„Genug, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden und halte Sie für so klug, daß ich hoffe, Sie werden mir nicht gar zu lange den Kopf waschen. Sie lieben ja so sehr das Maßhalten; und schließlich muß es doch für alles ein Maß geben, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter. Aber ich würde Ihnen folgenden Vorschlag machen: da Sie sich nun einmal entschlossen haben, bei mir vorzusprechen und eine viertel oder eine halbe Stunde hier zu sitzen (ich weiß noch immer nicht, wozu eigentlich, aber nehmen wir an, es sei zur Beruhigung meiner Mutter) – und da Sie außerdem so bereitwillig mit mir sprechen, ungeachtet dessen, was unten vorgefallen ist, so erzählen Sie mir lieber von meinem Vater – eben von diesem Makar Iwanoff, dem Pilger. Gerade von Ihnen würde ich gern Näheres über ihn hören, ich habe Sie sogar früher schon immer nach ihm fragen wollen. Und dann möchte ich, daß Sie mir noch etwas beantworten, gerade jetzt, bevor wir uns trennen, vielleicht auf lange. Das ist: Haben Sie denn wirklich in diesen ganzen zwanzig Jahren nicht so weit auf die Vorurteile meiner Mutter einzuwirken vermocht, und ebenso auf meine Schwester – gerade Sie, mit Ihrem ganzen bildenden Einfluß –, daß meine Mutter wenigstens aus der Finsternis ihrer früheren bäuerlichen Umgebung herausgekommen wäre? Oh, ich spreche nicht von ihrer Reinheit! Sittlich hat sie auch so immer weit über Ihnen gestanden, verzeihen Sie, aber sie ist doch nur eine unendlich viel höherstehende – Tote. Nur Werssiloff lebt, alle übrigen um ihn herum und alles mit ihm Verbundene vegetiert nur unter der einen Bedingung, die Ehre zu haben, ihn mit den eigenen Kräften, den eigenen Lebenssäften ernähren zu dürfen. Aber auch meine Mutter muß doch einmal lebendig gewesen sein? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch sie ist doch einmal ein Weib gewesen!“
„Mein Freund, vielleicht ist sie das nie gewesen,“ antwortete er mir, indem er sogleich wieder in seine anfängliche Manier verfiel, – in diese Manier mit mir zu sprechen, die mich so ärgerte, und die ich noch so gut im Gedächtnis habe! Das heißt, anscheinend ist er die Aufrichtigkeit selbst, sieht man aber näher zu – so ist an ihm alles nur tiefster Spott, so daß ich aus seinem Gesicht manchmal gar nicht klug werden konnte. „Ist das nie gewesen! Die russische Frau – ist niemals Weib.“
„Ach, und die Polin, die Französin, die ist es etwa? Oder die Italienerin, die leidenschaftliche Italienerin, die so einen zivilisierten Russen der höheren Stände, von der Art eines Werssiloff, zu bezaubern versteht?“
„Nun sag’ einer,“ rief er lachend aus, „hätte ich ahnen können, daß ich hier auf einen Slawophilen stoßen würde!“
Ich erinnere mich Wort für Wort unseres Gesprächs: Er begann sogar mit großer Bereitwilligkeit und sichtlichem Vergnügen zu erzählen. Es war mir nur zu klar, daß er durchaus nicht deshalb zu mir gekommen war, um sich mit mir zu unterhalten, und ebensowenig deshalb, um meine Mutter zu beruhigen, sondern unbedingt aus ganz anderen Gründen.
II.
„Wir haben, deine Mutter und ich, diese ganzen zwanzig Jahre vollkommen schweigend verlebt,“ begann er sein Geplauder (im höchsten Grade gemacht und unnatürlich), „und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist schweigend geschehen. Der Charakter unseres ganzen zwanzigjährigen Zusammenlebens war – Schweigen. Ich glaube, wir sind auch nicht ein einziges Mal in Streit geraten. Allerdings war ich oft verreist ... und habe sie allein gelassen, aber es hat doch immer damit geendet, daß ich wieder zu ihr zurückgekehrt bin. Nous revenons toujours,[25] und das ist, das ist nun einmal die wesentliche Eigenschaft der Männer; es ist das bei ihnen eine Folge ihrer Großmut. Wenn die Ehe von den Frauen allein abhinge – keine einzige Ehe hätte Bestand. Deine Mutter ... Demut, Nachgiebigkeit, Geduld, Unterwürfigkeit, und zu gleicher Zeit Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft – das ist der Charakter deiner Mutter. Merke dir, sie ist die beste von allen Frauen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Und daß in ihr Kraft ist, kann ich bezeugen: ich habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wenn es sich um ... ich will nicht sagen ‚Überzeugungen‘ handelt – denn zu regelrechten Überzeugungen fehlen die Voraussetzungen – aber um das, was von ihnen für Überzeugung gehalten wird, und was folglich ihrer Ansicht nach heilig ist, da lassen sie sich womöglich foltern. Nun, und ich – sag’ dir doch selbst: sehe ich aus wie ein Folterknecht? Sieh, deshalb habe ich es denn auch vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, und das nicht nur deshalb, weil das leichter ist; und offengestanden, ich bereue es nicht. Auf diese Weise hat sich alles ganz von selbst auf einer breiten und humanen Basis abgespielt, so daß ich mir selbst gar kein Verdienst zuschreibe. Ich möchte hier nur nebenbei bemerken, daß ich aus einem unbestimmten Grunde den Verdacht habe, daß sie niemals an meine Humanität geglaubt und darum immer gezittert hat; aber trotz des Zitterns hat sie sich doch nicht der Kultur gebeugt. Diese Leute verstehen das irgendwie auf ihre Art, wir aber begreifen da irgend etwas nicht, und überhaupt verstehen sie besser als wir, sich im Leben einzurichten. Sie können sogar in Lagen, die für sie die unnatürlichsten sind, die ihrer ganzen Art vollständig widersprechen – doch weiterleben und sogar vollkommen sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.“
„Wer sind diese ‚sie‘? Ich verstehe Sie nicht ganz.“
„Ich meine das Volk, mein Freund, ich rede vom Volk. Es hat diese große lebendige Kraft und seine historische Basis sowohl sittlich als politisch bewiesen. Doch um wieder auf unser Gespräch zurückzukommen, will ich von deiner Mutter noch sagen, daß sie ja nicht immer schweigt, manchmal sagt sie auch etwas, aber aus dem, was sie sagt und wie sie es sagt, ersiehst du ohne weiteres, daß dein ganzes Reden nur Zeitverschwendung gewesen ist, selbst wenn du sie fünf Jahre lang allmählich vorbereitet hast. Zudem sind es die überraschendsten Entgegnungen. Und merke dir wiederum, ich sage von ihr durchaus nicht, daß sie dumm sei; im Gegenteil, sie hat in ihrer Art Verstand, und sogar einen sehr bemerkenswerten. Übrigens, an den Verstand wirst du vielleicht nicht glauben ...“
„Warum nicht? Ich glaube nur daran nicht, daß Sie selbst an ihren Verstand glauben, das heißt, wirklich und ohne sich zu verstellen.“