„Das ist mir mal schön!“ brauste sie sofort auf, „denkt euch nur, er hält das für ’ne Heldentat! Soll man dir nicht noch kniend dafür danken, daß du einmal im Leben höflich gewesen bist? Und was ist denn das für eine Höflichkeit! Warum siehst du denn in den Winkel, wenn du eintrittst? Als ob ich nicht wüßte, wie du zu ihr bist und sie behandelst! Hättest auch mir ‚Guten Tag‘ sagen können, hab’ deine Windeln gewickelt, bin deine Patin!“

Selbstverständlich verschmähte ich jeden Rechtfertigungsversuch. In diesem Augenblick trat meine Schwester ins Zimmer, und ich wandte mich schnell an sie:

„Lisa, ich habe heute Wassin gesehen, und er erkundigte sich nach dir. Du bist mit ihm bekannt?“

„Ja, von Luga her, im vorigen Jahr,“ antwortete sie mir ganz schlicht, setzte sich neben mich und sah mich freundlich an.

Ich weiß nicht, weshalb ich eigentlich erwartet hatte, daß sie sofort erröten würde, wenn ich ihr das von Wassin erzählte. Meine Schwester war blond, hellblond, ihre Haarfarbe hatte sie weder von der Mutter, noch vom Vater; aber ihre Augen, das Oval des Gesichts hatte sie fast ganz von der Mutter. Ihre Nase war sehr gerade, nicht groß und regelmäßig; und dann noch eine kleine Besonderheit: leichte kleine Sommersprossen im Gesicht, von denen bei der Mutter keine Spur vorhanden war. Werssiloffsches hatte sie nur wenig, es sei denn die Schlankheit der Gestalt, den hohen Wuchs und im Gang eine gewisse anmutige Schönheit. Mit mir verband sie nicht die geringste Ähnlichkeit – wir waren wie zwei entgegengesetzte Pole.

„Ich habe drei Monate in Luga mit ihnen verkehrt,“ fügte Lisa nach einer Weile hinzu.

„Du meinst doch Wassin allein? – warum sagst du dann ‚mit ihnen‘, Lisa? Mit ihm, sagt man, – ‚mit ihnen‘ sagen Bediente von ihrer Herrschaft. Verzeih, Schwester, daß ich dich verbessere, aber es tut mir weh, daß man deine Bildung, wie es scheint, vernachlässigt hat.“

„Und von dir ist es schändlich, in Gegenwart deiner Mutter solche Bemerkungen zu machen!“ donnerte mich Tatjana Pawlowna sofort an. „Außerdem faselst du – nichts ist vernachlässigt worden!“

„Es ist mir gar nicht eingefallen, meiner Mutter einen Vorwurf zu machen!“ verteidigte ich mich schroff. „Damit Sie es wissen, Mama, ich betrachte Lisa als Ihr zweites Ich: Sie haben aus ihr, was Güte und Charakter betrifft, etwas ebenso Entzückendes gemacht, wie Sie es sicherlich selbst waren und auch jetzt sind und ewig sein werden ... Ich rede nur von der äußeren Politur, von allen diesen gesellschaftlichen Dummheiten, die nun einmal notwendig sind. Ich bin nur darüber ungehalten, daß Werssiloff dich auf diesen Fehler bestimmt nicht aufmerksam gemacht hätte, Lisa, – dermaßen hochmütig und gleichgültig verhält er sich zu uns. Das ist es, was mich ärgert!“

„Selbst ist er wie ein Bärenjunges, und dabei will er anderen Politur beibringen! Und unterstehen Sie sich nicht, mein Gnädigster, hinfort noch in Gegenwart Ihrer Mutter statt Andrei Petrowitsch nur ‚Werssiloff‘ zu sagen,[8] desgleichen nicht in meiner Gegenwart, – das dulde ich nicht!“ Tatjana Pawlownas Augen blitzten.