Als ich an jenem denkwürdigen Tage die Wohnung Dergatschoffs verließ (übrigens, Gott weiß weshalb es mich dahin gezogen hatte!), schloß ich mich Wassin an, und in einer Anwandlung von Begeisterung überschüttete ich ihn mit meinem Interesse. Und was geschah darauf? Noch an demselben Abend fühlte ich, daß ich ihn bereits viel weniger liebte. Warum? Ja, eben darum, weil ich durch meinen ihm überschwenglich gezollten Beifall mich selbst vor ihm erniedrigt hatte. Indessen sollte man meinen, es hätte gerade das Entgegengesetzte geschehen müssen: ein Mensch, der so weit gerecht und großmütig ist, daß er einem anderen in einer Weise Anerkennung zollt, die ihn selbst erniedrigt, – ein solcher Mensch steht doch an Menschenwürde eigentlich beinahe höher als jeder andere. Nun, und – ich sah das ein; aber trotzdem liebte ich Wassin weniger, sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein dem Leser schon bekanntes Beispiel genommen. Selbst an Krafft dachte ich mit einem herben oder sogar bitteren Gefühl zurück, weil er mir ins Vorzimmer vorausgegangen war und mich auf diese Weise verabschiedet hatte: dieses Gefühl hatte ich die ganze Zeit bis zum nächsten Tage, bis ich plötzlich etwas erfuhr, das mir alles an ihm erklärte und jeden Grund zum Ärger aufhob. Aber schon in den untersten Klassen des Gymnasiums fühlte ich mich gekränkt, wenn einer meiner Mitschüler mich übertraf, sei es in einer Wissenschaft oder an Schlagfertigkeit und Witz, oder sei es, daß er mir an körperlicher Kraft überlegen war, – dann stellte ich sofort jeden Umgang mit ihm ein und sprach nicht einmal mehr mit ihm. Ich kann nicht sagen, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolg gewünscht hätte; nein, das nicht; ich wandte mich nur von ihm ab, denn so ist nun einmal mein Charakter.

Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Ich träumte davon schon in so jungen Jahren, daß entschieden ein jeder mich ausgelacht haben würde, wenn er meine geheimen Gedanken erfahren hätte. Deshalb habe ich die Heimlichkeit so liebgewonnen. Ja, ich träumte mit aller Kraft und allen Sinnen, träumte, daß mir keine Zeit bliebe, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus folgerte man, daß ich menschenscheu sei, und aus meiner Zerstreutheit zog man noch dümmere Schlüsse auf meine Lebenskraft – aber meine roten Wangen bewiesen das Gegenteil.

Besonders glücklich war ich, wenn ich schon im Bett lag und die Decke über die Schulter gezogen hatte, und nun ganz allein, in der größten Einsamkeit, ohne Menschengetriebe um mich herum, ohne einen Laut von ihnen zu hören, mein Leben nach eigenem Wunsch in der Phantasie umzugestalten begann. So verbrachte ich die Zeit, bis meine Idee in mir auftauchte, in der glühendsten Träumerei; durch die Idee aber wurden alle Träume, die bis dahin dumm gewesen waren, mit einemmal vernünftig und gingen aus der träumerischen Form des Romans in die denkende Form der Wirklichkeit über.

Alles floß zusammen und strebte nur zu dem einen Ziel. Meine Träume waren übrigens auch früher schon gar nicht so dumm gewesen, obgleich es der Themata zu Tausenden gab. Aber unter ihnen gab es Lieblingsträume ... Übrigens, es geht doch nicht an, sie hier alle zu erzählen. Macht! Ich bin überzeugt, daß sehr viele es sehr lächerlich finden würden, wenn sie erführen, daß so ein „Nichts“ wie ich es gerade auf Macht abgesehen hatte. Aber ich werde sie durch ein weiteres Geständnis noch mehr in Erstaunen setzen: ich habe mich vielleicht schon von meinen ersten Träumen an, das heißt, so gut wie seit meiner frühesten Kindheit, mir selbst nie anders vorzustellen vermocht, als immer und unter allen Umständen auf dem ersten Platz. Und ich füge ein zweites seltsames Geständnis hinzu: vielleicht setzt sich das noch heute fort. Hierzu bemerke ich, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten beabsichtige.

Und darauf beruht ja meine Idee, gerade darin liegt auch ihre Macht, daß das Geld – der einzige Weg ist, der selbst den Letzten auf den ersten Platz bringt. Vielleicht bin ich nicht einmal der Letzte; aber ich weiß zum Beispiel – der Spiegel sagt es mir –, daß mein Äußeres mir schadet, weil mein Gesicht gewöhnlich ist. Wenn ich aber so reich wie Rothschild bin – wer wird dann noch nach meinem Gesicht fragen, und werden dann nicht Tausende von Frauen, sobald ich nur pfeife, mit all ihren Schönheiten zu mir angeflogen kommen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie selbst, und zwar vollkommen aufrichtig, mich schließlich für einen schönen Mann halten werden. Ferner: ich bin vielleicht klug. Aber mag ich auch noch so klug sein und eine noch so hohe Stirn haben, es kann sich doch in jeder Gesellschaft einer finden, der noch klüger ist und eine noch höhere Stirn hat – und ich bin verloren. Aber wenn ich nun ein Rothschild bin – wird dann dieser Klügere noch etwas neben mir bedeuten? Man wird ihn doch nicht einmal zu Wort kommen lassen neben mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber da befindet sich plötzlich ein Talleyrand neben mir, ein Piron – und ich bin in den Schatten gestellt; bin ich aber ein Rothschild – wo bleibt dann Piron, ja selbst Talleyrand? Geld ist natürlich eine despotische Macht, zu gleicher Zeit aber bedeutet es die größte Gleichstellung, und darin liegt seine hauptsächliche Macht. Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Das habe ich alles schon in Moskau eingesehen.

Man wird in diesem meinem Gedanken selbstverständlich nichts als einen Ausdruck von Gemeinheit und Herrschsucht sehen, hinter dem das Gelüst des Niedrigen steht, über die Hohen und Geistigen zu triumphieren. Ich gebe zu, daß dieser Gedanke verwegen ist (und deshalb süß). Aber mag er, mag er es sein: Sie denken gewiß, ich wolle Macht, nur um triumphieren, bedrücken und mich rächen zu können? Das ist es ja, daß unbedingt so und nicht anders die Dutzendgemeinheit handeln würde. Und nicht nur diese; ich bin überzeugt, daß Tausende von Talenten und klugen Leuten, die sich so hochstehend und geistig dünken, wenn man ihnen plötzlich die Rothschildschen Millionen aufladen würde, dem Reichtum nicht gewachsen wären, und wie die Ordinärsten verfahren und am allermeisten die anderen bedrücken würden. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich fürchte das Geld nicht; mich wird es nicht bedrücken und auch nicht veranlassen, andere zu bedrücken.

Ich brauche das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht das Geld, und nicht einmal die Macht; ich brauche nur das, was man durch Macht erwirbt und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und das ist das einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft! Das ist die erschöpfendste Bezeichnung dessen, was man „Freiheit“ nennt, und um die sich die ganze Welt so abquält! „Freiheit!“ Endlich habe ich es hingeschrieben, dieses große Wort ... Ja, das einsame Bewußtsein der Kraft – ist berauschend und wundervoll. Ich habe die Kraft, und ich bin ruhig. Jupiter hat Blitz und Donner in der Hand: und er ist ruhig. Hört man’s denn häufig, daß er den Donner grollen läßt? Ein Dummer könnte glauben, er schlafe. Aber setzt an die Stelle Jupiters irgendeinen Literaten oder ein dummes Bauernweib – und das Donnern wird kein Ende nehmen!

Habe ich aber erst einmal die Macht, philosophierte ich, so werde ich ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich versichere, daß ich dann freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den letzten Platz einnehmen werde. Wäre ich Rothschild, so würde ich in einem alten Mantel und mit einem Regenschirm gehen. Was mache ich mir daraus, daß man mich auf der Straße stößt, daß ich schnell über das schmutzige Pflaster springen muß, um nicht überfahren zu werden! Das Bewußtsein, daß ich es bin, Rothschild selbst, würde mich in solchen Augenblicken erheitern und belustigen. Ich weiß, daß ich den ersten Koch der Welt und ein Essen wie keiner haben kann, doch es genügt mir, das zu wissen. Ich würde ein Stück Brot und Schinken essen und würde satt sein durch mein Bewußtsein. Dieser Ansicht bin ich auch heute noch.

Ich werde mich nicht zu den Aristokraten drängen, wohl aber werden sie sich zu mir drängen; nicht ich werde den Weibern nachlaufen, sondern sie mir, und werden mir alles anbieten, was ein Weib nur anzubieten hat. Die „billigen“ werden des Geldes wegen kommen, und die klugen wird das neugierige Interesse für den eigenartigen, stolzen, verschlossenen und zu allem sich gleichmütig verhaltenden Menschen anlocken. Ich werde sowohl zu diesen wie zu jenen freundlich sein und ihnen vielleicht Geld geben; von ihnen nehmen aber werde ich nichts. Interesse gebiert Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft erwecken. Aber ich versichere, sie werden vergeblich gekommen sein und nichts mitnehmen, als höchstens Geschenke. Und das wird mich für sie doppelt interessant machen.

„... denn mir genügt