er nicht, hinzuzufügen. Gerade Gott hat er ja vergessen! Er schämt sich und fürchtet sich, an Ihn zu denken. Er hat nicht nur für sein höheres, fernes, sondern auch für sein niedriges, nahes Ich „das Blut vergossen“; also doch nicht nur für seinen Gott, wie dieser Gott auch sein mag, an den er vorläufig noch nicht denkt, dessen er sich aber einmal wohl erinnern wird, sondern auch „um des Neides willen“. Nicht große Liebe zu sich selbst, sondern kleiner Neid auf die Menschen hat ihn ins Verderben gestürzt. Er liebte sich nicht „bis zu Ende“, nicht bis zu Gott; er liebte sich mit einer ungenügenden, nicht mit der letzten und äußersten Liebe. Der Jüngling dagegen ist in seiner Einöde, wo ihn das Bewußtsein der neuen Freiheit „wie ein Rabe speisen“ wird, näher bei Gott. Aber auch in seinem Gedanken an die unsauberen Rothschildschen Millionen (im Grunde sind sie ja dasselbe wie der rote Kasten unter dem Bett der alten Wucherin, an den Raskolnikoff denkt, oder das Kartengeheimnis, das Puschkins Hermann der Pique-Dame entlocken will), ist noch „Neid“, jedoch bereits weniger versteckter und nicht so dunkler, nicht so vergifteter und vergiftender Neid wie bei Raskolnikoff, da der Jüngling offenherziger, kindlicher ist. Dieser junge Wein wird vielleicht noch gären, lagern und klar werden, und dann wird der „Jungling“ begreifen, was der sonderbare Segen und die Prophezeiung Makar Iwanowitschs zu bedeuten haben.
Vorläufig aber erscheint es in der Tat sehr sonderbar: wie? der dem Geiste, der Idee nach leibhaftige Bruder des Anarchisten und Mörders Raskolnikoff und aller aufständischen, raubtierhaften, dämonischen Helden, die nur „für sich allein Willen verlangen“, die ihres „lasterhaften Willens ganz bedürfen“, – der wird gesegnet zum Tode für die „heilige Kirche Christi“, für die soll er eifern? Hat sich der Greis nicht getäuscht, hat er sich nicht verrechnet? Hat er denn auch richtig erkannt, „wes Geistes“ der Jüngling ist? Übrigens scheint Makar Iwanowitsch auch diese Zweifel vorauszufühlen. „Wart, erschrick nicht,“ unterbricht er sich mit seinem prophetischen Lächeln, „jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken“. Selbstverständlich denkt der Jüngling vorläufig noch ebensowenig an die Kirche wie Raskolnikoff. Aber dafür denken späterhin für Raskolnikoff – Iwan Karamasoff, und für den Jüngling Aljoscha Karamasoff an die Kirche, und dieses Nachdenken hat selbst bis zum heutigen Tage noch nicht aufgehört und wird mit jedem Tage immer tiefer, immer unablässiger und drängender. Nicht umsonst ist im Jüngling auch schon das neue Gesicht des „nüchternen und standhaften Asketen“, des Kämpfers oder vielleicht des Novizen Aljoscha entstanden. Nicht umsonst sucht auch schon dieser Jüngling nicht nur prometheische, napoleonische, westeuropäische „Macht und Einsamkeit“, sondern auch russische, autochthone, allerälteste und allerneueste, zukünftige Schönheit. Und diese Schönheit findet er dann im Staretz Sossima. Trotz der Träume von den unsauberen Millionen ist der Jüngling im Herzen rein: er ist fast ein ebenso „Uneigennütziger“ wie Aljoscha Karamasoff; und trotz des Werssiloffschen „bösartigen und wollüstigen Insekts“, das auch in ihm lebt, ist er ein fast ebenso unberührter, keuscher Knabe wie Aljoscha; denn auch in diesem ist ein Werssiloffsches oder Karamasoffsches: „Wir Karamasoffs sind alle so, und auch in dir, du keuscher Knabe, lebt dieses Insekt und gebiert schon Stürme in deinem Blut.“ Ja, der Jüngling befindet sich auf dem halben Wege von Raskolnikoff, von Iwan Karamasoff zum „reinen Cherub Aljoscha“. Auf diesem Wege nun segnet ihn der Greis. Und dieses erste Paar, der junge Dolgoruki, der gleichfalls Novize sein könnte, und der Greis Makar Iwanowitsch, ist das Vorbild des zweiten Paares Aljoscha Karamasoff und Staretz Sossima.
Nein, Makar Iwanowitsch hat sich nicht geirrt, hat nicht falsch vorausgesehen: nur vom Gesichtspunkte der ersten Erscheinung des Herrn, ohne die zweite, die verhießene Wiederkunft, – d. h. der einen, ersten, sichtbaren Menschwerdung, ohne die zweite, geheimnisvolle – also vom Gesichtspunkte unseres gegenwärtigen, ertötenden, tolstoischen, buddhistischen Christentums gesehen, scheint es, daß der Greis, der in seinem Jünger den Fels des persönlichen Prinzips, die uneinnehmbare Festung der „Einsamkeit und Macht“ segnet, damit etwas Christus Entgegengesetztes, etwas „Antichristliches“ gesegnet habe. „Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken.“ O ja, selbstverständlich wird er später auch noch an vieles andere denken. „Vieles noch habe ich euch zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht fassen, wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, dann wird er euch auch in der Wahrheit unterweisen.“ Wie es scheint, haben Makar Iwanowitsch und der Staretz Sossima es teilweise bereits „erfaßt“, sind sie teilweise schon „unterwiesen“ nicht nur vom Vater und Sohne, sondern auch vom Geiste der Wahrheit. Man soll die anderen lieben – wie sich selbst? Aber man soll die anderen nicht für die anderen lieben, sondern für Gott, in Gott: das ist das Gebot Christi. Doch bevor man die anderen so lieben kann, muß man zuerst sich selbst nicht für sich selbst, wohl aber für Gott, in Gott lieben, – sollte das wirklich das Gebot des Antichrist sein? Nein, die anderen und sich selbst in Gott lieben, ist nicht zweierlei, sondern ist eins. Mit unendlicher Liebe kann man weder sich selbst noch andere lieben, – unendlich kann man nur Unendliches, kann man nur Gott lieben. Unendliche Liebe zu sich selbst, unendliche Liebe zu anderen ist ein und dieselbe Liebe zu Gott. Man soll sich anderen hingeben! Aber um sich hinzugeben, muß man zuerst sich selbst besitzen, sich selbst finden, sich seiner selbst bemächtigen. Doch wie viele von uns haben sich denn wirklich gefunden oder sich gar ihrer selbst bemächtigt? Ist die Gabe jener nicht leichter, als es scheint, die, wenn sie ihren Nächsten alles hingeben, was sie haben, so gut wie nichts hingeben, da sie so gut wie nichts haben? Ich soll meine Seele für meinen Bruder hingeben? Aber das heißt doch, daß ich für meinen Bruder nichts Geringes und nichts Wertloses hingeben soll, sondern das Größte, das meine Seele nur sein kann. Ich muß meine Seele nicht nur bis zum Bruder, nein, bis zu Gott muß ich sie erheben, auf daß meine Gabe Gottes würdig sei, nicht aber ihm etwas hingeben, was ich selbst nicht brauche, womit ich selbst nichts anzufangen weiß, – nicht meine erniedrigte, vernichtete, mir zum Überdruß gewordene Seele soll ich meinem Gott geben!
Die „nüchternen, standhaften Asketen“ der vergangenen Jahrhunderte, die besaßen sich in der Tat, die konnten über sich selbst herrschen, die hatten sich ihrer selbst bemächtigt: wie die Geizigen sammelten sie sich, entführten sie sich selbst aus der Welt, häuften sie Schätze geistiger Einsamkeit, Macht, letzter Freiheit auf – und allein schon das Bewußtsein dieser Freiheit speiste sie „wie ein Rabe“ in der Wüste –
„... denn mir genügt
vollauf das Bewußtsein!“
Auf wolkennahen Gipfeln, in unterirdischen Höhlen lebten sie wie die Adler, wie die Löwen, wie Raubtiere. Heilige Raubgier, heiliger Geiz war in ihnen. Nein, die Lehre Christi ist nicht nur die größte Selbstverneinung, sondern auch die größte Selbstbejahung der Persönlichkeit, ist nicht nur ewiges Golgatha, ewige Kreuzigung, sondern auch ewiges Bethlehem, ewige Geburt, Wiedergeburt der Persönlichkeit. Bis heute haben die Menschen nur die eine Hälfte der Lehre Christi klar erschaut: die Selbstverneinung; bald wird die Zeit kommen, wo sie endlich ebenso klar auch die andere Hälfte dieser Lehre erblicken werden, hinter dem ersten, bereits erschienenen Antlitz des Herrn – das zweite, verborgene, hinter dem Antlitz der „Taubeneinfalt“ – das Antlitz der „Schlangenweisheit“, hinter dem Gesicht der Sklaverei und Demut – das Antlitz der Kraft und Größe. Bis jetzt hat dieses zweite Angesicht entweder erschreckt oder – in Versuchung gebracht. So erschrak vor unseren Augen Leo Tolstoi, so ließ Nietzsche sich verführen: beide hielten sie, von den entgegengesetztesten Gesichtspunkten aus, das zweite Angesicht Christi für das Angesicht des Antichrist. „Aber wart doch, erschrick nicht,“ unterbricht sich der Greis mit seinem furchtlosen Lächeln.
„Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen.“ Da sprachen etliche von seinen Jüngern untereinander: Was ist das, was er zu uns sagt: ‚Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen‘ ... Da sprachen sie: Was ist das, das er sagt, über ein kleines? Wir wissen nicht, was er redet. Auch seine Jünger ließen sich anfechten, auch sie erschraken. Und es ist ja wahr: wieviel Rätsel gibt es, wieviel Anfechtungen! Sind ihrer nicht gar zu viele? Gibt es überhaupt eine Religion mit größeren Rätseln und Versuchungen? „Anfechtung muß in der Welt sein, doch wehe dem, durch den sie in die Welt kommt.“ – „Selig, wer nicht an mir zweifelt.“ – Schwer ist es, nicht an ihm zu zweifeln, fast ist es sogar unmöglich, besonders in unserer Zeit, da diese allerrätselhafteste und verführerischeste seiner Prophezeiungen anfängt, in Erfüllung zu gehen: „Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen“, und „wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen“. So ist es ja in der Tat: schon sehen wir ihn nicht mehr, und „wieder“ haben wir ihn noch nicht gesehen. Was ist das, das er zu uns sagt: „wieder?“ Wir wissen nicht, was er redet. Makar Iwanowitsch aber und der Staretz Sossima und teilweise vielleicht auch Dostojewski selbst – wissen es schon: sie haben ihn schon „wieder“ gesehen.
Dmitri Mereschkowski.