II.

Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des vorigen Jahres beginnen, also genau mit dem Tage meiner ersten Begegnung mit ...

Aber so ohne weiteres zu sagen, wem ich damals begegnet bin, noch bevor man das geringste weiß, wäre dumm. Ja, dieser ganze Ton scheint dumm zu sein. Ich habe mir doch geschworen, alle literarischen Albernheiten zu vermeiden, und nun habe ich von der ersten Zeile an überhaupt nichts anderes geschrieben. Außerdem scheint mir jetzt, daß der Wunsch allein, vernünftig zu schreiben, noch nicht genügt, um es zu können. Ich möchte auch bemerken, daß in keiner europäischen Sprache das Schreiben so schwierig ist wie in der russischen. Wenigstens muß ich mir jetzt gestehen, nachdem ich das soeben Geschriebene überlesen habe, daß ich viel klüger bin, als das hier Geschriebene vermuten läßt. Woher kommt es nur, daß bei einem klugen Menschen das von ihm Ausgesprochene so viel dümmer erscheint als das, was unausgesprochen in ihm zurückbleibt? Diese Beobachtung habe ich an mir auch in meinem mündlichen Verkehr mit Menschen des öfteren gemacht und mich deshalb in diesem ganzen verhängnisvollen letzten Jahr nicht wenig gequält und geärgert.

Aber wenn ich nun einmal mit dem neunzehnten September beginnen will, muß ich vorher doch wenigstens kurz erklären, wer ich bin, wo ich gelebt habe, und wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf ungefähr aussah, damit das Folgende dem möglichen Leser und vielleicht auch mir selbst verständlicher werde.

III.

Ich bin – ein Gymnasiast, der sein Abiturium bestanden hat und jetzt einundzwanzig Jahre zählt. Ich trage den Namen Dolgoruki; denn mein gesetzmäßiger Vater ist Makar Iwanoff Dolgoruki, ein ehemaliger Hofbauer des Adelsgeschlechts der Werssiloff. So bin ich denn nach dem Gesetz ein legitimer Sohn, während ich in Wirklichkeit ein höchst illegitimer bin und meine uneheliche Herkunft nicht dem geringsten Zweifel unterliegt. Die Sache verhält sich so:

Vor zweiundzwanzig Jahren besuchte der Gutsbesitzer Werssiloff (mein natürlicher Vater) wieder einmal sein Stammgut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er damals als fünfundzwanzigjähriger junger Mann noch etwas recht Unpersönliches war. Es ist gewiß nicht bedeutungslos, daß dieser Mensch, der auf mich schon in der Kindheit einen so mächtigen Eindruck gemacht und auf meine ganze innere Entwicklung einen so ungeheuren Einfluß gehabt hat – einen Einfluß, der vielleicht in meinem ganzen Leben weiterwirken wird – daß dieser Mensch mir auch heute noch in vielen Dingen ein vollständiges Rätsel ist. Doch davon später. Das läßt sich nicht gleich so erzählen. Von diesem Menschen wird ja ohnehin in meinen Aufzeichnungen schon genug die Rede sein.

Damals, also in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, hatte er gerade seine Frau verloren. Sie war aus vornehmer Familie, aber nicht sehr reich gewesen, eine geborene Fanariotoff, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt. Leider habe ich nur sehr wenig Näheres über diese seine erste Frau erfahren können, und selbst dies wenige ist nicht ganz verbürgt. Auch aus dem Privatleben Werssiloffs ist mir vieles unbekannt oder wenigstens unerklärlich geblieben, so stolz, unnahbar, verschlossen und doch wiederum nachlässig war er im Verkehr mit mir, obschon er sich mitunter geradezu wie mit einer inneren Demut zu mir verhielt, die mich jedesmal stutzig machte. Einstweilen aber will ich doch vorausschicken – gewissermaßen als Charakteristikum –, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und sogar recht bedeutende, so einige viermalhunderttausend Rubel, vielleicht aber noch viel mehr. Augenblicklich hat er selbstverständlich nichts.

Auf sein Gut war er damals „Gott weiß warum“ gekommen, wenigstens drückte er sich auf meine Frage hin so aus. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit, er ließ sie bei Verwandten: so pflegte er sein Leben lang mit seinen Kindern umzugehen, sowohl mit den ehelichen wie mit den unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war überaus zahlreich, und zu diesem gehörte auch der Gärtner Makar Iwanoff Dolgoruki. Ich will hier gleich bemerken, um es ein für allemal abzutun, daß wohl selten jemand sich zeitlebens dermaßen über seinen Familiennamen geärgert hat, wie ich mich über den meinigen, von Kindesbeinen an. Das war selbstverständlich dumm von mir, doch ist es nichtsdestoweniger Tatsache. Jedesmal, wenn ich z. B. irgendwo eintrat, in eine Schule etwa, oder wenn ich mit Leuten zusammenkam, denen ich als kleiner Junge oder Halbwüchsling antworten mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz, jeder letzte Schul- oder Privatlehrer, Gymnasialinspektor oder Pope – ein jeder, wirklich ein jeder, der auf die Frage nach meinem Namen gehört hatte, daß ich Dolgoruki hieß, hielt es für unbedingt notwendig, zu fragen:

Fürst Dolgoruki?“[1]