„Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?“ rief ich erschrocken.

„Nein, nicht an Lambert,“ lächelte er mit dem langgezogenen Lächeln von heute morgen, in dem mir der Zweifel von vorhin nicht zu liegen schien; vielmehr sprach sich jetzt eine Sicherheit in ihm aus. „Ich denke, Sie werden das selbst zu wissen geruhen, an wen ich sie vermietet habe, und Sie geben sich ganz vergeblich den Anschein, als ob Sie es nicht wüßten, und tun so, als ob Sie wütend wären. Gute Nacht!“

„Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruh!“ winkte ich mit beiden Händen ab, und fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert ansah; er ging aber doch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür, warf mich auf mein Bett und preßte das Gesicht in die Kissen. So verging der erste schreckliche Tag, von diesen drei letzten verhängnisvollen Tagen, mit deren Ereignissen meine Aufzeichnungen schließen.

Zehntes Kapitel.

I.

Ich sehe mich wieder gezwungen, dem Verlauf der Ereignisse vorzugreifen und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, da sich hier in die logische Entwicklung meiner Geschichte so viele Zufälligkeiten hineinmischten, daß man sich ohne vorhergegangene Erläuterung derselben kaum zurechtfinden kann. Es handelte sich hier um eben jene „Schlinge“, von der Tatjana Pawlowna ein Wort hatte fallen lassen. Diese Schlinge bestand darin, daß Anna Andrejewna sich schließlich zu dem gewagtesten Schritt entschlossen hatte, den man sich in ihrer Lage überhaupt ausdenken kann. Sie war in der Tat ein Charakter – das muß man ihr lassen! Der alte Fürst war allerdings unter dem Vorwande, daß sein Gesundheitszustand es erfordere, noch rechtzeitig nach Zarskoje Sselo in Sicherheit gebracht worden, so daß die Kunde von seiner bevorstehenden Heirat mit Anna Andrejewna nicht leicht in die Öffentlichkeit dringen, vielmehr vorläufig vertuscht oder sozusagen im Keime erstickt werden konnte. Nur war damit schließlich noch nicht viel erreicht, denn dieser schwache alte Mann, mit dem man sonst alles machen konnte, hätte um nichts in der Welt eingewilligt, von seiner Absicht zurückzutreten, und Anna Andrejewna, die ihm den Heiratsantrag gemacht hatte, treulos sitzen zu lassen. In solchen Dingen war er viel zu sehr Ritter, um unritterlich zu handeln, weshalb denn auch zu gewärtigen war, daß er früher oder später plötzlich und mit unbeugsamem Willen zur Ausführung seiner Absicht schritt, was gerade bei solchen schwachen Charakteren sehr, sehr leicht geschieht, denn es gibt bei ihnen eine gewisse Grenze, an die man sie nicht heranführen darf. Hinzu kam, daß er die ganze Peinlichkeit der Lage, in der Anna Andrejewna sich befand, vollkommen erkannte, und sich auch darüber durchaus klar war, daß die Gesellschaft häßlich über sie reden, spotten und sie, die er so grenzenlos verehrte, schließlich sogar in einen üblen Ruf bringen konnte. Was ihn vorläufig noch beruhigte und zurückhielt, war nur, daß seine Tochter Katerina Nikolajewna ihm gegenüber sich nie erlaubt hatte, weder mit einem Wort noch mit einer Anspielung über Anna Andrejewna etwas Schlechtes zu sagen oder sich auch nur im geringsten gegen seine Heiratsabsichten zu äußern. Im Gegenteil, sie war zu der Braut ihres Vaters sogar von einer großen Herzlichkeit und Aufmerksamkeit. So befand sich denn Anna Andrejewna in einer äußerst peinlichen Lage, denn mit ihrem feinen weiblichen Spürsinn hatte sie natürlich sofort erraten, daß sie mit der geringsten absprechenden Bemerkung über Katerina Nikolajewna – die der Fürst gleichfalls anbetete, und jetzt sogar noch mehr als je zuvor, eben weil sie so gutherzig und achtungsvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben hatte – daß sie damit nur seine väterlich zärtlichen Gefühle verletzen und gegen sich selbst nur Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen erwecken werde. Das also war nun der Kampf: die beiden Gegnerinnen schienen miteinander in Taktgefühl und Nachsicht zu wetteifern, und der alte Fürst wußte schließlich schon gar nicht, über welche von beiden er sich mehr wundern sollte, bis er am Ende nach der Art aller schwachen, doch gutherzigen Leute darunter zu leiden begann und die Schuld an allem sich allein zuschrieb. Seine Selbstquälerei soll ihn fast krank gemacht haben, seine Nerven gerieten dadurch noch mehr aus dem Gleichgewicht, und das Ergebnis war, wie man versichert, daß er in Zarskoje, statt sich zu erholen, bald nahe daran gewesen war, das Bett hüten zu müssen.

Hier möchte ich, gewissermaßen in Klammern, etwas erwähnen, was ich erst viel später erfahren habe: wie verlautete, hatte Bjoring Katerina Nikolajewna ganz offen den Vorschlag gemacht, ihren Vater ins Ausland zu bringen, ihn durch irgendeine Vorspiegelung dazu zu überreden, und dabei in der Gesellschaft vertraulich die Erklärung zu verbreiten, daß er vor Altersschwäche nicht mehr zurechnungsfähig sei, und sich dies im Auslande durch ein ärztliches Zeugnis bestätigen zu lassen. Doch Katerina Nikolajewna habe das nicht gewollt – wenigstens wurde das nachher behauptet. Sie habe vielmehr diesen Vorschlag mit Unwillen zurückgewiesen. Freilich ist es nur ein Gerücht, aber ich schenke ihm doch vollen Glauben.

Und da, ausgerechnet in dem Augenblick, als Anna Andrejewnas Spiel rettungslos verloren schien, erfährt sie nun plötzlich durch Lambert, daß es einen Brief gibt, in dem die Tochter einen Juristen um Rat fragt, wie sie ihren Vater offiziell für irrsinnig erklären lassen könnte! – Ihr nachtragender und stolzer Charakter mußte dadurch selbstverständlich im höchsten Grade gereizt werden. Und wenn sie sich ihrer früheren Gespräche mit mir erinnerte und sich eine Menge geringfügiger Umstände vergegenwärtigte, so konnte sie an der Richtigkeit der Mitteilung wohl nicht mehr zweifeln. Da reifte denn in diesem willensstarken, unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem entscheidenden Schlage. Dieser Plan lief darauf hinaus, dem Fürsten ohne jede Vorbereitung und Ohrenbläserei plötzlich alles zu sagen: ihn mit der Mitteilung zu erschrecken und zu erschüttern, daß ihm unfehlbar das Irrenhaus bevorstehe, und falls er sich sträuben oder unwillig werden oder gar das Mitgeteilte nicht glauben sollte – dann einfach den Brief seiner Tochter vor seinen Augen auszubreiten und damit den Beweis zu erbringen; denn „wenn schon einmal die Absicht bestanden hat, ihn für irrsinnig zu erklären, so ist dazu jetzt doch noch viel mehr Grund vorhanden, wo es gilt, die Heirat zu verhindern“. Und dann wollte sie den erschrockenen, gebrochenen alten Herrn unverzüglich aus Zarskoje nach Petersburg bringen, und hier – geradeswegs in meine Wohnung!

Das war ein ungeheures Wagnis, aber sie glaubte, sich ohne weiteres auf ihre Macht verlassen zu können. Jetzt will ich auf einen Augenblick von meiner Erzählung abweichen und, wenn ich damit auch wieder vorgreife, schon im voraus darauf aufmerksam machen, daß sie sich in der Wirkung der Enthüllung auf den alten Fürsten nicht verrechnet hatte; ja, die Wirkung überstieg sogar noch alle ihre Erwartungen. Die Mitteilung von diesem Brief seiner Tochter an den Juristen Andronikoff erschütterte den Fürsten tatsächlich noch viel, viel mehr, als sie und wir alle für möglich gehalten hätten. Ich hatte bis dahin noch keine Ahnung davon gehabt, daß dem alten Fürsten schon früher einmal von diesem Brief etwas zu Ohren gekommen war, doch hatte er nach Art aller schwachen und zaghaften Leute dem Gerücht keinen Glauben geschenkt und es sich aus allen Kräften vom Leibe gehalten, um sich seine Ruhe zu sichern, ja schließlich hatte er sich selbst wegen seiner unvornehmen Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich will noch gleich erwähnen, daß die Tatsache des Vorhandenseins jenes Briefes auch auf Katerina Nikolajewna unvergleichlich stärker wirkte, als ich erwartet hatte ... Mit einem Wort, dieses Schriftstück war von weit größerer Wichtigkeit, als ich, der ich es in der Tasche trug, damals ahnte. Doch ich greife gar zu weit vor.

Aber warum, wird man fragen, warum hatte sie dazu gerade meine Wohnung ausersehen? Warum wollte sie den Fürsten in unsere billigen Wohnräume bringen und ihn womöglich durch die Ärmlichkeit unserer Umgebung erschrecken? Wenn es nun einmal nicht anging, ihn in sein eigenes Haus zu führen (da man dort alles vereiteln konnte), weshalb brachte sie ihn dann nicht in eine andere „hochelegante“ Wohnung, wie Lambert ihr anriet? Ja, eben hierin lag das ganze Wagnis ihres gewiß außergewöhnlichen Planes.