„Ist Ihnen etwas nicht recht?“ fragte er ungewiß. Als er sah, daß ich nicht Miene machte, zu antworten, begann er: „Ich hab’ nämlich auf Sie gewartet, um Sie zuvor zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß diese Tür hier aufgemacht werde, damit Sie mit den fürstlichen Gemächern verbunden sind ... und nicht über den Korridor zu gehen brauchen?“ Er deutete auf die verschlossene Seitentür, die zu den Zimmern führte, in denen er sonst wohnte, und die jetzt der Fürst einnahm.

„Also hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch,“ wandte ich mich mit strenger Miene an ihn, „ich bitte Sie, so freundlich zu sein, zu Anna Andrejewna zu gehen und ihr zu sagen, daß ich sie zu einer sofortigen Unterredung zu mir bäte. Sind sie schon lange hier?“

„Ja, wohl schon eine ganze Stunde.“

„Also gehen Sie.“

Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, daß Anna Andrejewna und der Fürst Nikolai Iwanowitsch mich mit Ungeduld erwarteten. Das bedeutete, daß Anna Andrejewna nicht zu mir kommen wollte. Ich brachte meine Kleider in Ordnung, bürstete meinen Rock, in dem ich in der Nacht geschlafen hatte, wusch mich, kämmte mich, tat aber alles ohne Hast, und ging endlich mit dem Bewußtsein, daß ich die größte Vorsicht beobachten mußte, zu dem alten Herrn.

Der Fürst saß auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna stand am anderen Ende des Zimmers an einem zweiten mit einem sauberen Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem die so blank wie noch nie geputzte Teemaschine der Wirtsleute stand, und bereitete für ihn den Tee. Ich trat mit demselben strengen Gesicht ins Zimmer; der alte Fürst, der das sofort bemerkte, fuhr nur so zusammen, und das Lächeln in seinem Gesicht verwandelte sich im Nu in einen Ausdruck des Schrecks: aber da konnte ich meinem Vorsatz nicht treu bleiben und streckte ihm lachend beide Hände entgegen. Der arme Fürst stürzte sich wie erlöst in meine Arme.

Natürlich begriff ich sofort, was für einen Menschen ich vor mir hatte. Erstens wurde es mir sonnenklar, daß man aus jenem alten Herrn, der sogar noch ganz rüstig und immerhin noch ganz bei Vernunft gewesen war, und der doch immer noch einen gewissen, gleichviel was für welchen, aber jedenfalls noch einen gewissen Charakter besessen hatte, inzwischen, d. h. in der Zeit, solange ich mit ihm nicht mehr zusammengekommen war, so etwas wie eine Mumie oder ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht hatte. Ich füge hinzu: er wußte ganz genau, zu welchem Zweck er hierher gebracht worden war, es war alles genau so geschehen, wie ich vorgreifend schon erzählt habe. Man hatte ihn plötzlich, ohne jede Vorbereitung, mit der angeblichen Tatsache des Verrats seiner Tochter und ihrer Absicht, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen, überrascht, erschreckt, niedergeschmettert und um jede Überlegung gebracht. Er hatte sich dann entführen lassen, vor Angst kaum dessen sich bewußt, was er tat. Man hatte ihm gesagt, der Besitzer der Beweise sei – ich, ich hätte den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in der Hand. Es sei hier gleich bemerkt, daß gerade diese „endgültige Entscheidung“ und der „Schlüssel“ ihn am meisten erschreckt hatten. Deshalb hatte er denn auch nichts anderes erwartet, als daß ich mit einem Urteilsspruch auf der Stirn und einem großen Schriftstück in der Hand bei ihm eintreten werde, und um so größer war natürlich seine Freude, als er sah, daß ich vorläufig noch wie früher harmlos lachen und von allen möglichen anderen Dingen plaudern konnte. Als wir uns umarmten, rollten ihm die hellen Tränen über die Wangen. Ich muß gestehen, auch mir wurden die Augen feucht: er tat mir auf einmal so leid ... Alphonsinkas kleines Hündchen kläffte mich vom Sofa her mit dünnem Stimmchen ganz außer sich an, wagte aber trotz aller Aufregung doch nicht, vom Sofa herabzuspringen. Von diesem winzigen Hündchen trennte sich der Fürst überhaupt nicht mehr, nachdem er es gekauft hatte; es schlief sogar bei ihm.

„Oh, je disais qu’il a du cœur!“[111] wandte er sich zu Anna Andrejewna und wies dabei auf mich.

„Wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie frisch und gesund Sie aussehen!“ sagte ich. Aber ach! – genau das Gegenteil war der Fall: er sah, wie gesagt, eher nach einer Mumie aus. Ich sagte ihm das nur so, um ihm etwas Angenehmes zu sagen.

„N’est-ce pas, n’est-ce pas?“[112] griff er freudig meine Bemerkung auf. „Oh, meine Gesundheit hat sich erstaunlich gebessert.“