Vollauf das Bewußtsein ...“

Sonderbar ist, daß ich mich in dieses Bild (das übrigens richtig ist) schon als Siebzehnjähriger verliebt habe.

Bedrücken und quälen will ich und werde ich keinen; aber ich würde wissen, daß, wenn ich einen bestimmten Menschen, etwa meinen Feind, verderben wollte, niemand mich daran hindern könnte, alle vielmehr diensteifrig mir helfen würden, und wiederum würde mir dieses Bewußtsein genügen. Nicht einmal rächen würde ich mich. Es hat mich immer gewundert, daß James Rothschild den Titel „Baron“ angenommen hat! Warum das und wozu, wenn er doch schon über allen stand? „Oh, mag mich doch dieser aufgeblasene General beleidigen,“ würde ich denken, wenn wir, sagen wir, beide auf einer Poststation auf Pferde warten; „wenn er wüßte, wer ich bin, würde er selbst meine Postpferde anschirren helfen und mir beim Einsteigen in meinen bescheidenen Wagen behilflich sein. War doch einmal in den Zeitungen davon die Rede, daß ein ausländischer Graf oder Baron in einem Wiener Eisenbahnzug einem dortigen Bankier vor dem ganzen Publikum die Pantoffeln angezogen hatte, und dieser war gemein genug gewesen, das geschehen zu lassen. Oh, mag doch, mag diese unheimliche Schönheit (gerade ‚unheimliche‘ Schönheit, es gibt solche!) – diese Tochter der stolzen und bewundernswerten Aristokratin, mit der ich zufällig auf einem Schiffsdeck oder sonstwo zusammentreffe, mich mit ungehaltenem Blick messen und, hochmütig die Nase hebend, mit Verachtung sich darüber wundern, wie dieser geringe, abscheuliche Mensch mit dem Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen durfte, sich auf den ersten Platz zu setzen, und noch dazu neben sie! Doch wenn sie nur wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren, – erfahren und sich selbst neben mich setzen, ergeben, schüchtern, freundlich, und wird meinen Blick suchen und sich über mein Lächeln freuen ...“ Ich habe hier mit Absicht diese frühesten Träume wiedergegeben, damit der Gedanke greller hervortrete und dann verständlicher werde; aber diese Bilder sind blaß und vielleicht trivial. Nur die Wirklichkeit rechtfertigt alles.

Man wird sagen, so zu leben, wäre dumm: warum nicht in einem Palais wohnen, nicht ein großes Haus machen, nicht Gesellschaft bei sich versammeln, warum nicht Einfluß haben, und warum nicht heiraten? Aber was würde dann aus dem Rothschild werden, aus dem reichsten Menschen der Welt? Er würde zu dem werden, was alle sind. Der ganze Reiz der „Idee“, ihre ganze sittliche Kraft würde dahin sein. Schon als Kind habe ich den Monolog des „Geizigen Ritters“ von Puschkin auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute noch.

„Aber Ihr Ideal ist niedrig,“ wird man mir mit Verachtung vorhalten, „Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!“

Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist dabei Unsittliches und Niedriges, daß aus vielen jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen diese Millionen in die Hand eines nüchternen und standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut, zusammenfließen? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen – das wirkt jetzt noch wie ein Roman, und ich habe sie vielleicht ganz umsonst niedergeschrieben; wäre lieber alles in meinem Schädel geblieben! Ich weiß auch, daß niemand diese Zeilen lesen wird; doch wenn jemand sie lesen sollte, wird er dann glauben, daß ich den Rothschildschen Millionen vielleicht doch nicht gewachsen bin? Nicht deshalb, weil sie mich etwa bedrücken würden, sondern im entgegengesetzten Sinne!? In meinen Träumen habe ich schon mehr als einmal an jenen Augenblick gedacht, wo mein Machtbewußtsein übersättigt sein, die „Macht“ mir aber immer noch nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langeweile und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem verlangen wird – dann werde ich alle meine Millionen den Menschen hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und verwalten, ich aber – ich aber tauche wieder hinab und verschwinde unter den Namenlosen! Vielleicht ende ich dann auch so auf einem Zwischendeck, wie jener Bettler auf dem Wolgadampfer, bloß mit dem Unterschied, daß man in meinem Lumpenkittel nichts eingenäht finden wird. Allein das Bewußtsein, daß Millionen in meiner Hand waren und ich sie in den Schmutz geworfen habe wie Spreu, würde mich wie ein Rabe speisen in meiner Wüste. Ich denke auch jetzt noch genau so. Ja, meine „Idee“ ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen lasterhaften Willen ganz, nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande bin, auf ihn zu verzichten.

Man wird mir hierauf zweifellos vorhalten, das sei doch Phantasterei, in Wirklichkeit würde ich die Millionen nie aus den Fingern lassen und mich nie und nimmer in einen solchen Bettler verwandeln. Möglich, daß ich sie nicht aus den Fingern lasse; ich habe doch nur das Ideal meiner Idee aufgezeichnet. Aber ich füge noch hinzu, und im Ernst: wenn mein Reichtum bis zu der Ziffer eines Rothschildschen angewachsen ist, so könnte es in der Tat damit enden, daß ich ihn den Menschen hinwerfe. (Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer, d. h. der Ziffer des größten persönlichen Reichtums, wäre es schwer, das auszuführen.) Und nicht die Hälfte würde ich hingeben; denn dabei käme doch nur eine Banalität heraus: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und nichts weiter; sondern gerade alles, alles bis aufs letzte, weil ich, wenn ich dann freiwillig zum Bettler geworden bin, mit einem Schlage doppelt so reich sein würde wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es nicht meine Schuld; erklären werde ich es nicht.

„Das ist Fakirtum, poetische Träumerei der Niedrigkeit und Kraftlosigkeit!“ urteilen die Menschen, „das ist der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.“ Gut, ich gebe zu, es mag zum Teil auch der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber wohl kaum der Kraftlosigkeit. Es gefiel mir ungeheuer, mir gerade ein talentloses und mittelmäßiges Geschöpf vorzustellen, das vor der ganzen Welt steht und lächelnd zu ihr sagt: „Ihr seid die Galilei und Kopernikus, die Karl der Große und Napoleon, ihr seid die Puschkin und Shakespeare, seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier bin ich – die Unbegabtheit und Rechtlosigkeit selbst, und bin doch höher als ihr; denn ihr selbst habt euch mir unterworfen!“ Diese Phantasie habe ich, das muß ich gestehen, so weit und schrankenlos fortgesetzt, daß ich sogar die Bildung ablehnte. Es schien mir, es müsse noch schöner sein, wenn dieser Mensch sogar maßlos ungebildet wäre. Diese Übertreibung des Gedankens blieb auch nicht ohne Einfluß auf meine Schulzeugnisse in der letzten Klasse des Gymnasiums; ich hörte einfach auf zu lernen, und zwar aus Fanatismus: die Verwirklichung des Ideals von einem Menschen ohne Bildung erschien mir großartiger. Inzwischen habe ich aber meine Ansicht in dieser Frage geändert und halte Bildung nicht mehr für störend.

Meine Herren, sollte denn die Selbständigkeit im Denken, und wäre es auch nur die geringste, wirklich so schwer für Sie sein? Selig ist, wer ein Schönheitsideal hat, und mag es auch nur ein fehlerhaftes sein! Aber an meines glaube ich. Ich habe es nur nicht richtig dargestellt, habe es ungeschickt und schülerhaft wiedergegeben. Nach zehn Jahren würde ich es selbstverständlich besser können. Aber diese Darstellung hier werde ich mir doch zur Erinnerung aufbewahren.

IV.