Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich um elf Uhr in der Wohnung des Fürsten W–ski; es war eine Junggesellenwohnung, aber, wie ich auf den ersten Blick erkannte, eine auf großem Fuß eingerichtete, mit Dienern in Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Räumen vernahm ich lautes Sprechen und Lachen: es waren offenbar noch andere Gäste beim Fürsten, außer dem besagten Kammerjunker. Ich beauftragte den Diener, mich zu melden, und tat es, glaub ich, in ziemlich hochmütiger Weise: wenigstens sah er mich, bevor er hinging, etwas sonderbar an, und wie mir schien, nicht ganz so ehrerbietig, wie es ein Diener tun mußte. Zu meiner Verwunderung brauchte er ziemlich viel Zeit, um mich zu melden, mindestens fünf Minuten. Währenddessen setzte sich das Lachen und Sprechen ununterbrochen fort.
Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für mich „als Herrn“ nicht anders schickte, und daß es unmöglich war, mich dort im Vorzimmer, wo die Diener waren, nieder zu setzen. So unaufgefordert aber wollte ich um keinen Preis in den Saal treten, aus Stolz wollte ich es nicht, vielleicht aus übertrieben empfindlichem Stolz: aber gerade so mußte es sein. Zu meinem Erstaunen wagten dagegen die beiden im Vorzimmer zurückgebliebenen Diener, sich in meiner Gegenwart hinzusetzen. Ich wendete mich ab und tat als bemerkte ich es nicht, aber ich fühlte doch, wie ich am ganzen Leibe zu zittern begann; plötzlich kehrte ich mich um, trat entschlossen auf einen der Diener zu und befahl ihm, „sofort“ hineinzugehen und mich nochmals zu melden. Der Diener sah mich trotz meines strengen Blicks und meiner sichtlichen Erregtheit nur träge an, stand nicht einmal auf, und statt seiner antwortete mir der andere:
„Sie sind schon gemeldet, beruhigen Sie sich.“
Da war ich denn im Augenblick entschlossen, höchstens eine Minute noch zu warten, oder womöglich noch weniger, und dann – unbedingt wieder fortzugehen. Ich möchte hier noch hervorheben, daß ich sehr anständig gekleidet war: mein Anzug und mein Paletot waren jedenfalls neu und meine Wäsche ganz frisch, wofür Marja Iwanowna gerade vor diesem Besuch noch besonders gesorgt hatte. Was aber die Bedienten betrifft, so habe ich erst viel später, erst in Petersburg, mit aller Gewißheit erfahren, daß ihnen von dem Diener des jungen Werssiloff, den dieser aus Petersburg mitgebracht hatte, schon am Abend vorher gesagt worden war, um elf Uhr werde „irgend so ein unehelicher Bruder, ein armer Student“ zum Herrn kommen. Das weiß ich jetzt, wie gesagt, ganz genau.
Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man einen Entschluß fassen will und sich doch nicht entschließen kann. „Soll ich gehen oder noch warten, soll ich, oder soll ich nicht?“ fragte ich mich in jeder Sekunde, während ich in fieberhafter Spannung verharrte. Da erschien plötzlich der Diener, der hineingegangen war, mich zu melden. In seiner Hand, zwischen den Fingern, flatterten vier rote Geldscheine, vierzig Rubel.
„Hier, empfangen Sie gefälligst vierzig Rubel!“
Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung! Ich hatte die ganze Nacht nur von dieser Begegnung der zwei Brüder geträumt, die doch sicherlich von Werssiloff herbeigeführt war; die ganze Nacht hatte ich fieberhaft überlegt, wie ich mich verhalten müßte, um mir nichts zu vergeben, und vor allem um den ganzen Ideenkreis, den ich in meiner Einsamkeit schon ausgebrütet hatte, und auf den ich in jedem Kreise, auch in dem höchsten, stolz sein konnte, nicht zu erniedrigen!? Ich stellte mir vor, wie vornehm und stolz ich sein würde, ohne doch eine stille Trauer zu verbergen; vielleicht würde auch Fürst W–ski zugegen sein, und so wäre ich ohne weiteres in jene Kreise eingeführt – oh, ich schone mich nicht, aber mag es, mag es so sein: gerade mit solcher Ausführlichkeit muß man das aufzeichnen! Und plötzlich werden mir vierzig Rubel vom Diener gebracht, ins Vorzimmer, nachdem man mich zehn Minuten hatte warten lassen, dazu noch so offen in der Hand des Dieners, aus dessen Bedientenfingern ich es entgegennehmen soll, nicht einmal auf einem Tablett, nicht einmal in einem Kuvert!
Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und zurückwich; ich befahl ihm, das Geld sofort zurückzutragen: der Herr müsse es mir „persönlich bringen“! Allerdings, meine Forderung war nicht ganz klar und für diesen Bedienten natürlich unverständlich! Aber ich hatte ihn doch so angeschrien, daß er unwillkürlich gehorchte und nochmals hineinging. Außerdem schien man auch drinnen mein Geschrei gehört zu haben – das Sprechen und Lachen verstummte jedenfalls plötzlich.
Im nächsten Augenblick hörte ich Schritte, gelassene, würdevolle, langsame und weiche Schritte in Hausschuhen, und in der Tür des Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütigen jungen Mannes (damals war er mir noch blasser und hagerer erschienen als bei dieser Begegnung). Er kam nicht einmal bis zur Schwelle, sondern blieb etwa zwei Schritte vor der offenen Tür stehen. Er war in einem prächtigen rotseidenen Schlafrock und in Morgenschuhen, und auf der Nase hatte er einen Kneifer. Er sagte kein Wort, hob nur ein wenig den Kopf und begann mich durch diesen Kneifer zu mustern. Ich trat wie ein wütendes Tier einen Schritt auf ihn zu, blieb herausfordernd stehen und sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er betrachtete mich nicht lange, vielleicht nur zehn Sekunden; plötzlich erschien auf seinen Lippen ein kaum merkliches und dabei doch beißend spöttisches Lächeln, das um so verletzender wirkte, als es fast nicht zu bemerken war: er drehte sich schweigend um und kehrte wieder in die anderen Räume zurück, genau so ruhig und gelassen – und ohne Eile, wie er gekommen war. Oh, diese Beleidiger lernen schon als Kinder, wie man beleidigt; das wird ihnen schon zu Hause von ihren Müttern beigebracht! Natürlich verwirrte mich das Ganze ... Ach, warum habe ich mich damals auch verwirren lassen!
Einen Augenblick später erschien wieder jener Bediente mit denselben vier roten Geldscheinen in der Hand: