Ich kleidete mich an und beeilte mich dabei; denn es zog mich mächtig zu ihm hin. Ich muß hier bemerken, daß ich auch wegen seiner gestrigen Erwähnung des „Dokuments“ mindestens fünfmal ruhiger war als am Abend vorher. Erstens hoffte ich, mich mit ihm aussprechen zu können; und zweitens, was war denn schließlich dabei, daß Lambert sich auch an ihn herangemacht und über irgend etwas mit ihm gesprochen hatte? – Aber der Hauptgrund meiner Freude lag doch in einem außergewöhnlichen Gefühl: es war der Gedanke, daß er „sie nicht mehr liebte“. Daran glaubte ich mit aller Gewalt, und ich hatte eine Empfindung, als hätte jemand gleichsam einen unheimlich schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich erinnere mich auch noch einer ganz flüchtig in mir auftauchenden Erkenntnis: eben der Unglaublichkeit und Sinnlosigkeit seines letzten rasenden Wutausbruchs bei der Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring und der Absendung jenes beleidigenden Briefes an sie – eben diese äußerste Heftigkeit des Ausbruchs konnte ein Anzeichen und ein Vorläufer der vollkommenen Veränderung seiner Gefühle und seiner baldigen Rückkehr zur Vernunft gewesen sein: vielleicht wie bei einer Krankheit, dachte ich bei mir, einer Krankheit, in deren Verlauf er einmal unbedingt zu diesem entgegengesetzten Punkt hatte gelangen müssen – also eine ärztlich vorauszusehende Übergangserscheinung und nichts weiter! Dieser Gedanke machte mich glücklich.
„Und mag sie doch selbst ihr Schicksal bestimmen, mag sie doch ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund, wenn nur er sie nicht mehr liebt!“ rief es in mir. Übrigens lag hier ein gewisses Geheimnis meinen Gefühlen zugrunde, doch besagte Gefühle will ich in diesen meinen Aufzeichnungen nicht weiter auseinandersetzen.
Das dürfte genügen. Und nun will ich den ganzen folgenden Schrecken, dies ganze Zusammenwirken der Tatsachen ohne alle weiteren Betrachtungen wiedergeben.
II.
Um zehn Uhr, als ich mich gerade anschickte, fortzugehen – zu ihm natürlich – erschien Darja Onissimowna. Ich fragte sie erfreut, ob sie von ihm komme, und ärgerte mich, als ich hörte, daß sie nicht von ihm, sondern von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onissimowna, „die Wohnung schon in aller Frühe verlassen“ hatte.
„Welche Wohnung?“
„Dieselbe, in der Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt auf meinen Namen gemietet, für das Kind, und bezahlt wird sie von Tatjana Pawlowna ...“
„Ach, was geht das mich an!“ unterbrach ich sie geärgert. „Aber ist er wenigstens jetzt zu Hause? Werde ich ihn antreffen?“
Doch zu meiner Verwunderung hörte ich von ihr, daß er noch vor ihr die Wohnung verlassen habe; sie hatte sie schon „in aller Frühe“ verlassen, er aber noch etwas früher.
„Nun, dann wird er doch jetzt wieder zurückgekehrt sein?“