„Es ist das ein Brief von eben jenem Stolbejeff, nach dessen Tode es wegen seiner Nachlassenschaft zwischen Werssiloff und den Fürsten Ssokolski zum Prozeß gekommen ist. Die Sache ist noch nicht entschieden, aber aller Voraussicht nach wird das Gericht die Erbschaft Werssiloff zusprechen; für ihn spricht jedenfalls das Gesetz. In diesem Brief aber, einem Privatbrief, der vor zwei Jahren geschrieben ist, spricht der verstorbene Stolbejeff seinen Willen in betreff des Vermächtnisses aus, oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und das eher zugunsten der Fürsten als zugunsten Werssiloffs. Wenigstens erhalten die Punkte, auf die sich die Fürsten bei der Anfechtung des Testaments berufen, durch diesen Brief eine starke Stütze. Werssiloffs Gegner würden deshalb viel für dieses Dokument geben, obschon dasselbe, wie gesagt, noch längst nicht von entscheidender Bedeutung ist. Alexei Nikanorowitsch Andronikoff, der sich mit Werssiloffs Angelegenheiten befaßte, bewahrte diesen Brief bei sich auf, und erst kurz vor seinem Tode gab er ihn mir mit der Bitte, ihn bei mir ‚aufzubewahren‘, – vielleicht fürchtete er für seine Papiere, da er seinen Tod wohl voraussah. Übrigens will ich mich nicht in Mutmaßungen über seine Beweggründe zu dieser Handlungsweise ergehen, aber – ich muß gestehen, daß ich mich nach seinem Tode in einer peinigenden Ungewißheit befand: ich wußte nicht, was ich mit diesem Dokument anfangen sollte, besonders da die gerichtliche Entscheidung in diesem Prozeß schon so nahe bevorstand. Aus dieser schwierigen Situation befreite mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff bei seinen Lebzeiten, wie mir scheint, vieles anvertraut hat. Sie schrieb mir – ungefähr vor drei Wochen – mit aller Bestimmtheit, ich solle den Brief gerade Ihnen übergeben, das würde ‚wahrscheinlich‘ (dies ist ihr Ausdruck) auch mit dem Wunsch des verstorbenen Andronikoff übereinstimmen. So, und nun habe ich das Dokument Ihnen eingehändigt, und es freut mich sehr, daß ich das endlich habe tun können.“

„Hören Sie mal,“ sagte ich, noch ganz bestürzt durch diese unerwartete Neuigkeit, „aber was soll ich denn jetzt mit diesem Brief anfangen? Wie soll ich handeln?“

„Das hängt nun schon von Ihrem Ermessen ab; ganz wie Sie wollen.“

„Unmöglich, ich bin doch entsetzlich gebunden, das müssen Sie doch selbst zugeben! Werssiloff hat so auf diese Erbschaft gewartet ... und wissen Sie, ohne diese Hilfe ist er einfach verloren – und da existiert nun plötzlich dieses Dokument!“

„Es existiert nur hier, in diesem Zimmer.“

„Ist das wirklich so?“ Ich sah ihn scharf an.

„Wenn Sie in diesem Fall nicht selber wissen, wie Sie handeln sollen, was kann ich Ihnen dann noch raten?“

„Aber dem Fürsten Ssokolski kann ich den Brief doch auch nicht geben: damit würde ich alle Hoffnungen Werssiloffs zerstören, und überdies würde ich dann geradezu als Verräter vor ihm dastehen ... Andererseits, wenn ich den Brief Werssiloff gebe, so stürze ich Unschuldige in die größte Armut, und ihn selbst brächte ich in eine Zwangslage, aus der es keinen anderen Ausweg gibt, als – entweder auf die Erbschaft verzichten oder Diebstahl begehen.“

„Sie überschätzen die Bedeutung des Briefes gar zu sehr.“

„Sagen Sie mir eines: hat dieser Brief als Dokument einen endgültig entscheidenden Charakter?“