„Ja, ein Papier ist drin.“ Sie betastete mit den Fingern meine Tasche. „Na, schon gut, also lauf jetzt, und ich gehe zu ihr, vielleicht auch ins Theater, du hast ganz recht damit! Lauf nur, lauf!“

„Warten Sie, Tatjana Pawlowna, sagen Sie mir noch: was macht Mama?“

„Sie lebt.“

„Und Andrei Petrowitsch?“

Sie winkte mit der Hand ab.

„Er wird schon wieder zur Besinnung kommen!“

Ich lief ermutigt und voller Hoffnung nach Hause, obschon mir nicht alles so geglückt war, wie ich es erwartet hatte. Aber o weh, das Schicksal hatte anders beschlossen, und mich erwartete etwas ganz Unvorhergesehenes – fürwahr: es gibt doch ein Schicksal und ein Verhängnis in der Welt!

II.

Schon auf der Treppe vernahm ich einen großen Lärm in unserer Wohnung. Die Tür zu ihr war offen. Im Vorzimmer stand ein mir unbekannter Bedienter in Livree. Meine Wirtsleute, sowohl Pjotr Ippolitowitsch wie seine Frau, standen gleichfalls dort und schienen sehr erschrocken zu sein und auf irgend etwas zu warten. Auch die Tür zum Zimmer des Fürsten stand offen, und von dort scholl eine wahre Donnerstimme heraus, die ich sofort erkannte: es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei Schritte machen können, als ich plötzlich sah, wie der Fürst, der ganz verweint war und zitterte, von Bjoring und Baron R. (demselben, der bei Werssiloff als Bjorings Bevollmächtigter erschienen war) aus dem Zimmer geleitet wurde. Der alte Fürst schluchzte laut und hielt sich an Bjoring, den er immer wieder küßte und umarmte. Jetzt sah ich auch, was Bjorings Geschrei zu bedeuten hatte: es galt Anna Andrejewna, die dem Fürsten ins Vorzimmer folgen wollte; er drohte ihr, und wenn ich mich nicht irre, stampfte er sogar mit dem Fuß – kurz, der rohe Soldat und Deutsche kam in ihm zum Vorschein, ungeachtet seiner ganzen Zugehörigkeit zur „höchsten Gesellschaft“. Später hat es sich freilich herausgestellt, daß er der Meinung gewesen war, Anna Andrejewna hätte sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht und würde ihre Tat noch vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Sachlage übertrieb er das Geschehene, wie das bei vielen Menschen vorzukommen pflegt, und deshalb glaubte er, das Recht zu haben, sie mit aller Rücksichtslosigkeit zu behandeln. Er hatte noch keine Zeit gehabt, sich den Vorfall so recht klarzumachen: man hatte ihn anonym benachrichtigt, wie sich später herausstellte (worauf ich noch zurückkommen werde), und er war sofort, und zwar in der Gemütsverfassung des wildgewordenen Herrenmenschen losgefahren, also in einem Zustande, in dem selbst die geistreichsten Leute dieser Rasse wie die Schuster zu einer Keilerei bereit sind. Anna Andrejewna hatte dieser Überrumpelung mit der größten Würde standgehalten, aber das sah ich nicht mehr. Ich sah nur noch, wie Bjoring, der den alten Fürsten hinausgeführt hatte, diesen plötzlich dem Baron R. überließ, sich jähzornig nach Anna Andrejewna umwandte und sie, wahrscheinlich in Erwiderung auf eine Bemerkung von ihr, wütend anschrie:

„Sie sind eine Intrigantin! Sie haben es nur auf sein Geld abgesehen! Von nun an sind Sie aus der Gesellschaft ausgestoßen, und Sie werden sich vor Gericht zu verantworten haben! ...“