„Ach, das sind schwierige Fragen, lassen wir das!“

„Gut, lassen wir das; selbstverständlich; nur habe ich von alledem nichts gewußt, vielleicht gar zu viel nicht gewußt. Aber mögen Sie recht damit haben, daß jetzt alles von neuem anfängt, und wenn einer schon auferstanden ist, so bin ich es, ich als erster. Ich stehe mit niedrigen Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch nicht eine ganze Stunde her, daß ich auch durch die Tat niedrig an Ihnen gehandelt habe. Aber Sie sollen auch das wissen, daß ich jetzt hier neben Ihnen sitze und nicht die geringsten Gewissensbisse verspüre. Denn jetzt ist alles Alte verschwunden und alles, was ist, ist neu. Und jenen Schuft, der vor einer Stunde eine Gemeinheit gegen Sie plante, kenne ich einfach nicht und will ich überhaupt nicht mehr kennen!“

„Kommen Sie zu sich,“ sagte sie lächelnd, „Sie scheinen mir ein bißchen im Fieber zu sprechen.“

„Und kann man sich denn überhaupt verurteilen, solange man neben Ihnen sitzt?“ fuhr ich fort. „Da mag einer noch so anständig sein, oder mag auch noch so niedrig sein – Sie sind doch immer, wie die Sonne, unerreichbar ... Sagen Sie, wie haben Sie mir jetzt so entgegenkommen können, nach allem, was geschehen ist? Wenn Sie nur wüßten, was noch vor einer Stunde geschehen ist, gerade vor einer Stunde! Und was für ein Traum mir in Erfüllung geht!“

„Ich glaube, das kann ich mir schon denken,“ sagte sie mit einem stillen Lächeln. „Sie werden sich für irgend etwas an mir haben rächen wollen. Sie haben sich wohl gar geschworen, mich ins Verderben zu stürzen; und dabei hätten Sie ganz gewiß einen jeden auf der Stelle totgeschlagen oder verprügelt, der es gewagt hätte, in Ihrer Gegenwart auch nur ein schlechtes Wort über mich zu sagen.“

Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat es nur aus unermeßlicher Güte, denn ihre ganze Seele war in dem Augenblick, wie ich später erriet, so voll von eigener niederdrückender Sorge und von einer so starken und gewaltigen Empfindung, daß sie wohl nur so mit mir sprechen und auf meine nichtigen, lästigen Fragen antworten konnte, wie man vielleicht einem kleinen Kinde auf seine naseweisen unablässigen Fragen antwortet, damit es Ruhe gibt. Das begriff ich plötzlich, und ich schämte mich, aber ich konnte mich schon nicht mehr zurückhalten.

„Nein,“ rief ich, ohne mich zu beherrschen, „nein, ich habe den nicht erschlagen, der schlecht von Ihnen sprach, im Gegenteil, ich hab’ ihm noch beigestimmt!“

„Oh, um Gottes willen, nicht beichten, nein, erzählen Sie nichts!“ Sie streckte plötzlich die Hand aus, um mich aufzuhalten, und aus ihrem Gesicht sprach geradezu schmerzliches Mitleid, aber schon war ich aufgesprungen und stand vor ihr, um ihr alles zu sagen; und wenn ich ihr damals alles gesagt hätte, so wäre es nicht dazu gekommen, wozu es später gekommen ist; denn es wäre bestimmt darauf hinausgelaufen, daß ich ihr alles gebeichtet und das Dokument ihr ausgeliefert hätte. Aber da begann sie auf einmal zu lachen:

„Nein, es ist nicht nötig, nichts ist nötig, ich will keine Einzelheiten hören. Ich kenne schon alle Ihre fürchterlichen Verbrechen: ich wette, Sie hatten die Absicht, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und haben gerade einen diesbezüglichen Plan geschmiedet, mit einem Ihrer Freunde oder einem Ihrer früheren Schulkameraden ... Ach, es scheint ja, daß ich es wirklich erraten habe!“ rief sie plötzlich und sah mir ernst forschend ins Gesicht.

„Wie ... wie haben Sie das erraten können?“ stotterte ich wie ein Narr vor lauter Betroffenheit.