Die Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das eine davon, das mittlere, in dem sich gewöhnlich alle aufhielten, unser Wohn- und Empfangszimmer zugleich, war ein ziemlich großer Raum und sah beinahe anständig aus. In ihm waren wenigstens Polstermöbel, rote Sofas, übrigens mit recht abgenutztem Bezug (Werssiloff duldete keine Überzüge), dazu einige Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Rechts von diesem Raum lag Werssiloffs Zimmer; das war eng und schmal und hatte nur ein Fenster. Dort stand ein kläglicher Schreibtisch, auf dem etliche ungelesene Bücher und vergessene Papiere lagen, und vor dem Tisch stand ein nicht minder kläglicher Polstersessel mit einer zerbrochenen und infolgedessen schief hervorstehenden Feder, über die Werssiloff oft genug seufzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde für ihn abends auf einem weichen, aber gleichfalls verschlissenen Diwan ein Lager zurechtgemacht. Er haßte dieses sogenannte Kabinett und tat, glaube ich, nie etwas in ihm, sondern zog es vor, stundenlang müßig im Wohnzimmer zu sitzen. Links vom Wohnzimmer lag ein genau so großes Zimmer wie das Kabinett, dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Ins Wohnzimmer trat man aus einem Korridor, an dessen Ende eine Tür in die Küche führte, wo die Köchin Lukerja ihr Wesen trieb. Wenn diese Lukerja kochte oder briet, so ließ sie erbarmungslos den Geruch von verbranntem Fett durch die ganze Wohnung ziehen. Es gab Augenblicke, wo Werssiloff einzig wegen dieses Küchengeruchs sein ganzes Leben verwünschte und sein Schicksal verfluchte, und in diesem einen Punkte konnte ich ihm vollkommen nachfühlen. Auch ich haßte diese Gerüche, obschon sie nicht bis in mein Zimmer drangen. Ich wohnte oben unter dem Dach im Giebelstübchen, wohin ich auf einer kleinen, überaus steilen und knarrenden Treppe hinaufstieg. An Sehenswürdigkeiten gab es bei mir dort nur ein halbrundes Fenster und eine entsetzlich niedrige Decke. Auf dem mit Wachstuch überzogenen Diwan machte mir Lukerja abends mit Bettlaken und einem Kopfkissen ein Nachtlager zurecht, und sonst waren an Möbeln nur noch zwei Sachen da: ein einfacher Tisch aus ungestrichenen Brettern und ein Stuhl mit geflochtenem und schon durchlöchertem Sitz.

Übrigens waren bei uns immerhin noch etliche Überbleibsel eines ehemaligen Komforts: im Wohnzimmer z. B. stand eine sogar sehr schöne Porzellanlampe; an einer Wand hing eine vorzügliche große Gravüre der Dresdener Madonna, und an der anderen Wand, ihr gegenüber, eine teure Photographie der berühmten Bronzetür des Florentiner Baptisteriums. In demselben Zimmer hing ferner in einer Ecke ein großer Heiligenschrein mit altertümlichen Heiligenbildern, ein Familienerbstück, und eines von ihnen (das Bild aller Heiligen) hatte eine reiche silbervergoldete Bekleidung (die einmal versetzt werden sollte) und ein Muttergottesbild eine Bekleidung aus perlenbesticktem Samt. Vor den Heiligenbildern hing ein Lämpchen, das am Vorabend jedes Feiertages angezündet wurde. Werssiloff verhielt sich zu den Heiligenbildern, im Sinne ihrer Bedeutung, scheinbar ganz gleichgültig, zog nur zuweilen die Stirne kraus, wenn das Lämpchen brannte und beklagte sich, indem er sich merklich bezwang, nur wie beiläufig, über den von der vergoldeten Bekleidung zurückgeworfenen Lichtschein, der ihn angeblich blende, was für seine Augen schädlich sei, aber immerhin verhinderte er meine Mutter nicht, das Lämpchen anzuzünden.

Ich trat gewöhnlich schweigend und mit finsterem Gesicht ins Zimmer, sah keinen an, sondern irgendwohin in eine Ecke, und zuweilen grüßte ich nicht einmal, wenn ich nach Hause kam. Ich war sonst immer früher heimgekehrt als diesmal, und das Mittagessen hatte man mir immer nach oben gebracht. Als ich aber nun eintrat, sagte ich plötzlich: „Guten Abend, Mama,“ was ich früher nie getan hatte, aber auch diesmal brachte ich es aus einem gewissen Schamgefühl heraus nicht fertig, sie dabei anzusehen, und ich setzte mich am anderen Ende des Zimmers hin. Ich war sehr müde, aber daran dachte ich nicht.

„Dieser Flegel fährt ja immer noch fort, wie ein Tölpel hier einzutreten,“ fiel Tatjana Pawlowna sogleich gehässig über mich her.

Schimpfworte hatte sie sich auch früher erlaubt, und das war zwischen ihr und mir eigentlich schon zur Gewohnheit geworden.

„Guten Abend ...“ antwortete meine Mutter unsicher, als habe mein Gruß sie ganz verlegen gemacht.

„Das Essen ist längst fertig,“ fügte sie fast verwirrt hinzu, „wenn nur die Suppe nicht kalt geworden ist, aber die Koteletts werde ich gleich ...“

Und sie wollte schon eilig aufstehen, um in die Küche zu gehen, und vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat schämte ich mich plötzlich, daß sie so eilfertig aufsprang, um mich zu bedienen, wie ich das bis dahin selbst von ihr verlangt hatte.

„Nein, danke sehr, Mama, ich habe schon gegessen. Wenn ich nicht störe, werde ich mich hier etwas ausruhen.“

„Ach ... ja, gewiß! ... Warum denn nicht ... bleiben Sie nur ...“