„Nehmen Sie gefälligst; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; aber empfangen kann Sie der Herr jetzt nicht – vielleicht ein anderes Mal, wenn der Herr mehr Zeit haben.“

Ich fühlte, daß er diese letzten Worte aus seinem eigenen Kopf hinzugefügt hatte. Aber meine Verwirrung dauerte noch an. Ich nahm das Geld und ging zur Tür; nur, weil ich so verwirrt und kopflos war, nahm ich das Geld, nahm es ganz mechanisch, denn sonst hätte ich es selbstverständlich nicht genommen. Da erlaubte sich aber der Bediente, natürlich um sich an mir zu rächen, eine echt bedientenhafte Frechheit: er riß vor mir die Tür auf, und indem er sie weit offen hielt, sagte er wichtig und bedeutsam, als ich an ihm vorüberging:

„Bitte sehr!“

„Hund!“ brüllte ich ihn an und holte schon aus, ließ aber die Hand sinken, „und auch dein Herr ist ein Lump! Melde ihm das sofort!“ fügte ich hinzu und trat hinaus auf die Treppe.

„Wie dürfen Sie das! Wenn ich das dem Herrn melde, so könnten Sie sofort mit einem Zettel auf die Polizei gebracht werden. Und mit Ohrfeigen drohen, das dürfen Sie erst recht nicht ...“

Ich stieg die Treppe hinunter. Es war eine breite Paradetreppe: von oben konnte man mich die ganze Zeit sehen, solange ich auf dem roten Läufer hinunterstieg. Alle drei Bedienten standen denn auch richtig oben am Geländer und sahen mir nach. Ich hatte schweigend meinen Weg fortgesetzt: ein Streit mit Bedienten war doch unmöglich! Ich ging die ganze Treppe ohne Hast hinunter, ja, ich glaube, ich verlangsamte noch meinen Schritt.

Oh, mag es auch Philosophen geben (und Schande über sie!), die nun sagen werden, das wäre alles nicht der Rede wert, wäre eine Belanglosigkeit und nichts als eitler Ärger eines Milchbartes gewesen – mögen sie nur! Aber für mich ist dieses Erlebnis eine Wunde – eine Wunde, die bis heute noch nicht vernarbt ist, sogar bis zum gegenwärtigen Augenblick noch nicht, obgleich jetzt schon alles hinter mir liegt und sogar schon gerächt ist. Oh, ich schwöre, ich bin nicht nachtragend und nicht rachsüchtig. Allerdings habe ich noch immer, und sogar bis zur Krankhaftigkeit, den Wunsch, mich zu rächen, aber ich schwöre: nur durch Großmut mich zu rächen. Ich will ja nur mit Großmut heimzahlen, aber mit der Bedingung, daß der andere das fühlt, daß er es begreift – dann bin ich ja schon gerächt! Nun, und da ich einmal darauf zu sprechen gekommen bin, möchte ich gleich hinzufügen: ich bin tatsächlich nicht rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch großmütig bin – ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist? Damals aber, oh, damals war ich mit den großmütigsten Gefühlen hingegangen, und wenn sie vielleicht lächerlich waren – nun gut, dann waren sie es eben: lieber lächerliche, aber großmütige Gefühle, als nicht lächerliche, doch gemeine, alltägliche, mittelmäßige!

Von dieser Begegnung mit meinem „Bruder“ habe ich keinem Menschen etwas erzählt, nicht einmal Marja Iwanowna, und in Petersburg nicht einmal meiner Schwester Lisa. Diese Begegnung war eine schmachvoll erhaltene Ohrfeige. Und nun begegnet mir plötzlich dieser selbe Herr in einem Augenblick, wo ich am allerwenigsten ihm zu begegnen erwartet hätte; er lächelt, hebt den Hut und sagt vollkommen freundschaftlich: „Bonsoir!“ zu mir. Das war natürlich Grund genug für mich, nachzudenken ... Aber – die Wunde hatte sich wieder geöffnet!

V.

Als ich so reichlich vier Stunden im Restaurant gesessen hatte, stürzte ich wie in einem plötzlichen Anfall hinaus, natürlich zu Werssiloff und fand ihn, versteht sich, nicht zu Haus – er war überhaupt nicht dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich solle ihr Darja Onissimowna schicken; oh, das fehlte noch! Ich lief zu Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukerja auf den Flur hinaus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht bei ihr gewesen, und daß auch Lisa nicht zu Hause war. Ich bemerkte, daß Lukerja mich irgend etwas fragen wollte, mir vielleicht sogar einen Auftrag geben wollte – auch das noch! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran.