„Seien Sie unbesorgt, Mama, ich werde gegen Andrei Petrowitsch nicht mehr ausfallend sein,“ sagte ich plötzlich.

„Ach Gott, welch eine Großmut von ihm!“ rief Tatjana Pawlowna wieder gehässig aus. „Aber Täubchen, Ssonjä, sagst du denn wirklich immer noch ‚Sie‘ zu ihm? Wer ist er denn, daß er so geehrt werden muß, und dazu noch von seiner leiblichen Mutter! Und sieh doch einer, da bist du noch ganz verlegen geworden vor ihm, pfui!“

„Es wäre mir selbst viel angenehmer, Mama, wenn Sie mich duzen würden.“[7]

„Ach ... nun, gut, gut, dann werde ich ...“ beeilte sich meine Mutter, allen Wünschen nachzukommen. „Ich ... ich habe ja auch nicht immer ‚Sie‘ gesagt ... aber von jetzt ab werde ich es nicht mehr tun, ich werde wissen, wie ...“

Sie errötete vor Verlegenheit. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas überaus Anziehendes ... Es war ein treuherziges, durchaus nicht gewöhnliches Gesicht, ein wenig bleich, vielleicht blutarm. Ihre Wangen waren sehr mager, sogar eingefallen, und auf der Stirn bildeten sich schon viele Runzeln, aber um die Augen herum hatte sie noch gar keine Runzeln, und diese Augen, die recht groß und offen waren, leuchteten immer in einem stillen, beruhigenden Licht, das mich schon vom ersten Tage an zu ihr hingezogen hatte. Es war mir auch lieb, daß in ihrem Gesicht gar nichts Trauriges oder Bedrücktes lag, im Gegenteil, ihr Gesichtsausdruck wäre sogar ein froher gewesen, wenn sie sich nicht so oft aufgeregt hätte, mitunter sogar ganz ohne Ursache. Sie erschrak nicht selten und erhob sich plötzlich von ihrem Platz in ganz grundloser Furcht, oder sie lauschte ängstlich auf jedes Wort, wenn man über etwas Neues sprach, bis sie sich überzeugte, daß sich deshalb nichts veränderte und alles beim alten blieb – dieses „beim alten bleiben“ war für sie gleichbedeutend mit der Überzeugung, daß alles gut war. Wenn sich nur nichts veränderte, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es auch etwas noch so Gutes sein! ... Man hätte glauben können, sie sei als Kind einmal mit der Androhung von etwas „Neuem“ entsetzlich eingeschüchtert worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval ihres länglichen Gesichtes, und ich vermute, wenn ihre Backenknochen nur um ein Härchen weniger breit gewesen wären, hätte man sie nicht nur in der Jugend, sondern auch jetzt noch hübsch nennen können. Sie war noch nicht über neununddreißig, aber in ihrem dunkelblonden Haar glänzten schon viele silberne Fäden.

Tatjana Pawlowna blickte sie mit entschiedenem Unwillen an.

„Diesen Bengel siezen! Und so vor ihm zu zittern! Sei doch nicht lächerlich, Ssofja! Kannst mich nur ärgern, wenn du so bist, damit du’s weißt!“

„Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Aber Sie scherzen wohl nur, – nicht?“ fragte meine Mutter, da sie im Gesicht Tatjana Pawlownas so etwas wie ein Lächeln bemerkte.

Tatjana Pawlownas Schelten konnte man in der Tat manchmal nicht ernst nehmen, diesmal jedoch lächelte sie (d. h. wenn sie es wirklich tat) natürlich nur über meine Mutter; denn sie liebte deren Güte über alles und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich die Gute in diesem Augenblick über meine Friedfertigkeit war.

„Es kann mir natürlich nicht gleichgültig sein, daß Sie so über mich herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu gerade jetzt, nachdem ich beim Eintreten ‚Guten Abend, Mama‘ gesagt habe, was ich früher nicht getan habe,“ bemerkte ich schließlich, da mir das notwendig erschien.