Und nun will ich wiedergeben, was ich von seinen Erklärungen verstanden habe:

Nachdem er diesen Brief gelesen, nachmittags um fünf Uhr, hatte er plötzlich eine ganz unerwartete Empfindung in sich verspürt: zum erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung empfunden, etwa von der Art, wie er noch kurz vorher bei der bloßen Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring „wahnsinnig geworden war“. „Im Gegenteil, ich habe ihr von ganzem Herzen meinen Segen geschickt,“ sagte er mit tiefem Gefühl zu mir. Mit Entzücken vernahm ich diese Worte. Also war alle Leidenschaft und Qual in ihm mit einem Schlage ganz von selbst verschwunden, wie ein Traum, wie ein Sinnenrausch, der ihn zwei Jahre lang im Bann gehalten. Noch hatte er es sich selbst nicht geglaubt, als er zu Mama geeilt war – und siehe da: er trat in dem Augenblick bei ihr ein, als sie endlich frei wurde und der Alte, der sie ihm gestern gewissermaßen übergeben hatte, starb. Eben dieses Zusammentreffen hatte ihn so erschüttert. Und nur wenig später hatte er schon mich aufgesucht – daß er unter diesen Umständen doch sogleich an mich gedacht hat, werde ich ihm nie vergessen.

Auch die letzten Stunden jenes Abends werde ich nie vergessen. Dieser Mensch hatte sich ganz und gar verwandelt. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen. Welchen Eindruck diese ganze „Mitteilung“ auf mich machte, werde ich später erzählen, hier will ich nur noch ein paar abschließende Worte über ihn sagen. Wenn ich jetzt nachdenke, begreife ich, womit er mich damals am meisten bezaubert hat: das war seine gewisse Demut vor mir und seine so echte Aufrichtigkeit, mir, dem halben Knaben, gegenüber! „Es war wie eine Benommenheit,“ rief er aus, „aber auch die segne ich jetzt! Ohne diese Blindheit hätte ich vielleicht niemals in meinem Herzen die restlose und für ewig einzige Besitzerin meines Herzens gefunden, meine Märtyrerin – deine Mutter.“ Diese begeisterten Worte, die unaufhaltsam aus ihm hervorbrachen, verzeichne ich hier besonders im Hinblick auf das Weitere. Damals aber ergriff und besiegte er damit mein Herz.

Ich weiß noch, wir wurden zu guter Letzt sehr heiter. Er ließ Champagner bringen, und wir stießen auf Mamas Wohl und auf die „Zukunft“ an. Oh, er war so voll Leben und so begierig, zu leben! Aber nicht vom Wein wurden wir auf einmal so lustig: wir tranken ja im ganzen nur zwei Glas. Ich weiß nicht, weshalb es geschah, aber wir lachten zum Schluß fast unaufhörlich. Wir sprachen schon von ganz anderen, ganz nebensächlichen Dingen; er erzählte mir alle möglichen Geschichtchen und ich ihm gleichfalls. Und unser Lachen wie unsere Geschichten waren weder boshaft noch weiß Gott wie lustig, aber sie steigerten doch noch unsere Heiterkeit. Er wollte mich noch immer nicht fortlassen: „Bleib noch, bleib noch ein wenig!“ sagte er immer wieder, und ich blieb. Später aber kam er mit und begleitete mich ein Stück Weges; die Nacht war wundervoll, es fror ein wenig.

„Sagen Sie: haben Sie ihr schon geantwortet?“ fragte ich plötzlich ganz unbedacht, als ich ihm an der Straßenecke zum letztenmal die Hand drückte.

„Nein, noch nicht, aber das ist ja gleichgültig. Komme morgen zu mir, komm’ früher ... Ja und noch eines: gib dich nicht mit Lambert ab und das ‚Dokument‘ zerreiße, je früher, desto besser. Leb wohl!“

Und damit ging er plötzlich davon; ich blieb auf demselben Fleck stehen und war so betroffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn zurückzuhalten oder ihm nachzugehen. Der Ausdruck ‚das Dokument‘ machte mich besonders stutzig: von wem konnte er gerade diese Bezeichnung gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer Verwirrung heim. „Und ist denn das überhaupt möglich,“ fuhr es mir plötzlich durch den Kopf, „daß so ein zweijähriger Zauber auf einmal wirklich ganz verschwinden kann, wie ein Traum, wie ein Spuk, wie irgendeine Vision?“

Neuntes Kapitel.

I.

Am nächsten Morgen erwachte ich viel frischer und gutherziger. Ich machte mir sogar Vorwürfe – und zwar ganz unwillkürlich und aufrichtig – weil ich, wie ich mich erinnerte, manche Stellen seiner „Beichte“ nicht sehr ernst genommen und gleichsam mit einer gewissen Überlegenheit angehört hatte. Wenn auch ein Teil seiner Beichte etwas unklar und wirr gewesen war, so mußte ich mir doch sagen, daß er sich nach dem erschütternden Erlebnis wohl nicht gerade mit einer gutausgearbeiteten Rede auf den Weg gemacht hatte, um mich zu suchen und zu sich zu führen. Er hatte mir nur eine große Ehre erwiesen, als er sich in einem solchen Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund wandte, und das werde ich ihm nie vergessen! Im Gegenteil, seine Beichte war eigentlich rührend gewesen, mag man auch wegen dieses Ausdrucks über mich lachen, und wenn manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas gleichsam Lächerliches durchschimmerte, so war ich doch vorurteilslos genug, um auch den Realismus zu verstehen und seine Berechtigung anzuerkennen – übrigens ohne mir durch ihn das Ideal trüben zu lassen. Die Hauptsache war, daß ich diesen Menschen jetzt endlich verstand: und teilweise bedauerte ich sogar, und es ärgerte mich fast ein wenig, daß alles, wie sich nun herausstellte, so einfach gewesen war: in meinem Herzen hatte ich diesen Menschen immer so unendlich hochgestellt, hatte ihn bis in die Wolken erhoben, und sein Schicksal war von mir stets mit etwas unbedingt Geheimnisvollem umwoben worden, weshalb ich denn auch unwillkürlich und bis zuletzt gewünscht hatte, daß dieses Geheimfach nur auf eine möglichst verzwickte Weise zu öffnen sein möge. Übrigens lag auch in seiner Begegnung mit ihr und in seiner ganzen zweijährigen Qual viel Verzwicktes: „er wollte kein Fatum, er wollte Freiheit; er wollte nicht die Sklaverei des Fatums, denn als Sklave des Fatums war er gezwungen, Mama, die in Königsberg auf ihn wartete, so zu kränken ...“ Hinzu kam, daß ich diesen Menschen unter allen Umständen für einen Propheten hielt: in seinem Herzen trug er das goldene Zeitalter, und er kannte die Zukunft des Atheismus; doch da kam die Begegnung mit ihr und zerbrach und entstellte alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber ich nahm doch für ihn Partei. „Mama, zum Beispiel,“ sagte ich mir damals, „hätte sein Schicksal in nichts behindert, nicht einmal, wenn er sie geheiratet hätte!“ Das begriff ich; das war etwas ganz anderes, als die Begegnung mit jener. Freilich hätte ihm auch Mama nicht die Ruhe gegeben, aber das wäre schließlich um so besser gewesen: solche Menschen wie er muß man anders beurteilen, und mag ihr Leben auch ewig so bleiben – dabei ist weiter nichts Schlimmes; im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn sie sich beruhigten oder den Durchschnittsmenschen anglichen. Seine Hochschätzung des Adels und seine Worte: „Je mourrai gentilhomme“[106] beirrten mich nicht im geringsten: ich begriff, was das für ein gentilhomme war: das war ein Typus, der alles hingibt und zum Propheten wird, zum Verkünder des Weltbürgertums und des höchsten russischen Gedankens – der „Vereinigung aller Ideen“. Und selbst wenn das alles ein Unsinn war, ich meine diese „Vereinigung aller Ideen“ (denn sie ist natürlich undenkbar), so lag doch schon darin ein Gutes, daß er sein Leben lang eine Idee verehrt hat und nicht das dumme goldene Kalb. O Gott! – und ich, ich selbst, habe ich denn, als ich meine „Idee“ mir ausdachte, etwa an das goldene Kalb gedacht, brauchte ich denn damals Geld? Nein; ich schwöre, ich brauchte nur eine Idee! Ich schwöre, daß ich nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen ließe und auch als Besitzer von hundert Millionen nur meinen Teller Suppe mit Rindfleisch essen würde, wie ich es heute tue!