„Nein, den hat er nicht. Ich bin kein großer Jurist, aber der Anwalt der Gegenpartei würde natürlich wissen, wie er sich dieses Dokuments zu bedienen hätte, und selbstverständlich würde er den größtmöglichen Nutzen aus ihm herausschlagen; aber Andronikoff behauptete positiv, daß dieser Brief, wenn er vorgezeigt werden sollte, doch von keiner großen juridischen Bedeutung wäre, so daß Werssiloff dennoch den Prozeß gewinnen könnte. Die Bedeutung dieses Dokuments ist also, wenn man will, eher unter dem Gesichtswinkel einer Gewissenssache aufzufassen ...“
„Ja, aber gerade das ist doch das wichtigste,“ unterbrach ich ihn, „eben deshalb käme Werssiloff in eine rettungslose Lage!“
„Er kann ja das Dokument auch vernichten, und dann wäre er, im Gegenteil, von aller Gefahr befreit.“
„Haben Sie besondere Gründe, eine solche Handlungsweise von ihm zu erwarten, Krafft? Das ist es, was ich wissen will: deshalb bin ich auch hier bei Ihnen!“
„Ich glaube, an seiner Stelle würde ein jeder so handeln.“
„Und Sie – Sie auch?“
„Mir fallen keine Erbschaften zu, daher kann ich es von mir nicht sagen.“
„Nun gut,“ sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. „Diese Sache mag vorläufig abgetan sein. Aber jetzt hören Sie mich an, Krafft. Marja Iwanowna, die mir übrigens – ich versichere Sie – vieles anvertraut hat, sagte mir, nur Sie, Sie allein könnten mir die Wahrheit darüber sagen, was sich vor anderthalb Jahren in Ems zwischen Werssiloff und den Achmakoffs zugetragen hat. Ich habe auf Sie gewartet wie auf die Sonne, die mir alles erhellen werde. Sie kennen meine Lage nicht. Ich bitte, ich beschwöre Sie, Krafft, sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich will, ich muß wissen, was für ein Mensch er ist, und jetzt – gerade jetzt ist das für mich mehr als je von allergrößter Wichtigkeit.“
„Es wundert mich, daß Marja Iwanowna Ihnen nicht selbst alles gesagt hat; sie konnte doch alles vom verstorbenen Andronikoff erfahren, und natürlich hat sie das auch, weshalb sie vielleicht mehr weiß als ich.“
„Ja, aber Andronikoff habe in dieser Sache selbst nicht ganz klar gesehen, sagte sie mir. Wie mir scheint, kann überhaupt kein Mensch diese verworrene Geschichte entwirren! Da würde selbst der Teufel mit den Beinen im Garn stecken bleiben! Von Ihnen aber weiß ich, daß Sie damals gleichfalls in Ems waren ...“