Katerina Nikolajewna erhob sich ungestüm von ihrem Platz, wurde über und über rot und – spie ihm ins Gesicht. Dann wandte sie sich schnell zur Tür. In demselben Augenblick riß Lambert seinen Revolver hervor. Als echter Dummkopf hatte er blind an die entscheidende Wirkung des Dokuments geglaubt, das heißt, er hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, mit wem er es zu tun hatte, da er, wie ich einmal schon erwähnt habe, alle Menschen für genau so erbärmliche und niedrige Geschöpfe hielt, wie er selbst eines war. So kam es, daß er sie gleich mit einer Gemeinheit vor den Kopf stieß, während sie vielleicht sogar bereit war, auf eine Erledigung der Angelegenheit durch Geld einzugehen.
„Nicht von der Stelle!“ brüllte er sie an, rasend vor Wut, weil sie ihn angespien hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver vor, – natürlich nur, um sie einzuschüchtern.
Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer, doch im selben Augenblick flog auch schon die Tür zum Vorzimmer auf, und Werssiloff stand vor uns. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich hatte ihn kaum erblickt, da hatte er Lambert schon den Revolver entrissen und ihm aus aller Kraft mit der Waffe auf den Kopf geschlagen. Lambert taumelte und stürzte bewußtlos hin. Aus seiner Kopfwunde strömte das Blut auf den Teppich.
Als Katerina Nikolajewna Werssiloff erblickte, wurde sie auf einmal weiß wie ein Handtuch; ein paar Augenblicke sah sie ihn starr an, in unbeschreiblichem Entsetzen, und plötzlich fiel sie in Ohnmacht. Er stürzte auf sie zu. Dieses ganze Erlebnis ist in meiner Erinnerung nur noch wie eine flimmernde Reihe von Momentbildern. Ich weiß noch, mit welchem Schrecken ich damals sein fast blutrotes Gesicht und die blutunterlaufenen Augen sah. Ich glaube, er sah mich wohl, aber er erkannte mich nicht. Er erfaßte sie, die Ohnmächtige, und hob sie mit einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, wie eine leichte Feder auf seine Arme und begann sie sinnlos im Zimmer umherzutragen, ganz wie man ein kleines Kind trägt. Das Zimmer war ja nicht groß, er aber wanderte aus einer Ecke in die andere, offenbar ohne zu wissen, wozu er das tat. In einem dieser Augenblicke wird er wohl tatsächlich den Verstand verloren haben. Er starrte sie dabei die ganze Zeit an und schien seinen Blick von ihrem Antlitz nicht losreißen zu können. Ich lief hinter ihm her, in der größten Angst wegen des Revolvers, den er unbewußt in der rechten Hand behalten hatte und dicht neben ihrem Kopf hielt. Aber er stieß mich immer wieder zurück, einmal mit dem Fuß, einmal mit dem Ellbogen. Ich wollte schon Trischatoff rufen, fürchtete jedoch, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich zog ich den Vorhang zur Seite und bat ihn, sie doch auf das Bett zu legen. Er trat an das Bett und legte sie behutsam hin, aber er blieb bei ihr stehen, sah ihr mit Spannung ins Gesicht, und plötzlich beugte er sich über sie und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, ich begriff endlich, daß dieser Mensch nicht mehr bei Sinnen war! – Plötzlich holte er mit dem Revolver aus, als wolle er sie erschlagen, besann sich aber, drehte den Revolver um und richtete ihn auf ihr Gesicht. Im Nu hatte ich seinen Arm zurückgerissen und schrie nach Trischatoff. Ich weiß noch, wie wir dann beide mit ihm rangen, aber es gelang ihm doch, den Revolver gegen sich selbst zu richten und abzudrücken. Er hatte zuerst sie und dann sich erschießen wollen. Daran wurde er von uns verhindert, und so drückte er die Mündung des Revolvers gegen sein eigenes Herz, aber ich konnte noch von unten gegen seine Hand schlagen, und die Kugel drang ihm in die Schulter. In dem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem Schrei ins Zimmer: doch da lag er schon bewußtlos auf dem Teppich, fast neben Lambert.
Dreizehntes Kapitel.
I.
Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen; vieles ist seitdem geschehen, vieles hat sich ganz verändert, und für mich hat schon lange ein neues Leben begonnen ... Aber ich will dem Leser auch über den Ausgang Aufschluß geben.
Für mich wenigstens war sowohl damals wie noch lange nachher die wichtigste Frage: wie hatte Werssiloff sich mit einem Lambert verbünden können, und was für einen Zweck hatte er damit eigentlich verfolgt? Nach und nach bin ich zu folgender Erklärung gelangt: ich glaube, oder vielmehr ich bin überzeugt, daß Werssiloff in jenen Augenblicken, das heißt, an jenem letzten Tage und auch schon am Tage vorher, so gut wie überhaupt kein bestimmtes Ziel im Auge gehabt hat, und ich denke, er wird überhaupt nicht viel gedacht, sondern nur unter dem Einfluß eines Wirbelsturmes von Gefühlen gehandelt haben. Übrigens, daß es bei ihm ein wirklicher Wahnsinn gewesen sei, gebe ich in keinem Fall zu, um so weniger, als er auch jetzt nicht im geringsten irgendwie wahnsinnig ist. Aber den „Doppelgänger“ gebe ich unbedingt zu. Was ist nun eigentlich ein „Doppelgänger“? Nach dem Buch eines medizinischen Sachverständigen, das ich inzwischen gelesen habe, um mir darüber Klarheit zu verschaffen, versteht man unter einer Doppelgängeridee nichts anderes, als den ersten Grad einer gewissen Geistesstörung, die sogar recht schlimm enden kann. Nun, Werssiloff hatte uns ja schon selber, damals in jener Szene bei Mama, diese „Spaltung“ seiner Gefühle und seines Willens mit unheimlicher Aufrichtigkeit erklärt. Aber ich sage es noch einmal: wenn jene Szene bei Mama, die Zerschmetterung des Heiligenbildes, auch zweifellos unter dem Einfluß des „Doppelgängers“ vor sich gegangen war, so hat mir seitdem doch die ganze Zeit geschienen, daß seiner Handlung sich zugleich eine gewisse schadenfrohe Symbolik beigemischt habe: etwas wie ein Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, wie eine Wut auf ihre Rechte und ihre Richterschaft, – und da zerschmetterte er denn in Gemeinschaft mit seinem Doppelgänger dieses Heiligenbild! Es war, als hätte er damit sagen wollen: „Seht, so werden auch eure Erwartungen zerschmettert werden!“ Kurz, wenn es zum Teil auch der Doppelgänger war, so war es zum anderen Teil doch einfach Torheit ... Aber das ist schließlich nur meine Auslegung; und mit Sicherheit läßt sich so etwas wohl kaum deuten.
Es ist wahr, daß in ihm trotz seiner ganzen Vergötterung Katerina Nikolajewnas immer der aufrichtigste und tiefste Zweifel an ihrem sittlichen Werte wurzelte. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er deshalb diese Erniedrigung, selbst wenn er auf sie wartete? Ich wiederhole: ich bin überzeugt, daß er nichts wünschte und nicht einmal zu denken vermochte. Er wollte nur dabei sein, irgendwo in der Nähe, um dann hervorzutreten, ihr etwas zu sagen, vielleicht – vielleicht sie auch zu beleidigen, und vielleicht sie sogar zu töten ... Alles konnte damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, noch nichts davon, was geschehen werde. Der Revolver gehörte Lambert, er selbst war ohne Waffen gekommen. Als er aber ihre stolze Würde sah, da ertrug er Lamberts schurkische Drohung nicht, stürzte ins Zimmer, und – dann verlor er den Verstand. Ob er sie wirklich erschießen wollte? Ich glaube, auch das wußte er nicht, aber er hätte sie bestimmt erschossen, wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten.
Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er lag doch ziemlich lange danieder – natürlich bei Mama. Jetzt ist draußen schon Frühling, es ist Mitte Mai, und unsere Fenster stehen offen. Während ich dies schreibe, sitzt Mama bei ihm; er streichelt ihre Wangen, streichelt ihr Haar und sieht ihr gerührt in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte des früheren Werssiloff; von Mama trennt er sich überhaupt nicht mehr und wird auch nie wieder von ihr gehen. Ja, ihm ward sogar „die Gabe der Tränen zuteil“, wie der unvergeßliche Makar Iwanowitsch in seiner Erzählung von dem Kaufmann sich ausdrückte. Übrigens glaube ich, daß Werssiloff lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt schlicht und aufrichtig wie ein Kind, ohne übrigens sein Maß und seine Zurückhaltung zu verlieren und viel Worte zu machen. Sein Verstand und sein ganzer sittlicher Aufbau sind ihm unverändert verblieben, nur daß alles, was an Idealem in ihm war, jetzt noch stärker hervortritt. Ich sage es gerade heraus: ich habe ihn noch nie so geliebt wie jetzt, und es tut mir leid, daß ich weder Zeit noch Gelegenheit habe, mehr von ihm zu sprechen. Übrigens will ich doch noch ein Erlebnis erzählen, das wir erst kürzlich mit ihm hatten (wir haben schon viele gehabt): Zu den großen Fasten war er schon vollständig genesen, und in der sechsten Woche sagte er plötzlich, er werde diesmal auch das Abendmahl nehmen. Das hatte er schon seit vielleicht dreißig Jahren, denke ich, nicht mehr getan. Mama war selig; es wurde sofort Fastenkost bereitet, aber natürlich eine ziemlich kostspielige und verfeinerte. Ich hörte im Nebenzimmer, wie er am Montag und Dienstag die Erlösungshymne vor sich hinsummte und sich an der Melodie und den Worten begeisterte. In diesen zwei Tagen sprach er ein paarmal sehr schön über Religion; aber schon am Mittwoch hörte das Fasten plötzlich auf. Irgend etwas hatte ihn gereizt, ein „komischer Widerspruch“, wie er sich lachend ausdrückte. Irgend etwas hatte ihm im Äußeren des Geistlichen oder am Gottesdienst nicht gefallen: und kaum war er nach Hause gekommen, da sagte er mit einem stillen Lächeln: „Meine Freunde, ich liebe Gott sehr, aber – dazu bin ich unfähig.“ Und noch an demselben Tage gab es zu Mittag Roastbeef. Aber ich weiß, daß Mama auch jetzt sich oft zu ihm setzt und mit leisem und stillem Lächeln manchmal von den abstraktesten Dingen mit ihm zu sprechen anfängt: jetzt wagt sie es plötzlich – wie das gekommen ist, weiß ich nicht. Sie setzt sich einfach neben ihn hin und spricht zu ihm, meist im Flüsterton. Er hört ihr lächelnd zu, streichelt sie, küßt ihre Hände, und aus seinem Gesicht leuchtet das vollkommenste Glück. Manchmal hat er auch Anfälle, die fast hysterisch sind. Er nimmt dann ihre Photographie, dieselbe, die er an jenem Abend küßte, betrachtet sie mit Tränen in den Augen, küßt sie, gedenkt vergangener Zeiten, ruft uns alle zu sich, aber spricht in solchen Augenblicken wenig ... Katerina Nikolajewna scheint er ganz vergessen zu haben; ihren Namen hat er nie wieder ausgesprochen. Auch von seiner Trauung mit Mama ist bei uns nicht mehr die Rede gewesen. Er sollte für den Sommer ins Ausland gebracht werden; aber Tatjana Pawlowna war sehr dagegen, und auch er hatte keine Lust. Den Sommer werden sie in einem Landhause in der Nähe von Petersburg verbringen. Übrigens leben wir vorläufig alle von Tatjana Pawlownas Mitteln. Eins möchte ich noch hinzufügen: es tut mir unsagbar leid, daß ich mir in diesen Aufzeichnungen oft erlaubt habe, von diesem Menschen unhöflich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mir während des Schreibens mich selbst immer gar zu lebendig so vorgestellt, wie ich in dem Augenblick gewesen war, den ich gerade beschrieb. Doch als ich meine Aufzeichnungen beendet und die letzte Zeile niedergeschrieben hatte, fühlte ich plötzlich, daß ich mich selbst eben durch das nochmalige Durchleben der Erlebnisse, indem ich mir alles ins Gedächtnis zurückrief und mir vergegenwärtigte, und dann noch niederschrieb – daß ich mich eben dadurch zu einem anderen Menschen erzogen habe. Vieles von dem, was ich da geschrieben habe, möchte ich heute widerrufen und besonders den Ton mancher Zeilen und Seiten ändern, aber ich streiche nichts aus und verbessere nicht ein Wort.