Meine Flucht, – das heißt, nein, es blieb ja beim Versuch, und den machte ich erst im fünften, sechsten Monat nach diesen zwei ersten Monaten. Ich bin eigentlich immer sehr schwerfällig im Entschließen gewesen. Sobald ich im Bett lag und mich zugedeckt hatte, begann ich an Sie zu denken, Andrei Petrowitsch, nur an Sie. Ich weiß es selbst nicht, wie sich das so machte. Und sogar im Traum sind Sie mir erschienen. Aber ich träumte auch wachend, und dann mit Leidenschaft und nur davon, wie Sie plötzlich eintreten und ich Ihnen entgegenstürze, und wie Sie mich von hier fortbringen zu sich, in jenes Kabinett, und dann fahren wir wieder ins Theater, nun, und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns dann nie wieder trennen – das war das wichtigste und schönste! Wenn ich dann am Morgen aufstehen mußte, begannen gleich wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler. Einer von ihnen begann mich einfach zu prügeln und zwang mich, ihm die Stiefel zu reichen; er verspottete mich mit den schändlichsten Schimpfnamen und bemühte sich nach Möglichkeit, meine Herkunft zu erläutern, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn zum Schluß noch Touchard selbst erschien, dann begann in meiner Seele etwas Unerträgliches. Ich fühlte, daß man mir hier niemals verzeihen werde – oh, ich begann damals schon allmählich zu begreifen, was man mir nicht verzieh und worin mein Vergehen bestand! Und so kam ich auf den Gedanken, zu entfliehen. Ganze zwei Monate träumte ich davon mit Bangen, endlich entschloß ich mich. Es war schon September. Ich wartete auf den Sonnabend, wenn alle Mitschüler zum Sonntag nach Hause fuhren, und inzwischen machte ich mir heimlich aus den notwendigsten Sachen ein Bündelchen; an Geld besaß ich nur zwei Rubel. Ich wollte bis zum Einbruch der Dunkelheit warten – ‚dann schleiche ich die Treppe hinunter,‘ dachte ich, ‚und schlüpfe hinaus, und dann gehe ich!‘ – Wohin? Ich wußte, daß Andronikoff schon nach Petersburg versetzt war, und so beschloß ich, das Haus der Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen. ‚Die Nacht über gehe ich herum oder sitze irgendwo, und am Morgen gehe ich dann auf den Hof des Hauses und frage dort: wo ist jetzt Andrei Petrowitsch? Und wenn er nicht in Moskau ist, wohin ist er dann gefahren, in welcher Stadt und in welchem Reich lebt er jetzt? Und das wird man mir dann doch bestimmt sagen. Und dann gehe ich fort und frage an einem anderen Ort wieder irgend jemand: an welchem Schlagbaum muß ich vorübergehen, wenn ich in die und die Stadt will? Nun, und dann werde ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter gehen. Und ich werde immer gehen und gehen, nächtigen werde ich am Wege unter Büschen, und essen werde ich nur Brot, und wenn ich für zwei Rubel Brot kaufe, so wird das für sehr lange ausreichen.‘ So dachte ich mir das alles. Aber am Sonnabend konnte ich meine Absicht nicht ausführen, ich mußte bis zum Sonntag warten, und da traf es sich, daß gerade an diesem Sonntag Herr und Frau Touchard irgendwohin zu Besuch fuhren; im ganzen Hause blieben nur die Magd Agafja und ich zurück. Ich wartete mit einer furchtbaren Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß im Gastzimmer am Fenster und sah hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen hölzernen Häusern und den seltenen Fußgängern. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend am Rande der Stadt, und aus den Fenstern sah man einen Schlagbaum; ‚sollte es nicht dieser sein?‘ dachte ich flüchtig. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, ganz wie heute. Endlich wurde es dunkel, ganz dunkel. Ich stellte mich vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber nur schnell, schnell, ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf den Fußspitzen über die knarrenden Treppenstufen hinab, in großer Furcht, Agafja könnte mich in der Küche hören. Der Schlüssel der Haustür stak im Schloß, ich machte auf und plötzlich – dunkle, dunkle Nacht stand schwarz vor mir, wie eine unendliche Fremde voller Gefahren, und der Wind riß mir nur so die Mütze vom Kopf. Ich trat hinaus; von der anderen Straßenseite erscholl das heisere Geschimpf und Gegröhl eines vorübertorkelnden Betrunkenen. Ich stand und sah, und dann kehrte ich still wieder um, trat wieder ein, schlich still nach oben, kleidete mich aus, stellte mein Bündelchen fort und legte mich hin, grub das Gesicht ins Kissen, ohne Tränen, ohne Gedanken, und von dieser Minute an hab’ ich zu denken begonnen, Andrei Petrowitsch! Gerade von dieser selben Minute an, wo ich erkannte, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern zum Überfluß auch noch ein Feigling war, – da erst begann meine wirkliche, meine richtige Entwicklung!“
„Und jetzt, von dieser Minute an, habe auch ich dich für alle Zeiten und ganz und gar erkannt!“ rief plötzlich Tatjana Pawlowna aufspringend und so unerwartet, daß ich ganz überrascht war. „Ja, du warst nicht nur damals ein Lakai, du bist es auch heute noch, weil du eine Lakaienseele hast! Was hätte es damals Andrei Petrowitsch ausgemacht, dich bei einem Schuster in die Lehre zu geben? Er hätte dir damit sogar eine Wohltat erwiesen, hätte er dich ein Handwerk lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich erwarten oder gar verlangen dürfen? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat nicht nur darum gebeten, sondern geradezu gefordert, daß man euch, seine Kinder, nicht aus der unteren Klasse heraushebe. Aber nein, du schätzt das nicht, daß er dich bis zur Universität gebracht hat und du durch ihn Vorrechte bekommen hast. Schulbuben haben ihn geneckt, ei, seht doch mal an, und da hat er sich denn geschworen, sich an der Menschheit zu rächen! Solch ein Plebejer!“
Ich muß gestehen, ich war verblüfft. Ich erhob mich und stand und sah sie an, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte.
„Nein, wirklich, Tatjana Pawlowna hat mir etwas Neues gesagt,“ wandte ich mich entschlossen und mit fester Stimme an Werssiloff, „ich bin wirklich so weit ‚Lakai‘, daß ich mich auf keine Weise nur damit zufrieden geben kann, daß Werssiloff mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; sogar die ‚Vorrechte‘ des höheren Standes, die ich ihm verdanke, da er mich hat unterrichten lassen, haben mich nicht gerührt. Nein – gebt mir den ganzen Werssiloff, gebt mir den Vater ... das habe ich verlangt – wie sollt’ ich denn da nicht ein Lakai sein? Mama, es liegt mir schon acht Jahre auf dem Gewissen, wie ich Sie damals, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, – wie ich Sie damals empfing. Aber jetzt habe ich keine Zeit, auch das noch zu erzählen, und Tatjana Pawlowna würde es ja auch nicht zulassen. Also morgen, Mama, wir sehen uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Was würden Sie dazu sagen, wenn ich sogar in einem so hohen Maße ein ‚Lakai‘ wäre, daß ich nicht einmal das billigen könnte, daß ein Mann, der eine Ehefrau hat, noch eine zweite heiratet? Das aber ist doch in Ems von Andrei Petrowitsch nahezu versucht worden! Mama, wenn Sie nicht bei einem Mann bleiben wollen, der morgen vielleicht eine andere heiratet, so erinnern Sie sich daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen jetzt verspricht, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, – denken Sie daran und kommen Sie zu mir, aber nur unter der Bedingung: entweder er oder ich, – wollen Sie? Ich verlange ja nicht sofort eine Antwort; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann ...“
Ich konnte nicht zu Ende sprechen, da ich viel zu erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter erbleichte, und die Stimme schien ihr zu versagen: sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, so daß ich gar nicht verstand, was sie sagte, und zwei-, dreimal stieß sie mich mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte seien „erfunden, in einer kleinlichen Seele erklügelt, mit den Fingern herausgebohrt“. Werssiloff saß unbeweglich da und war sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging zu mir nach oben. Das letzte, was mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte ernst den Kopf.
Siebentes Kapitel.
I.
Ich gebe alle diese Szenen wieder, ohne mich selbst dabei zu schonen, um mir alles deutlich zu vergegenwärtigen und die Eindrücke richtig wiederherzustellen. Als ich oben in meinem Zimmer angelangt war, wußte ich überhaupt nicht, ob ich mich schämen oder ob ich stolz sein sollte, wie einer, der seine Pflicht getan hat. Wäre ich nur ein wenig erfahrener gewesen, so hätte ich gewußt, daß selbst der geringste Zweifel in solchem Fall den Ausschlag zuungunsten des Zweiflers gibt. Aber ein Umstand verwirrte mich endgültig: daß ich dabei so froh war, ich weiß nicht worüber, aber ich war furchtbar froh, obwohl ich zweifelte und einsah, daß ich unten schlecht abgeschnitten hatte. Ja selbst daß Tatjana Pawlowna mich so boshaft beschimpft hatte, erschien mir nur komisch und unterhaltend und ärgerte mich nicht im geringsten. Wahrscheinlich wirkte das alles nur deshalb so, weil ich immerhin die Kette zerrissen hatte und mich nun zum erstenmal vollkommen frei fühlte. Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung zu ihnen verdorben hatte: jetzt war ich mir noch viel mehr im unklaren darüber, was ich mit dem von Krafft erhaltenen Brief, der die Erbschaft betraf, anfangen sollte. Wenn ich ihn jetzt noch übergab, würde man entschieden glauben, ich wollte mich an Werssiloff rächen. Aber schon unten, während dieser ganzen Auseinandersetzungen, hatte ich bereits bei mir beschlossen, diese Erbschaftsfrage mit dem Brief von einem Dritten entscheiden zu lassen, und zwar von Wassin, an den ich mich wie an einen Schiedsrichter wenden wollte, oder wenn er es ablehnte, dann von jemand anders – ich wußte schon, von wem. Ich sagte mir: nur einmal, nur zu diesem Zweck, werde ich zu Wassin gehen, dann aber – dann verschwinde ich für alle auf lange Zeit, auf mehrere Monate, und für Wassin noch ganz besonders. Nur meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. Das war alles ziemlich wirr in mir; ich fühlte, daß ich etwas getan hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und – und ich war trotzdem zufrieden. Ich wiederhole: ich war dennoch froh über irgend etwas.
Für diesen Abend nahm ich mir vor, früher schlafen zu gehen, da ich am nächsten Tage weite Wege zu machen hatte. Zunächst mußte ich mir ein Zimmer mieten und umziehen, und dann faßte ich noch verschiedene Entschlüsse, die ich, so oder so, gleich ausführen wollte. Aber dieser denkwürdige Abend sollte nicht ohne eine seltsame Überraschung enden: Werssiloff verstand es, mich noch in höchstes Erstaunen zu setzen. Er war noch nie in mein Stübchen gekommen, und nun plötzlich, ich hatte noch keine Stunde bei mir oben gesessen, hörte ich seine Schritte auf der Treppe: er rief mir zu, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze zur Tür und half ihm, auf der kleinen Treppe heraufzusteigen, indem ich ihm die Hand nach unten entgegenstreckte, die er auch ergriff.
„Merci, mein Freund, bisher bin ich noch nie hier heraufgeklettert, nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte, was hier ungefähr sein konnte, aber ... einen solchen Hundestall habe ich doch nicht vermutet.“ Er war in der Mitte meines Stübchens stehengeblieben und schaute sich neugierig um. „Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg!“