Man wird mir sagen, in alledem sei nichts von einer „Idee“ und das Ganze überhaupt nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal, daß hierin unendlich viel Idee und unendlich viel Neues ist.
Oh, ich habe es ja schon geahnt, wie trivial alle Einwände sein würden, und wie trivial ich selbst erscheinen muß, wenn ich meine „Idee“ auseinandersetze: was habe ich denn ausgesprochen? Nicht einmal den hundertsten Teil. Ich fühle doch, daß es so nur kleinlich, plump, oberflächlich und gleichsam viel zu kindisch für meine Jahre ausgedrückt ist.
III.
Ich habe jetzt noch die Fragen „Warum“ und „Wozu“ und „Ist das sittlich oder nicht“ zu beantworten – da ich eine Antwort versprochen habe.
Es tut mir leid, daß ich den Leser enttäuschen muß; es tut mir leid und es freut mich zugleich. Möge man doch erfahren, daß nicht der geringste „Rachedurst“ in meine „Idee“ hineinspielte, nichts Byronisches, – weder Racheschwüre, noch Waisenklagen oder Tränen wegen der illegitimen Geburt, nichts, gar nichts von dieser Art. Kurzum, eine romantisch veranlagte Dame würde, falls sie meine Aufzeichnungen lesen sollte, sehr enttäuscht sein und geknickt die Nase hängen lassen. Der ganze Zweck meiner „Idee“ ist – Einsamkeit.
„Aber Einsamkeit kann man doch auch so haben, ohne alle Großtuerei und Rednerei, daß man zuvor ein Rothschild werden müsse. Wozu ist da Rothschild nötig?“
„Weil ich außer der Einsamkeit noch Macht brauche.“
Zunächst eine Vorbemerkung: die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses wird den Leser vielleicht entsetzen, und es ist möglich, daß er sich in seiner Einfalt fragt: wie kann er das nur gestehen, ohne zu erröten? Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um das Geschriebene drucken zu lassen; einen Leser aber werde ich, wenn überhaupt, dann wohl erst nach zehn Jahren haben, wenn das eine schon so weit vergangen sein wird, das andere sich schon so weit zu erkennen gegeben hat, daß zum Erröten keine Veranlassung mehr vorhanden ist. Wenn ich aber in meinen Aufzeichnungen manchmal gleichsam zu einem „Leser“ spreche wie zu einem Kritiker, so ergibt sich das ganz von selbst. Mein Leser ist eine Phantasiegestalt.
Nein, nicht meine außereheliche Geburt, mit der man mich bei Touchard so oft geneckt hat, nicht die traurigen Jahre meiner Kindheit, nicht Rachelust und nicht das Protestgefühl mit seinem „Recht“ haben meine „Idee“ erzeugt; getan hat das einzig – mein Charakter. Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben. Das heißt nicht gerade, nicht zu lieben, aber so, sie wurden mir, ich möchte sagen, schwer. Es hat mich oft traurig gemacht, und zwar gerade in meinen reinsten Stunden, daß ich nicht einmal den mir am nächsten stehenden Menschen alles zu sagen vermochte, auch ihnen gegenüber nicht alles aussprechen konnte, oder richtiger, eigentlich nicht aussprechen wollte, d. h. daß ich mich aus irgendeinem Grunde zurückhielt, und daß ich mißtrauisch war, finster und verschlossen. Und wiederum ist mir fast schon in der Kindheit ein Charakterzug an mir aufgefallen: daß ich gar zu oft andere beschuldigte oder wenigstens geneigt war, andere zu beschuldigen; aber meinem Gedanken in dieser Richtung folgte auf dem Fuß ein anderer Gedanke, der für mich zu schwer zu ertragen war, der Gedanke: „Bin ich nicht selbst der Schuldige?“ Und wie oft habe ich mich dann selbst grundlos beschuldigt! Und um solchen Fragen aus dem Wege gehen zu können, sehnte ich mich nach Einsamkeit und suchte sie. Außerdem habe ich in der Gesellschaft der Menschen nichts finden können, trotz allem Suchen, und ich habe gesucht; wenigstens alle meine Altersgenossen, alle Schulkameraden erwiesen sich stets als geistig unter mir stehend; ich erinnere mich keiner einzigen Ausnahme.
Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu entdecken. Auch sind sie keineswegs so herrlich, daß es sich lohnte, sich sonderlich um sie zu kümmern. Warum treten sie nicht gerade und offen an mich heran, und warum bin ich verpflichtet, als erster zu ihnen zu gehen? Diese Fragen sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen. Ich bin ein dankbares Geschöpf, das haben mir wohl schon hundert von mir begangene Dummheiten bewiesen. Einem offenen Menschen würde ich sofort mit Offenheit antworten und ihn liebgewinnen. So habe ich es ja auch getan; aber alle haben sie mich dann sogleich betrogen und sich selbst wieder vor mir verschlossen, sogar mit Hohn über mich. Der offenste von allen war Lambert, der mich als Junge so gehauen hat; aber auch dieser war bloß ein offener Schuft und Lump; und die Offenheit war bei diesem schließlich nur ein Ausdruck seiner Dummheit. Mit solchen Anschauungen kam ich damals nach Petersburg.