„Lassen wir dies lieber,“ sagte er sichtlich ermüdet.

Sein trauriger Ernst ging mir nahe. Ich schämte mich meiner Selbstsucht und versuchte, auf seinen Ton einzugehen.

„Unsere Zeit,“ begann er selbst wieder nach einer Weile, dabei immer noch vor sich in die Luft starrend, „unsere Zeit ist das Zeitalter der goldenen Mittelmäßigkeit und der Gefühlsstumpfheit, der größten Vorliebe für Unwissenheit und Faulheit, ist das Zeitalter der Unfähigkeit zur Tat und des Verlangens, alles fertig vorzufinden. Kein Mensch denkt nach; selten bringt es jemand bis zu einer eigenen Idee.“

Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

„Jetzt fällen sie in Rußland die Wälder, erschöpfen den Boden, verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken vor. Sollte aber ein Mensch noch Hoffnung haben und einen jungen Baum pflanzen – da würden sie ihn einfach auslachen: ‚Wirst du denn noch bis zur Nutznießung leben?‘ Die aber, die das Gute wollen, die verbringen ihr Leben in Debatten über das, was nach tausend Jahren sein wird. Jede festigende Idee fehlt den Menschen. Alle sind wie auf einer Bahnstation, und es ist, als müßten sie morgen schon hinaus aus Rußland, alle leben, als dächten sie: wenn’s nur für uns noch langt!“

„Erlauben Sie, Krafft, Sie sagten: die das Gute wollen, die dächten nur daran, was nach tausend Jahren sein wird. Nun, aber Ihr Verzweifeln ... an Rußlands Schicksal ... ist das – ist das nicht eine Sorge von derselben Art?“

„Das – das ist die erste und wichtigste Frage, die es für uns heute überhaupt gibt!“ stieß er gereizt hervor und erhob sich schnell.

„Ach so! Da hätte ich es fast vergessen!“ sagte er plötzlich, wie sich besinnend und mit ganz anderer Stimme, und dabei sah er mich wie selbst überrascht und gleichsam zweifelnd an. „Ich habe Sie wegen einer bestimmten Angelegenheit zu mir gebeten, und statt dessen ... Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung.“

Es war, als wäre er aus einem Traum erwacht und deshalb etwas verwirrt. Er entnahm seinem Portefeuille, das auf dem Tisch lag, einen Brief und übergab ihn mir.

„Dies hier sollte ich Ihnen einhändigen. Dieser Brief hat die Bedeutung eines Dokuments, das von einer gewissen Wichtigkeit ist,“ begann er, sichtlich mit konzentrierter Aufmerksamkeit und sehr sachlich. Lange nachher habe ich ihn noch in der Erinnerung bewundern müssen wegen dieser seiner Fähigkeit, sich mit so aufrichtiger Teilnahme (und das noch in diesen Stunden!) einer fremden Angelegenheit widmen, so ruhig und gewissenhaft und unbeirrt den Sachverhalt klarlegen zu können.