„Ich war mal so dumm. Weißt du, wenn man so bei Tisch zusammensitzt, da geht einem manches über die Lippen ... Es kommt noch eine furchtbare Kanaille hin. Der ist schon wirklich eine Kanaille und dabei schlau. Hier gibt es nur Spitzbuben, hier gibt es keine anständigen Menschen! Na, wenn ich mit ihnen fertig bin – dann ... Was ißt du gern? Aber das ist ja egal, man speist dort immer ausgezeichnet. Beunruhige dich nicht, ich werde alles bezahlen. Schön, daß du so gut angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer zu mir. Stell dir vor, ich habe ihnen hier zu essen und zu trinken gegeben, jeden Tag Fischpasteten und Delikatessen; die Uhr, die er verkauft hat, ist schon die zweite. Dieser Knabe, Trischatoff heißt er, – du hast ja selbst gesehen: sogar Alphonsinka ekelt sich, ihn anzurühren, und läßt ihn nicht an sich herankommen – und plötzlich bestellt er im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren, – Schnepfen! ‚Ich will Schnepfen,‘ sagt er. Ich habe ihm die Schnepfen damals auch bestellt, aber ich werde mich schon dafür rächen!“
„Erinnerst du dich noch, wie wir in Moskau zusammen ins Restaurant fuhren und du mich dort mit der Gabel stachst, und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?“
„Ja, ich weiß noch! Eh, Teufel, ich weiß! Aber ich habe dich gern ... Das kannst du mir glauben. Dich liebt ja sonst kein Mensch, ich aber hab’ dich gern; nur ich allein, vergiß das nicht ... Der da, der dorthin kommt, der Pockennarbige – das ist die allerschlauste Kanaille, die mir je begegnet ist; antworte ihm nichts, wenn er mit dir spricht, und wenn er dich zu fragen anfängt, so antworte ihm irgendeinen Unsinn, oder schweige ganz ...“
Jedenfalls kam er unterwegs infolge seiner Aufregung gar nicht dazu, mich auszufragen. Ich aber empfand es fast als Beleidigung, daß er meiner so sicher war und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte ihm mißtrauen; wie mir schien, befand er sich noch in dem dummen Glauben, er könne mich genau so kommandieren wie in früheren Jahren. „Und dabei ist er noch so furchtbar ungebildet,“ dachte ich bei mir, als wir ins Restaurant traten.
III.
In diesem Restaurant an der Großen Morskajastraße hatte ich schon früher verkehrt, in der Zeit meiner Gesunkenheit; darum durchbohrte es mich förmlich, als ich diese Räume, diese Kellner, die mich musterten und in mir einen früheren Gast erkannten, wiedersah. Und nicht viel anders wirkte auf mich der Anblick dieser rätselhaften Freunde Lamberts, in deren Gesellschaft ich mich plötzlich befand, und zu denen ich schon untrennbar zu gehören schien; und dazu kam nun noch das dunkle Vorgefühl, daß ich freiwillig in eine Gemeinheit rannte, die zweifellos mit einer schlechten Tat enden würde – wie gesagt, dieses Gefühl, dieser Eindruck saß in mir und bohrte in mir. Es gab einen Augenblick, da ich fort, nur fortlaufen wollte; doch der Augenblick verging und ich blieb.
Der Pockennarbige, den Lambert aus unbekannten Gründen so fürchtete, wartete schon auf uns. Das war ein Mann mit dummgeschäftigem Gesichtsausdruck, ein Typus, den ich schon seit meiner Kindheit geradezu verabscheute; er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, war von mittlerem Wuchs, hatte leicht ergrautes Haar und ein widerlich glattrasiertes Gesicht mit kleinen abgeschnittenen Bartkoteletten, die wie zwei Würstchen das auffallend flache und böse Gesicht einfaßten. Natürlich war er langweilig, ernst, wortkarg und, wie es diese Leutchen gewöhnlich sind, aus irgendeinem Grunde auch noch hochmütig. Er musterte mich sehr aufmerksam, sagte aber kein Wort. Lambert war so töricht, uns nicht miteinander bekannt zu machen, obgleich wir uns an denselben Tisch setzten: folglich konnte mich jener für einen der Erpresser aus Lamberts Gefolge halten. Mit den beiden jungen Leuten (die fast gleichzeitig mit uns eingetroffen waren) sprach der Pockennarbige während der ganzen Mahlzeit auch kein Wort, aber es war offensichtlich, daß er sie sehr gut kannte. Er sprach ausschließlich mit Lambert, aber das Gespräch wurde nur im Flüsterton geführt, und eigentlich sprach nur Lambert; der Pockennarbige begnügte sich mit abgerissenen, wütenden Worten, die wie Ultimata klangen. Er verhielt sich äußerst hochmütig, böse und spöttisch, während Lambert sich in großer Erregung befand und sichtlich in der Absicht auf ihn einsprach, ihn zu irgendeinem Unternehmen zu überreden. Einmal streckte ich die Hand nach einer Rotweinflasche aus, doch da griff der Pockennarbige, der bis dahin kein Wort zu mir gesprochen hatte, schnell nach der Sherryflasche und reichte sie mir. „Versuchen Sie den,“ sagte er dabei.
Ich erriet sofort, daß er über mich schon unterrichtet war und wohl nicht nur meinen Namen, sondern auch meine ganze Lebensgeschichte kannte, und ganz genau wußte, worauf Lambert bei mir rechnete. Der Gedanke, daß er mich für einen von Lamberts Helfershelfern halten könnte, empörte mich mächtig. Lamberts Gesicht aber drückte höchste und dümmste Beunruhigung aus, sobald der andere nur ein Wort zu mir sagte. Dem Pockennarbigen konnte das natürlich nicht entgehen, und er begann zu lachen.
„Lambert hängt entschieden von ihnen allen ab,“ dachte ich und haßte ihn in diesem Augenblick aus ganzer Seele. So waren wir denn während der ganzen Mahlzeit, wenn wir auch an einem Tisch zusammensaßen, doch in zwei Gruppen geteilt: am Fenster der Pockennarbige und Lambert einander gegenüber, und am anderen Ende ich neben dem schmierigen Andrejeff, und wiederum uns gegenüber der hübsche Trischatoff. Lambert hatte es sehr eilig mit dem Essen und trieb den Kellner alle Augenblicke zu schnellerem Servieren an. Als man den Champagner brachte, hob er mir plötzlich sein Glas entgegen:
„Auf dein Wohl, stoßen wir an!“ unterbrach er sein Gespräch mit dem Pockennarbigen.